KI macht Cyberkriminelle schneller und zwingt Banken zum Umdenken

Wer heute ein Konto bei einer Digitalbank eröffnet, benötigt oft weniger als eine Minute. Was für Kunden ein Komfortgewinn ist, eröffnet Betrügern neue Möglichkeiten.

«Früher versuchten Kriminelle einzelne Konten zu eröffnen. Heute greifen sie digitale Onboarding-Prozesse automatisiert mit Bots an und testen systematisch Schwachstellen», sagt Chris van Straeten, Chief Risk Officer von Fourthline, im Gespräch mit finews.

Besonders künstliche Intelligenz beschleunige diese Entwicklung.

Deepfakes werden zur neuen Realität

Mit modernen KI-Modellen lassen sich inzwischen Ausweisdokumente, Selfies und Videoidentitäten täuschend echt manipulieren.

«KI macht Cyberkriminalität einfacher – aber sie hilft gleichzeitig auch dabei, Betrug besser zu erkennen.»

Selbst erfahrene Mitarbeitende könnten hochwertige Fälschungen mit blossem Auge kaum noch erkennen.

«KI macht Cyberkriminalität einfacher – aber sie hilft gleichzeitig auch dabei, Betrug besser zu erkennen», sagt van Straeten.

Der Wettlauf zwischen Angreifern und Verteidigern werde deshalb zunehmend zu einem technologischen Wettbewerb.

Die erste Minute entscheidet

Aus Sicht von Fourthline fällt die wichtigste Entscheidung bereits beim ersten Kundenkontakt. Werden Betrüger erfolgreich identifiziert, bleibt das Risiko überschaubar. Gelingt ihnen hingegen die Kontoeröffnung, bleibt für Banken lediglich noch Schadensbegrenzung.

Fourthline setzt nach eigenen Angaben bereits beim Onboarding auf mehr als 200 automatisierte Prüfungen. Neben Ausweisdokumenten analysiert das System unter anderem Geräteeigenschaften, Spracheinstellungen, Standortdaten, VPN-Nutzung sowie biometrische Merkmale.

Aus der Kombination dieser Informationen entsteht ein umfassendes Risikoprofil des Antragstellers.

KYC endet nicht nach der Kontoeröffnung

Für van Straeten besteht ein häufiger Fehler vieler Institute darin, Know-your-Customer-(KYC)-Prozesse als einmalige Prüfung zu verstehen. Tatsächlich müsse die Identität eines Kunden während der gesamten Geschäftsbeziehung laufend überprüft werden.

Fourthline spricht deshalb von einem «Lifecycle KYC». Dabei werden beispielsweise neue Medienberichte, Sanktionslisten oder politisch exponierte Personen (PEPs) kontinuierlich überwacht.

Verändern sich Risikofaktoren oder weicht das Verhalten eines Kunden deutlich vom bisherigen Profil ab, sollte eine erneute Identitätsprüfung ausgelöst werden. Ebenso wichtig sei die enge Verzahnung mit dem Transaktionsmonitoring.

«Onboarding und Transaktionsüberwachung sind zwei Seiten derselben Medaille», sagt van Straeten.

Neobanken holen bei Compliance auf

Lange galt die schnelle digitale Kontoeröffnung als grösster Wettbewerbsvorteil der Neobanken. Nach Einschätzung von van Straeten verändert sich dieses Bild jedoch zunehmend.

«Je reifer eine Neobank wird, desto stärker nähert sie sich den Compliance-Standards traditioneller Banken an.»

Während viele klassische Banken noch mit komplexen Legacy-Systemen kämpfen, verfügen Digitalbanken zwar über modernere IT-Architekturen, mussten in der Vergangenheit jedoch häufig höhere Risiken akzeptieren, um möglichst rasch Kunden zu gewinnen.

Mit zunehmender Grösse steige jedoch auch der regulatorische Druck. «Je reifer eine Neobank wird, desto stärker nähert sie sich den Compliance-Standards traditioneller Banken an», sagt van Straeten. 

Neue EU-Regeln verändern den Markt

Zusätzlichen Handlungsdruck erzeugt die neue europäische Geldwäscheregulierung. Mit dem Inkrafttreten des neuen EU-Anti-Money-Laundering-Regelwerks (AMLR) im Juli 2027 werden zahlreiche nationale Besonderheiten durch ein einheitliches europäisches Regelwerk ersetzt.

Künftig sollen Identitätsprüfungen innerhalb der EU weitgehend harmonisiert werden – unter anderem durch den verstärkten Einsatz elektronischer Identitäten und der künftigen European Digital Identity Wallet.

Für Banken vereinfacht dies grenzüberschreitende Prozesse. Gleichzeitig könnten standardisierte Verfahren auch Kriminellen neue Angriffsmöglichkeiten eröffnen.

Der Wettlauf geht weiter

Trotz immer leistungsfähigerer KI sieht van Straeten keinen Grund für Pessimismus. Zwar würden Betrugsversuche technisch immer ausgefeilter.

«Die entscheidende Frage wird sein, wer technologisch schneller lernt.»

Doch dieselben Technologien stünden auch Banken, Spezialanbietern und Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung.

Fourthline arbeitet nach eigenen Angaben unter anderem mit Europol sowie nationalen Polizeibehörden zusammen, um neue Betrugsmuster möglichst früh zu identifizieren.

Van Straeten: «Die gute Nachricht ist: KI hilft beiden Seiten. Die entscheidende Frage wird sein, wer technologisch schneller lernt.»