Hacker leeren Tausende «sichere» Bitcoin-Wallets

In der Szene ist die Aufregung riesig. «Meine Bitcoins waren in Cold-Storage. Meine Schlüssel waren auf einem Coldcard-Gerät gespeichert, das in einem Tresor lag und nie mit dem Internet verbunden war», berichtete ein Nutzer auf X. Dennoch sind seine Bitcoin seit kurzem weg. Er ist eines von 4'500 Opfern von Hackern, die eine Sicherheitslücke bei Coldcard entdeckt haben und die Wallets nun systematisch leerräumen. 

Das kanadische Unternehmen Coinkite informierte Nutzer seiner Coldcard-Geräte Ende vergangener Woche darüber, dass eine Sicherheitslücke bei den Schlüsseln zum Schutz ihrer Bitcoins einige Wallets kompromittiert habe. Das Problem gehe auf ein «Firmware»-Update 2021 zurück. 

Ursache Softwarefehler

Coldcard ist ein Hardware-Wallet, mit dem Nutzer ihre Bitcoins in sogenannten Cold Wallets sichern können. Diese gelten als besonders sicher, weil sie vom Internet getrennt sind. Ein Softwarefehler in den Coldcard-Geräten führte jedoch dazu, dass die erzeugte «Seed Phrase» – eine lange Folge von Wörtern, mit der auf ein Wallet zugegriffen werden kann – voraussagbar war. Das geht aus einem Bericht des Engineering-Teams von Block Inc. hervor.

«Das entlarvt den Irrglauben, dass Kryptowährungen sicher sind, nur weil sie offline gespeichert werden», sagte Aneirin Flynn, CEO des Cybersicherheitsspezialisten Failsafe gegenüber dem Handelsblatt. «Das Gerät erzeugt lediglich Ihre Passwörter. Wenn die zugrunde liegende Mathematik fehlerhaft ist, lassen sich diese Passwörter zurückberechnen.»

Weniger schwere Diebstähle, mehr Angriffe

Im bisherigen Jahresverlauf 2026 liegt der Wert gestohlener Kryptowährungen unter dem Vorjahresniveau. Nach einem im vergangenen Monat veröffentlichten Bericht von TRM Labs beliefen sich die Verluste im ersten Halbjahr auf insgesamt 972 Millionen Dollar und damit auf weniger als die Hälfte der 2,3 Milliarden Dollar, die im ersten Halbjahr 2025 gestohlen worden waren. Die Zahl der Angriffe stieg jedoch auf 207 und erreichte damit den höchsten Stand für einen Sechsmonatszeitraum.

Die bislang bekannten Schäden im Zusammenhang mit Coldcard-Wallets summieren sich auf knapp unter 114 Millionen US-Dollar. Die genauen Umstände der einzelnen Vorfälle sind noch nicht vollständig aufgeklärt, doch das Muster der Verluste deutet auf eine Serie koordinierter oder strukturell ähnlicher Angriffe hin.

Verunsicherung in der Bitcoin-Community 

Der laufende Angriff sorgt laut BTC-ECHO für erhebliche Verunsicherung in der Bitcoin-Community. Betroffenen Nutzern wird geraten, ihre Bitcoin vorsorglich auf neue Wallets zu übertragen. 

Nach Angaben von CryptoQuant wurden am Freitag rund 39’600 Bitcoins in Transaktionen mit weniger als 1 Bitcoin transferiert. «Die Bitcoin-Kleinanleger haben seit dem FTX-Kollaps nicht mehr so viele Bitcoins an einem Tag bewegt», schrieb CryptoQuant-Researchchef Julio Moreno auf X.

Der Vorfall befeuert zudem die Debatte über die Verwahrung von Bitcoin. Bloomberg-ETF-Analyst Eric Balchunas sieht darin Argumente für Spot Bitcoin ETFs, während Nick Neuman, CEO des Bitcoin-Sicherheitsunternehmens Casa, den Angriff als Folge eines Fehlers bei einem einzelnen Wallet-Hersteller einordnet.