Weshalb Bellevue ein Comeback der Medtech-Aktien sieht 

Der KI-Boom hat an den Börsen nicht nur Gewinner hervorgebracht. Während Milliarden in Halbleiter- und Technologiewerte flossen, gerieten andere Wachstumssektoren unter Druck. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Medizintechnik.

Für Bellevue Asset Management ist dies nicht die ganze Geschichte. «Die Fundamentalfaktoren sind nach wie vor sehr stark und werden tendenziell noch etwas stärker», sagte Marcel Fritsch vom Medtech-&-Services-Team von Bellevue am Montag an einem Investor Lunch in Zürich.

Die Schwäche sei vielmehr wesentlich durch Kapitalflüsse verursacht worden. Viele Medtech-Investoren seien technologieaffin und hätten im Zuge des KI-Booms Gelder in Halbleiteraktien umgeschichtet. Die Bellevue-Präsentation zeigt für 2026 eine auffällige gegenläufige Entwicklung von Medtech- und Halbleiterwerten. 

KI-Boom saugte Kapital ab

Die Folgen waren beträchtlich. Die langfristige Performance des Sektors hat sich deutlich abgeschwächt. Fritsch zufolge lag die annualisierte Rendite über zehn Jahre Mitte 2024 noch bei rund 13,2 Prozent. Inzwischen seien es nur noch etwa 6,2 Prozent.

Bellevue sieht darin jedoch keinen Beleg dafür, dass die strukturelle Wachstumsstory gebrochen ist. Vielmehr sei überproportional viel Kapital aus Medtech in die grossen Gewinner des KI-Booms geflossen.

Nun könnte der Wind drehen. Seit Juli schlägt der Medtech-Sektor gemäss Bellevue den Nasdaq 100 um rund 10 Prozentpunkte. Die Jahresperformance des Sektors verbesserte sich gleichzeitig von minus 22 Prozent im Mai auf minus 11 Prozent im August.

«Wir glauben, dass sich das bei den KI-getriebenen Aktien etwas normalisiert hat», sagte Fritsch. Ein Teil der dort erzielten Gewinne sei realisiert worden und zurück in Medtech geflossen.

Wachstum von 6 bis 7 Prozent

Entscheidend für die Anlageargumentation von Bellevue ist jedoch weniger die kurzfristige Sektorrotation als die operative Entwicklung.

Für den globalen Medtech-Markt erwarten Analysten bis 2030 weiterhin ein organisches Umsatzwachstum von jährlich rund 6 bis 7 Prozent. Bellevue sieht drei wesentliche Treiber: Innovation, eine breitere Kostenerstattung medizinischer Behandlungen und die demografische Entwicklung. 

«Aufgrund der Innovation könnte sich das Wachstum des Sektors ab 2027 eher etwas beschleunigen», sagte Fritsch.

Stefan Blum sieht dabei bereits die nächste Generation sogenannter Blockbuster-Märkte entstehen. Bellevue richtet seine Anlagestrategie gezielt auf Bereiche aus, die deutlich schneller wachsen als der Gesamtmarkt.

Zu den etablierten Wachstumsfeldern gehören kontinuierliche Glukosemessung, robotergestützte Chirurgie, neue Verfahren bei Herzrhythmusstörungen sowie minimalinvasive Eingriffe bei strukturellen Herzerkrankungen.

Die nächsten Blockbuster stehen bereit

Doch Bellevue blickt bereits darüber hinaus. Zu den möglichen Blockbuster-Märkten der nächsten Generation zählen unter anderem die renale Denervation zur Behandlung von Bluthochdruck, kontinuierliche Kaliumsensoren, neue Verfahren zur Behandlung von Typ-2-Diabetes sowie neue Radiotracer für die PET-Bildgebung. Bellevue schätzt, dass Blockbuster-Märkte rund 30 Prozent des künftigen Umsatzwachstums des globalen Medtech-Marktes tragen könnten. 

Besonders viel Potenzial sieht Blum bei der renalen Denervation. Dabei werden überaktive Nerven rund um die Nieren mittels eines minimalinvasiven Kathetereingriffs behandelt, um den Blutdruck zu senken.

Noch ist der Markt klein. Bellevue erwartet jedoch, dass er von rund 40 Millionen Dollar 2025 auf knapp 1,2 Milliarden Dollar 2030 wachsen könnte. Ein entscheidender Faktor ist dabei die Kostenübernahme durch Versicherungen. Derzeit liegt die Erstattungsabdeckung in den USA laut Bellevue bei rund 55 Prozent; bis 2030 werden mehr als 80 Prozent erwartet. 

Ein Sensor für Glukose und Kalium

Noch grösser könnte ein anderer Markt werden: die kontinuierliche Messung von Kalium.

Erhöhte Kaliumwerte stellen insbesondere für Patienten mit chronischen Nieren- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein erhebliches Risiko dar. Neue Sensoren sollen künftig Glukose und Kalium kontinuierlich und in Echtzeit messen.

Bellevue verweist dabei unter anderem auf Dexcom. Ein entsprechender kombinierter Sensor wird für das erste Halbjahr 2028 erwartet. Bellevue beziffert das langfristige Umsatzpotenzial kontinuierlicher Kaliumsensoren auf bis zu 14 Milliarden Dollar – eine Grössenordnung, die sich dem heutigen Markt für kontinuierliche Glukosemessung annähern könnte.

Für Blum ist dabei entscheidend, dass viele der potenziellen Patienten bereits mit kontinuierlichen Glukosesensoren vertraut sind. Damit könnte sich für die Anbieter ein bestehender Kundenstamm für zusätzliche Anwendungen erschliessen.

Babyboomer erreichen entscheidendes Alter

Hinzu kommt die Demografie. Ein seit Jahrzehnten bekanntes Investmentthema werde nun zunehmend in den tatsächlichen Behandlungszahlen sichtbar, argumentiert Blum.

«Jetzt, wo es tatsächlich passiert, merkt man es eigentlich», sagte er mit Blick auf die Babyboomer. 2026 erreichten die ersten Angehörigen dieser Generation das Alter von 80 Jahren – eine Lebensphase, in der die Gesundheitsausgaben und die Zahl medizinischer Eingriffe deutlich steigen.

Auch eine breitere Kostenerstattung dürfte die Nachfrage zusätzlich antreiben. Neue medizinische Verfahren können sich nach Einschätzung von Bellevue erst dann wirklich durchsetzen, wenn nicht nur die klinischen Resultate überzeugen, sondern Versicherer die Behandlungskosten übernehmen.

Historischer Bewertungsabschlag

An der Börse wird dieses Wachstumspotenzial derzeit jedoch vergleichsweise tief bewertet.

Der Medtech-Sektor handelt laut Fritsch derzeit mit einem Abschlag von rund 11 Prozent gegenüber dem S&P 500. Historisch habe Medtech dagegen typischerweise mit einer Prämie von etwa 15 bis 20 Prozent gehandelt. Das Forward-KGV für die kommenden zwölf Monate liegt bei rund 19. Bellevue beziffert den historischen Durchschnitt auf 23,9 und das Niveau vor der Pandemie auf rund 27. 

Dass die Bewertungen inzwischen auch strategische Käufer anlocken, zeigt nach Einschätzung von Bellevue die zunehmende M&A-Aktivität.

Im August wurde die Übernahme von Lantheus durch Curium für rund 8 Milliarden Dollar angekündigt. Gleichzeitig übernimmt KKR Integer Holdings für rund 5,7 Milliarden Dollar. Daneben gab es mehrere grössere strategische Transaktionen im Sektor. Bellevue Medtech & Services Investors Lunch 2026.pdf

Fritsch misst insbesondere dem Einstieg von Private Equity Signalwirkung bei: «Wenn Private Equity beginnt, Medizintechnikfirmen zu kaufen, dann sicher nicht, weil diese übermässig teuer sind.»

Bellevue selbst setzt dabei überwiegend auf etablierte Grossunternehmen. Rund 97 Prozent des Medtech-&-Services-Portfolios entfallen auf Large Caps. Für die Portfoliounternehmen erwartet der Asset Manager von 2025 bis 2030 im Durchschnitt ein jährliches Umsatzwachstum von knapp 8 Prozent und ein Wachstum des Gewinns je Aktie von gut 13 Prozent.