Rino Borini zum neuen Bitcoin-Dollar-ETP: «Ich muss Fiat nicht lieben»
Vergangene Woche haben das House of Satoshi, Aisot Technologies und Maverix Securities ein neues Exchange Traded Product (ETP) namens BTCAI lanciert, das sich auf auf Bitcoin und Cash in Dollar bezieht. Das Verhältnis der beiden Basiswerte wird monatlich angepasst, aufgrund der Signale eines Modells, das auf künstlicher Intelligenz (KI) basiert.
Rino Borini ist Mitgründer des House of Satoshi, das sich als «erstes Ladenlokal & Community-Plattform der Schweiz für Bitcoin und Co» definiert. Seit Jahren ist er als Unternehmer und Experte in den Bereichen digitale Finanzwelt, KI und Kryptowerte tätig. Er ist beispielsweise Gründer und CEO von Scarossa, einer unabhängigen Digital-Finance-Boutique in Zürich, die auch Unternehmen bei der digitalen Transformation berät. Borini ist einer der bekanntesten Vertreter der Schweizer Kryptoszene und kennt sich in der traditionellen Finanzindustrie ebenfalls sehr gut aus.
Herr Borini, Strukis, Zertifikate und ETP, bei denen die Gewichtung während der Laufzeit nach bestimmten Kriterien oder einem Algo modifiziert wird, gibt es schon lange. Was ist bei diesem Produkt wirklich neu?
Ja, die Idee, eine Bitcoin-Quote dynamisch zu steuern, ist nicht neu. Es gibt bereits ein paar ähnliche Konstruktionen – mit Bitcoin und Cash, aber auch mit anderen Anlageklassen. Was genau hinter den jeweiligen Modellen steckt, kann ich von aussen natürlich nicht beurteilen.
Ich kann deshalb nur erklären, wie wir es machen. Unser Strategiegeber Aisot analysiert nicht nur vergangene und aktuelle Marktentwicklungen. Zusätzlich kommt eine neue Generation von Prognosemodellen zum Einsatz, die Aisot als Schweizer ETH-Spin-off selbst entwickelt hat. Dabei werden sehr unterschiedliche Daten verarbeitet: Marktdaten, technische Indikatoren, makroökonomische Daten, Daten aus anderen Anlageklassen und eine News-Komponente mit Informationen aus über 150'000 News-Outlets. Die Modelle werden jede Nacht mit den neuesten Informationen neu trainiert.
Entscheidend ist aber, was danach passiert: Die KI liefert nicht einfach ein «Kaufen» oder «Verkaufen». Sie schätzt das Renditepotenzial von Bitcoin und die Unsicherheit dieser Einschätzung. Auf dieser Basis wird das Portfolio systematisch unter Risikoaspekten optimiert. Und dann gibt es noch eine weitere Ebene, die für uns genauso wichtig ist, und die habe ich so in der Schweiz nicht gesehen.
Welche?
Die Community. Das ETP ist aus unserer seit 2020 aufgebauten Privatanleger-Community entstanden. Wir haben nicht zuerst ein Produkt gebaut und danach nach Kunden gesucht. Wir haben über Jahre mit Anlegern gesprochen, ihre Fragen und Bedürfnisse aufgenommen und daraus gemeinsam mit Aisot verschiedene Ansätze entwickelt. Die Community hat sich letztlich für die Bitcoin-Cash-Strategie entschieden.
«Wirklich neu ist die Kombination: eine neue KI-Generation, eine systematische Risikooptimierung und ein Produkt, das aus einer echten Community heraus entstanden ist.»
Wenn Sie mich also fragen, was bei BTCAI wirklich neu ist: Es ist nicht ein einzelner Baustein. Es ist die Kombination aus einer neuen KI-Generation, einer systematischen Risikooptimierung und einem Produkt, das aus einer echten Community heraus entstanden ist.
Sie sagen, dass es sich um eine Community-driven Produkt handelt. Behaupten letztlich nicht alle ETP-Anbieter, dass sie auf Marktbedürfnisse reagieren und Kunden zuhören?
Ja, da haben Sie recht. Aber das allein macht ein Produkt noch nicht Community-driven.
Der Unterschied liegt für mich in der Rolle, welche die Community im Entwicklungsprozess spielt. Bei uns kam das konkrete Bedürfnis aus der Community, wurde dort diskutiert und hat letztlich Impulse zur Entwicklung des Produkts gegeben. Die Community war also mehr als nur Feedbackgeber für ein bereits bestehendes Produkt. Und Community bedeutet für mich auch nicht einfach einen zusätzlichen Absatzkanal.
Sondern?
Community muss viel breiter gedacht wird. Es geht um Feedback, Support, Austausch, Produktentwicklung und auch um Vertrauen und Brand Advocacy. Daraus kann natürlich Wachstum entstehen, aber eben indirekt.
Wir wollen mit BTCAI nicht einfach ein weiteres Finanzprodukt auf den Markt bringen. Wir wollen ein Produkt schaffen, das Menschen begeistert, durch die Idee, die Qualität, die Einfachheit und das gesamte Produkterlebnis. Wenn man Menschen für ein Produkt begeistern will, muss man erst recht liefern. Die Technologie muss funktionieren, die Strategie muss sich im echten Markt beweisen, und der Service muss stimmen.
Ist es das erste Mal, das sich das House of Satoshi direkt an einer Emission eines ETP beteiligt? Sind damit nicht auch Reputationsrisiken verbunden, beispielsweise, dass Ihre Unabhängigkeit in Zweifel gezogen wird?
Das ETP ist für House of Satoshi definitiv ein neuer Schritt. Wir sind Vertriebspartner und damit auch wirtschaftlich beteiligt. Deshalb würde ich auch nicht behaupten, dass wir bei diesem ETP völlig unabhängig sind. Das wäre nicht glaubwürdig. Für mich bedeutet Unabhängigkeit aber nicht, dass man niemals mit einem Produkt zusammenarbeiten darf. Entscheidend ist, dass man seine Rolle offenlegt und das Produkt trotzdem kritisch beurteilt.
«Das ETP ist für House of Satoshi definitiv ein neuer Schritt. Wir sind Vertriebspartner und damit wirtschaftlich beteiligt.»
Wir sagen deshalb auch klar: Die KI kann falsch liegen. Sie verhindert keine Verluste. Und Buy and Hold kann in bestimmten Marktphasen besser abschneiden. Der entscheidende Punkt für mich ist: Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass man behauptet, unabhängig zu sein. Vertrauen entsteht durch Transparenz, Leistung und Service. Und die Rollen innerhalb des Produkts sind klar getrennt.
Maverix Securities fungiert als Emittent des ETP, Aisot Technologies stellt das KI-Modell zur Verfügung, die Verwahrung übernimmt Swissquote. Welche Rolle spielte das House of Satoshi? Gibt es Kick-backs oder Kommissionen?
Wir sind – in der Bitcoin-Welt gesprochen – der Seed, also der Ursprung der Idee, und heute Vertriebspartner. Und ja, natürlich spielt Geld eine Rolle. Wir erhalten eine Vergütung für unsere Funktion, und zwar einen Anteil an Management Fee und Performance Fee, keine Kick-backs.
Das sagen wir auch offen. Man sollte daraus auch kein Geheimnis machen. Bei der Performance Fee gilt das High-Water-Mark-Prinzip. Vereinfacht gesagt: Es wird nicht einfach auf jede positive Bewegung eine Performance Fee erhoben. Entscheidend ist, dass ein neuer Höchststand erreicht wird. Das gefällt mir: Ein Teil unserer Vergütung hängt damit an der tatsächlichen Leistung des Produkts, also «Skin in the Game».
Vor einem Jahr waren die Erwartungen in der Kryptobranche riesig, seither sind manche Träume geplatzt. Welche Rolle spielte das aktuelle Umfeld für die Lancierung und Gestaltung?
Das aktuelle Umfeld war nicht der Auslöser. Die Strategie läuft bei Aisot bereits seit rund drei Jahren im Dry-Run. Wir wollten uns bewusst Zeit nehmen, um die Strategie unter unterschiedlichen Marktbedingungen zu beobachten und die richtigen Partner für die Umsetzung zu finden. Und ganz ehrlich: Mitten in einem Bullenmarkt ein Bitcoin-Produkt zu lancieren, wäre fast ein bisschen zu einfach gewesen...
Jetzt ist die Situation eine andere. Nach der starken Korrektur vom Höchststand sehen Anleger wieder sehr deutlich, was Bitcoin bedeutet: enorme Chancen, aber eben auch enorme Schwankungen. Genau deshalb ist der Zeitpunkt interessant. Wir müssen Anlegern jetzt keine schöne Bitcoin-Geschichte erzählen. Wir können ihnen zeigen, warum wir überhaupt eine dynamische, risikooptimierte Strategie entwickelt haben.
«Mitten in einem Bullenmarkt ein Bitcoin-Produkt zu lancieren, wäre fast ein bisschen zu einfach gewesen.»
Wir wollen Bitcoin nicht ersetzen. Wir wollen an der Entwicklung von Bitcoin partizipieren und die Bitcoin-Exponierung abhängig von den Signalen der Strategie dynamisch steuern. Jetzt muss sich die Idee im echten Markt beweisen.
In der Medienmitteilung haben Sie betont, dass den Anlegern die Aufbewahrung sehr wichtig ist. Aber bei ETF und ETP auf andere Basiswerte spielt das doch den meisten Investoren auch keine Rolle. Was ist bei Krypto anders?
Wer Bitcoin selbst hält, trägt auch selbst die Verantwortung für die Private Keys. Bei einem ETP ist das anders: Der Anleger gibt das Key Handling an einen professionellen Anbieter ab. Und damit wird Vertrauen plötzlich sehr wichtig: Wer verwahrt meine Bitcoin? Wie seriös ist der Anbieter? Wie ist die Struktur aufgebaut?
Gerade im Kryptobereich haben wir in der Vergangenheit genügend Börsen und Plattformen gesehen, die gehackt wurden und wo Anleger ihr Geld verloren haben. Deshalb ist Verwahrung für uns ein zentraler Punkt. Wir haben darum die gesamte Wertschöpfungskette in der Schweiz: Schweizer Emittent, Schweizer Strategiepartner und Schweizer Verwahrung.
Das macht das Produkt nicht risikofrei. Aber gerade bei digitalen Vermögenswerten halte ich es für wichtig, dass der Anleger versteht, wo welche Risiken liegen und wer welche Verantwortung trägt.
Tut es einem hartgesottenen Hardcore-Bitcoiner nicht ein bisschen weh, wenn er gleichzeitig in den geliebten Bitcoin und in die Fiat-Schwundwährung Dollar investieren muss?
Ein bisschen, vielleicht. In diesem Kontext sage ich immer: Ich muss Fiat nicht lieben. Ich muss nur wissen, wofür ich es einsetzen kann. Man muss hier zwischen Bitcoin als Überzeugung und Risikomanagement unterscheiden.
Das Produkt richtet sich primär an Anleger, die an Bitcoin partizipieren möchten, aber ihre Bitcoin-Exponierung nicht in jeder Marktphase bei 100 Prozent haben wollen.
Ich muss deshalb auch nicht daran glauben, dass der Dollar langfristig die bessere Anlage ist. Er ist hier ein Werkzeug. Wir beobachten den Markt laufend, und wenn andere Cash-Instrumente eine kostengünstige und liquide Lösung bieten, wäre beispielsweise auch der Franken denkbar.
«Der Dollar ist hier nicht die Anlageidee, sondern dient bloss als Instrument, um die Bitcoin-Quote bei Bedarf zu reduzieren.»
Und vielleicht findet das ein Hardcore-Bitcoiner sogar gut: Der Dollar ist hier nicht die Anlageidee, sondern dient bloss als Instrument, um die Bitcoin-Quote bei Bedarf zu reduzieren. Ein Bitcoiner könnte also weiterhin Bitcoin kaufen und selbst verwahren, klassisch «Sats stacken», und daneben einen anderen Teil seines Vermögens über eine dynamische Strategie investieren.
Investieren Sie denn selber in das neue ETP?
Ich hoffe, Sie stellen die gleiche Frage jedem Struki- und ETF-Anbieter ebenso...
Aber ja, selbstverständlich. Ich bin Unternehmer, da isst man sein eigenes Menü auch. Ich weiss genauso wie jeder andere Anleger, dass die Strategie auch mal falsch liegen kann. Aber wenn ich ein Produkt mit auf den Markt bringe, möchte ich selbst investiert sein.
Wie ist die erste Resonanz? Investieren die Personen, die sich das Produkt gewünscht haben?
Wir sind jetzt gut eine Woche am Start und haben bereits erste Zeichnungen erhalten. Und ich glaube, jeder, der schon einmal ein Unternehmen oder ein Produkt aufgebaut hat, weiss: Die ersten Kunden sind etwas Besonderes. Die Rückmeldungen sind bisher sehr positiv, gerade auch aus unserer Community. Es ist schön zu sehen, dass Menschen, die uns teilweise seit Jahren begleiten, jetzt tatsächlich in ein Produkt investieren, das aus diesem Dialog heraus entstanden ist.
Gleichzeitig ist der Zeichnungsprozess für viele Privatanleger noch ungewohnt, weil er tatsächlich relativ analog läuft: Man muss bei seiner Bank oder seinem Broker eine Zeichnung aufgeben. Willkommen im Jahr 2026! Da müssen wir teilweise unterstützen, auch das gehört für uns zum Service.
Aber ich will nichts schönreden: Das Ganze ist kein Selbstläufer. Wir müssen Vertrauen aufbauen und erklären, was wir hier eigentlich gemacht haben.












