Philipp Schwander: «Fast alle Betriebe in Saint-Émilion könnte man kaufen»

Wie ist die Stimmung im Bordelaiser Weingewerbe? Einfach etwas verhalten oder katastrophal?

Nicht gut! Dem Besitzer von Ausone sagte ich, dass ich gehörte hätte, rund 40 Weingüter aus Saint-Émilion stünden zum Verkauf. Er lachte nur und sagte: Eigentlich könne man zur Zeit fast alle Betriebe kaufen! Gerade in Saint-Émilion hatten die Winzer teilweise exorbitante Zusatzkosten bedingt durch die Anforderungen der Klassifikation. Da wurde verlangt, in repräsentative Gebäude zu investieren, was für eine hohe Weinqualität überhaupt nicht notwendig ist. Dieses Geld fehlt jetzt. Kurzum: Die Stimmung ist getrübt und von grosser Unsicherheit geprägt.

Aber eben: Es ist nicht nur ein Phänomen von Saint-Émilion.

Die Rebbaufläche im Bordeaux ist in den letzten drei Jahren um 20 Prozent reduziert worden. Es gab in diesem Anbaugebiet immer auch eine relativ grosse Anbaufläche von sehr einfachen Weinen, die immer weniger Abnehmer finden. Die berühmten Weine sind davon nicht tangiert.

«Es gibt weltweit keine einzige Region, in der man derart attraktive Weine zu so günstigen Preisen finden kann.»

Das heisst, die Probleme sind eigentlich am unteren Ende der Preisskala konzentriert?

Auch die besten Weingüter können nicht mehr zu diesen hohen Preisen verkaufen. Aber sie werden überleben. Grössere Probleme haben jene, die eine sehr ambitionierte Qualität erzeugen, aber noch nicht berühmt sind. Sie können keine Top-Preise verlangen. Das ist besonders bedauerlich, weil es gerade in Bordeaux wahnsinnig viele hervorragende Weine zu extrem vernünftigen Preisen gibt. Es gibt weltweit keine einzige Region, in der man derart attraktive Weine zu so günstigen Preisen finden kann. Wenn man denn sucht…

Das ist die Raison d’être Ihrer Sélection Schwander: sehr hohe Qualität bei freundlichen Preisen.

Wir sprechen den Weinfreund an, der nicht bereit ist, Unsummen auszugeben. Luxus ist etwas anderes. Man kann es ein wenig mit Uhren vergleichen – «Patek Philippe», «Audemars Piguet», «Vacheron Constantin» beispielsweise: Es gibt zahlreiche Uhren aus dem mittleren Segment, die viel weniger kosten und qualitativ auch sehr überzeugen. Aber das ist dann mehr Gebrauchsartikel als Luxus. Ähnlich ist es bei den Weinen: Es gibt wirklich exzellente Gewächse, aber sie haben nicht den Glanz und das Prestige eines «Cru Classé». Teilweise sucht man diese besondere Aura ja bewusst. Etwa wenn man Gäste hat: Man will ihnen die Ehre erweisen und sagt: «Ich mache einen Château Haut-Brion für dich auf und nicht einen Wein von Schwander, der zwar gut schmeckt, aber von dem jeder weiss, dass er preiswert ist.»


Der neue Gärkeller von «Château Angélus». (Bild: zVg)

Aus dieser Sicht müssten die Verhältnisse für Sie ja paradiesisch sein: Preise und Nachfrage sinken besonders stark in dem Segment, in dem Sie suchen.

Die Verhältnisse sind für uns gut, allerdings macht uns wie allen Akteuren der sinkende Konsum zu schaffen. Gegenüber den Produzenten muss man aber unbedingt fair bleiben. Wir waren vorher schon auf einem Preislevel bei diesen Weingütern, wo sie zwar etwas verdient haben, aber nicht sehr viel. Wir können nicht noch weiter heruntergehen mit den Preisen. Es hilft niemandem, wenn der Winzer nichts mehr verdient.

Ein Geschäft muss immer beiden Seiten zu einem gewissen Mass Freude bereiten.

Gerade die guten Weingüter, deren Weine so um die 20 Franken verkauft werden, haben keinen grossen Spielraum mehr für Preissenkungen, da die Kosten ähnlich hoch sind wie bei den berühmten Châteaux. Den Premier Crus, die vorher für 600 Franken verkauften, tut es deutlich weniger weh, jetzt auf 400 oder 350 Franken zu reduzieren.

Gibt es im allerobersten Segment – «Patek Philippe – eine Immunität gegenüber dem allgemeinen Preistrend?

Im Gegensatz zu «Patek Philippe» kommen die «Premiers Crus» ein wenig unter Druck, aber nicht so stark. Wie bei anderen Luxusgüter-Bereichen: Die oberste Liga hat am wenigsten Probleme. Sie können jetzt nicht mehr irgendwelche verrückten Preise aufrufen, aber sie verdienen immer noch sehr gut. Man kann davon ausgehen, dass ein «Premier Cru» in der Herstellung etwa 12 Franken kostet. Wenn dieser für 300 Franken verkauft, bleibt immer noch der eine oder andere Franken für eine warme Mahlzeit übrig (lacht).

«Eine gute Flasche zur Beruhigung öffnen und sich freuen, dass man herrliche Weine im Keller hat.»

Was raten Sie jemandem, der in den letzten fünfzehn Jahren – vielleicht auch mit Blick auf eine Vermehrung seines Vermögens – den Weinkeller mit Bordeaux gefüllt hat? Trinken oder liegen lassen und darauf hoffen, dass es preislich wieder einmal aufwärts geht?

Generell sieht es im Moment überhaupt nicht so aus, als ob uns ein neuer Boom bevorstehen würde. Die bekannten, sehr guten Jahrgänge, 2009 zum Beispiel, aber auch 2010, wurden «en primeur» zu extrem hohen Preisen verkauft. Heute kann man sie und viele andere Bordeaux zu tieferen Preisen erwerben. Ich würde deshalb vorschlagen: Eine gute Flasche zur Beruhigung öffnen und sich freuen, dass man herrliche Weine im Keller hat und sich bewusst werden, dass man sein Geld seinerzeit vielleicht gescheiter anders angelegt hätte. Mit der Frage nach Wein als Anlageklasse habe ich mich einmal vertieft in einem Fachartikel auseinandergesetzt.

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Verkostung mit Philippe Bascaules, dem Gutsleiter von «Château Margaux» (Mitte) und Benjamin Vimal, Directeur technique et d'Exploitation. Bild: zVg)

Aus dem Sortiment Ihrer Weinhandlung: Was sind Ihre persönlichen Bordeaux-Empfehlungen?

Im etwas höheren, ambitionierten Bereich haben wir einen Saint Emilion, eine Spezialfüllung des «Château du Cauze»: «Cuvée Sandra». Er wird wie ein «Premier Cru» erzeugt und in zu 100 Prozent neuen Barriques gereift. Der Ehrgeiz des Besitzers, der die Schulbank zusammen mit Alain Vauthier von «Château Ausone» gedrückt hat, ist es, den bestmöglichen Wein zu machen. Qualitativ kann diese Cuvée mit exzellenten, klassierten Weingütern problemlos mithalten. Zurzeit verkaufen wir den 2023er für 40 Franken. Man sollte ihn allerdings unbedingt noch drei bis fünf Jahre reifen lassen.

Und im Bereich Alltagswein?

Sehr viel Trinkvergnügen bereitet der «Le Doyenné», dessen Jahrgang 2018 wir derzeit verkaufen. Er ist sehr elegant und finessenreich und wurde ebenfalls wie ein «Cru Classé» erzeugt. Der Wein kostet erstaunliche 14,90 Franken. Ich habe ihn sogar schon neben Bordeaux «Premiers Crus» serviert und er hat dabei immer eine überraschend gute Figur gemacht. Wir können noch fünf Jahrgänge anbieten, dann ist leider Schluss. Der Betrieb schrieb zwar keine roten Zahlen, aber die Produktion rechnete sich nicht mehr, und der Verkauf wurde zu aufwendig, da das Prestige fehlt, um einen vernünftigen Preis verlangen zu können.


Der Ostschweizer Philipp Schwander entdeckte seine Leidenschaft für Wein mit 16 Jahren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung verantwortete er mehr als eine Dekade lang den Einkauf bei der St. Galler Weinhandlung «Martel», bevor er vier Jahre lang die Zürcher Weinhandlung «Albert Reichmuth» führte. 2003 gründete er seine eigene «Sélection Schwander». Schwander war der erste Schweizer, der die härteste Weinprüfung der Welt erfolgreich absolviert hat – den Master of Wine (1996). Die «Weinakademie Österreich» ernannte ihn zum Ehrenmitglied.