Stijn Vander Straeten: «Wir werden 2027 wieder Kurse über 100'000 Dollar sehen»

Seit rund zehn Jahren beschäftigt sich Stijn Vander Straeten intensiv mit der Welt der digitalen Assets und mit Bitcoin & Co. Heute ist er CEO der Crypto Finance Group, ein Unternehmen, für das er seit 2018 tätig ist. Zuvor arbeitete er für EY, als Gründungspartner für Weisshorn Consulting und als CEO für eine Digitalbank.

Crypto Finance Group ist Teil der Deutsche Börse Gruppe und bietet institutionellen Kunden Lösungen im Bereich digitaler Vermögenswerte. Zur Gruppe zählt zum einem die von der Finma regulierte Schweizer Crypto Finance AG, die Handels -, Verwahrungs- und Wallet-Dienstleistungen anbietet, und ein von der SIX zugelassener Verwahrer für Emittenten von Exchange Traded Products (ETP) auf Kryptowährungen ist. Zum anderen gehört auch die Crypto Finance (Deutschland) GmbH dazu, die Anfang 2025 als eine der ersten Anbieterinnen in der EU überhaupt die Lizenz im Rahmen der Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCAR) erhalten hatte.

Garstiges Umfeld für die Kryptoszene

Die vergangenen elf Monate waren für die Akteure in der Schweizer Kryptoszene alles andere als einfach. Der Bitcoin, weiterhin das unangefochtene Schwergewicht, hatte Anfang Oktober 2025 einen Rekordkurs von über 120'000 Dollar erreicht. Doch dann setzte eine lange Korrekturphase ein, die noch immer nicht ausgestanden ist. Nachdem der Bitcoin zeitweise weniger als 60'000 Dollar kostete, notiert er aktuell wieder etwas über 75'000 Dollar.

Mit Vander Straeten diskutierte finews allerdings nicht nur die aktuellen Markttrends. Themen waren auch die Regulierung in Europa, die Tokenisierung der Finanzmarktinfrastruktur und die Rolle von Stablecoins im künftigen Zahlungsverkehr. Das Gespräch fand am Schweizer Sitz von Crypto Finance statt, im Primetower in Zürich.


Herr Vander Straeten, was hat sich nach Ablauf der Übergangsfrist von MiCAR Ende Juni für den Kryptostandort Schweizer verändert?

Es ist schwieriger geworden, aus der Schweiz heraus für europäische Kunden tätig zu sein. Aber die Auswirkungen auf den europäischen Markt sind ungleich grösser. Auf der einen Seite mussten einige Anbieter ihre Dienstleistungen einstellen, weil sie keine Lizenz erhielten. Das bedeutete für die betroffenen Investoren, dass sie teilweise nicht mehr über ihre Krypto-Assets verfügen konnten. Dass es so weit gekommen ist, hat mich überrascht, spricht man doch in Europa immer davon, den Endinvestor schützen zu wollen.

Auf der anderen Seite bringt MiCAR der Branche im ganzen EU-Raum Rechtssicherheit. Wir profitieren davon und konnten in den letzten Monaten 10 institutionelle Anleger als Kunden gewinnen, bei 14 weiteren sind wir im Prozess des Onboarden.

Ihr Standort Zürich verliert aber mit MiCAR an Bedeutung, oder?

Das Herz unseres Unternehmens schlägt in Zürich, es wurde hier aufgebaut, über 90 Prozent der Mitarbeiter sitzen hier. Die Schweiz bleibt für die Prozesse auch in Deutschland zentral. Aber ja, im Rest von Europa wachsen wir schneller, v.a. deswegen, weil dort Nachholbedarf besteht.

«Im Rest von Europa wachsen wir schneller, weil dort Nachholbedarf besteht.»

Crypto Finance betont, dass ihre Verwahrlösung für die Kryptowerte besonders sicher sei. Aber seit ein paar Monaten gibt es ETP-Anbieter, die in der Finanzwelt schon lange einen grossen Namen haben. Warum sollte ich mir beispielsweise als Blackrock-Kunde Sorgen um die Sicherheit der Verwahrung machen?

Dass grosse Namen den Investor nicht unbedingt vor Schaden schützen, haben wir bereits bei der internationalen Finanzkrise mit Lehman Brothers erlebt. Endkunden sollten bei jedem ETP genau hinschauen, wer der Custodian ist, wie die beteiligten Partner und Gegenparteien heissen und welche Jurisdiktionen im Spiel sind.

Aber Blackrock verfügt doch über eine grosse Bilanz mit viel Eigenkapital und könnte einen Verlust spielend decken?

Eine starke Bilanz ist natürlich ein wichtiger Faktor. Trotzdem sollte man nicht automatisch davon ausgehen, dass ein Anbieter in jedem Szenario sämtliche Verluste übernimmt. Am Ende kommt es auch darauf an, wie das Produkt aufgebaut ist und welche vertraglichen, rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen gelten.

Wie die ganze Krypto-Branche ist auch Crypto Finance ziemlich verschwiegen, wenn es um die eigenen Unternehmenszahlen geht. Gemäss dem Geschäftsbericht der Deutschen Börse 2025 hat die Tochter «die Marktposition durch den Gewinn neuer Kunden im Bankensektor deutlich verbessert». Was wird im Bericht 2026 stehen?

Ich nenne grundsätzlich keine Geschäftszahlen, war aber gerade gestern in Frankfurt zum Rapport. Digital Assets sind für alle Unternehmen der Deutschen Börse langfristig strategisch relevant. Wir arbeiten beispielsweise mit dem Verwahrer Clearstream, der Schwestergesellschaft Eurex und der Devisenhandelsplattform 360T zusammen. In unserem Bereich mit grossen Kunden – in der Schweiz nimmt z.B. die Zürcher Kantonalbank unsere Dienste in Anspruch – gehören wir in Europa im institutionellen Segment zu den erfolgreichsten Akteuren.

Sie haben mit Amina und Incore Bank im April ein Pilotprojekt abgeschlossen, das grenzüberschreitende Zahlungen auf der Google-Blockchain ohne Kryptos oder Stablecoins erprobt hat. Was bringt das, und wird es weitergeführt?

Wir sind im Rahmen unseres Researchs und der Produktentwicklungen an verschiedenen solchen Projekten daran, mit Google und weiteren Partnern. Über die Google-Blockchain konnten wir Instant Payments (Sofortzahlungen) durchführen. Allerdings ist diese Blockchain nicht dezentral und, was zurzeit eher nachteilig ist, amerikanisch. Wir rüsten uns mit solchen Experimenten für die Web 3 Economy, in der Bots und Agents Zahlungen ausführen und dafür entsprechende Wallets benötigen. Google hat diese Entwicklung gut antizipiert.

«Stablecoins sind für ein modernes Zahlungssystem nicht unbedingt notwendig. Die Google-Blockchain funktioniert mindestens so gut.»

Sie haben den Begriff Stablecoin noch gar nicht verwendet.

Stablecoins sind für ein modernes Zahlungssystem auch nicht unbedingt notwendig. Sie wurden erfunden, weil das traditionelle System keine Verarbeitung von Zahlungen rund um die Uhr zulässt, die Krypto-Märkte aber 24 Stunden und 7 Tage offen sind. Doch die Google-Blockchain funktioniert mindestens so gut.

Wie ist das Verhältnis von Stablecoins zu echten Kryptowährungen?

Der Bitcoin wird die Zahlungswelt nicht revolutionieren, er ist ein Anlagethema. Stablecoins wurden etwas überbewertet, letzten Sommer hatten plötzlich viele Banken die Furcht, etwas zu verpassen. Der Zahlungsverkehr ist für die Banken wichtig; sie wollen dieses Geschäftsfeld nicht verlieren. Auch wir hatten viele Gespräche, und Bankenkonsortien lancierten Projekte für den Euro-Stablecoin Qivalis oder das transatlantische Faro. Im europäischen Zahlungsverkehr sehe ich wenig Potenzial, Sie brauchen keinen Stablecoin, um im Coop in Zürich zu bezahlen. Anders sieht es in Entwicklungsländern und Staaten mit hoher Inflation aus, z.B. wenn Migranten aus Lateinamerika oder der Türkei Geld in ihre Heimat überweisen möchten.

Was halten Sie von der Central Bank Digital Currency (CBDC), welche die Europäische Zentralbank forciert? Kann damit wie erhofft die Dominanz der USA im Zahlungsverkehr gebrochen werden?

Ja und nein. Einerseits ist sich die EU der strategischen Tragweite des Themas nicht richtig bewusst. Die USA sind sehr liberal unterwegs, die Notenbank verzichtet auf CBDC und lässt damit Raum für die Privatwirtschaft. Deren Dollar-Stablecoins tragen dazu bei, dass sich die USA günstiger über eigene Staatsanleihen refinanzieren, vielleicht heisst das entsprechende Gesetz deshalb Genius Act. In der Web 3 Economy gehen die Agents dorthin, wo die Regulierung am attraktivsten ist, d.h. am meisten Freiraum belässt. Diese Chance verpasst die EU mit ihrem zentralistischen Ansatz.

«In der Web 3 Economy gehen die Agents dorthin, wo die Regulierung am attraktivsten ist, d.h. am meisten Freiraum belässt.»

Und andererseits?

Es ist besser, wenn die EU etwas halbherzig tut statt gar nichts. Es sind immerhin die richtigen Ansätze vorhanden. Aber ich wünschte mir mehr Kreativität und Tempo und die Ausrichtung auf den Nutzen für die Konsumenten – übrigens auch in der Schweiz, wo die Grundlage für Stablecoin-Emissionen über die Revision des Gesetzes für Finanzinstitute Finig erst noch geschaffen werden muss.

Vor einem Jahr sah die Kryptowelt rosig aus, alle Ampeln standen auf Grün. Bitcoin wurde zunehmend Teil der Anlagewelt auch von Institutionellen und in die Finanzmarktinfrastruktur eingebettet, die USA gaben mit ihrem kryptofreundlichen Kurs mächtig Schub. Doch es kam bekanntlich ganz anders. Der ETP-Anbieter Nxtassets – ein Kunde von Ihnen, in dessen Advisory Board Sie wirken – sprach von einem «eiskalten Wind» für die ganze Branche. Was ist schiefgelaufen?

Der Kryptomarkt ist relativ klein und sehr zyklisch, nicht zuletzt aufgrund der vierjährigen Bitcoin-Halving-Zyklen. Gemäss den Erfahrungswerten müssten wir übrigens ungefähr jetzt die Tiefpunkte erreichen.

Rationale Akteure müssten doch diesen Zyklus längst antizipiert haben, oder?

Teilweise ja. Der Zyklus wirkt aber v.a. deswegen schwächer als früher, weil bereits über 95 Prozent der maximal zulässigen 21 Millionen Bitcoins schon geschürft worden sind. Deswegen und angesichts des tiefen Preises haben gewisse Miners begonnen, ihre Rechenzentren in den Dienst der künstlichen Intelligenz (KI) zu stellen, statt Bitcoins zu schaffen.

«Gewisse Miners haben begonnen, ihre Rechenzentren in den Dienst der KI zu stellen, statt Bitcoins zu schürfen.»

Wie hat sich dieser eisige Wind in Ihrem Unternehmen bemerkbar gemacht?

Das zweite Quartal 2026 war eines der schlechtesten überhaupt, wir hatten weniger Flow. Es dominierten andere Themen wie SpaceX, KI und die Geopolitik, dagegen gab es für Bitcoin & Co keine gute Story. Unabhängig davon läuft die von ihnen angesprochene Aufnahme in die Portfolios und v.a. die Einbettung in die Marktinfrastruktur der Finanzindustrie weiter; diese spiegelt sich allerdings nicht direkt in den Kursen nieder.

Wir haben aber jüngst auch gesehen, wie rasch sich das Volumen vervielfachen kann, nämlich als Scott Bessent Käufe am langen Ende der US-Staatsanleihenkurve angekündigt hat. Ich höre bereits jetzt wieder die Stimmen derjenigen, die sich in einigen Monaten beklagen werden, einen günstigen Einstieg verpasst zu haben.

Wird der Bitcoin-Preis wieder anziehen, weil er in der Vergangenheit langfristig stets zugelegt hat, oder haben Sie bessere Argumente? Welche Muster gibt es?

Der Track Record dieser Anlageklasse ist definitiv zu kurz, um langfristige strukturelle Muster zu identifizieren. Aber als Beimischung sind Krypto schon sehr interessant, als Absicherung gegen die Inflation und die mit der extrem hohen Staatsverschuldung verbundenen weiteren Risiken, also zur Werterhaltung. Keine Zentralbank der Welt kann den Bitcoin-Preis kontrollieren.

Ich bin nicht der einzige, der das so sieht. Der bereits erwähnte weltgrösste Asset Manager hat noch 2022 Kryptowährungen die kalte Schulter gezeigt. Dann ist er 2024 umgeschwenkt und hat ETP auf Bitcoin lanciert.

«Ich empfehle niemanden, der auf sein Geld angewiesen ist, in Kryptos zu investieren.»

Dann kann man mit Bitcoin nichts falsch machen, oder?

So einfach ist es nicht. Die Schwankungen sind enorm, und das Risiko, dass der Bitcoin einmal wertlos wird, ist zwar klein, aber eben auch nicht 0 Prozent. Ich empfehle niemanden, der auf sein Geld angewiesen ist, in Kryptos zu investieren.

Und wo steht der Preis in einem Jahr?

Das ist von vielen Faktoren abhängig. Und in einer Krise verlieren Bitcoin und Gold in einer ersten Phase oft an Wert, weil viele diese Assets verkaufen, um liquide zu bleiben. Erst danach wirkt das Safe-Haven-Argument kurstreibend. Aber ich wage dennoch den Blick in die Kristallkugel und sage, dass wir 2027 wieder Kurse über 100'000 Dollar sehen werden.