GAM-CFO Gerhard Lohmann: «Das erste Halbjahr ist der erste Schritt»
Herr Lohmann, im Halbjahresabschluss versprüht GAM dosierten Optimismus. Der Aktienbörse scheint weiterhin skeptisch zu sein, der Blick auf den langfristigen Chart stimmt melancholisch. Was muss GAM alles tun, um den Markt zu überzeugen?
Wir werden den Markt von unserer Strategie überzeugen, wenn wir diese konsequent liefern und die finanziellen Kennzahlen nachhaltig verbessern. Das erste Halbjahr ist der erste Schritt: Verluste minus 39 Prozent, Kosten minus 17 Prozent, Rücknahmen minus 81 Prozent, und die zugrunde liegenden Nettomittelzuflüsse sind erstmals seit dem ersten Halbjahr 2018 wieder positiv. Der Markt unterschätzt aus unserer Sicht, wo GAM heute steht: eine schlanke Plattform, stabile und erfahrene Teams, eine Produktpalette für genau das Umfeld, in dem Investoren heute agieren.
Sie haben den Verlust gegenüber Vorjahr deutlich senken können, dank Kosteneinsparungen. Wie nachhaltig ist diese Strategie, wann ist die Zitrone ausgepresst?
Die Verbesserung ist strukturell und gewollt. Fixkosten und Personalbestand sind je um 19 Prozent gesunken, dank eines schlankeren Betriebsmodells, Outsourcing und vereinfachter Strukturen. Die variable Vergütung haben wir gezielt erhöht, um Schlüsseltalente zu halten. Wir versuchen, unsere Kostenbasis nachhaltig zu senken, und zwar im Wesentlichen durch verstärktes Outsourcing von Support-Prozessen wie auch durch strikte Kostendisziplin.
«GAM ist heute eine agile Investment-Plattform mit einer starken Daten-, Technologie- und Governance-Architektur.»
GAM ist heute eine agile Investment-Plattform mit einer starken Daten-, Technologie- und Governance-Architektur. Das ist die richtige Aufstellung für einen Boutique-Manager, und wir sind bewusst dorthin gekommen. Diese Basis erlaubt uns, künstliche Intelligenz und neue Technologien deutlich wirkungsvoller einzusetzen, als eine Legacy-Struktur es könnte. Hilfreich ist dabei, dass NJJ, die Muttergesellschaft unseres Mehrheitsaktionärs, in Technologie und Fintech führend ist, und unser technologiegetriebenes Geschäftsmodell in der Tiefe versteht. Von hier aus führt der Weg zur Profitabilität über Umsatzwachstum. Eine schlanke Plattform bedeutet, dass Wachstum der verwalteten Vermögen in operativen Hebeln umschlägt und nicht in höhere Kosten.
Wie hat sich der Sparkurs im Personalbestand niedergeschlagen?
Am 30. Juni 2026 zählte GAM 227 Vollzeitstellen, das ist im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025 ein Rückgang um 19 Prozent.
Muss GAM auf der Einnahmenseite weiterhin Konzessionen machen, um Vermögen zu halten?
Nein. Die leicht tiefere Brutto-Marge ergibt sich aus dem Asset-Mix und dem branchenweiten Margendruck, nicht aus Zugeständnissen. Kunden bleiben, weil sie bei uns Zugang zu Strategien erhalten, die anderswo kaum verfügbar sind. Geführt werden diese von spezialisierten Inhouse-Teams gemeinsam mit Investment Partnern, die wir wegen ihrer fundierten und ausgewiesenen Expertise ausgewählt haben.
«Kunden bleiben, weil sie bei uns Zugang zu Strategien erhalten, die anderswo kaum verfügbar sind.»
Swiss Re bringt das Risiko-Knowhow eines weltweit führenden Rückversicherers in unsere Cat-Bond- und ILS-Palette ein. Gramercy ist ein dedizierter Emerging-Markets-Spezialist mit einem Track Record von über 25 Jahren. Liberty Street Advisors öffnet Kunden über GAM LSA Private Shares den Zugang zu Private-Equity-Beteiligungen in der Spätphase. Jeder dieser Partner ist ein langjähriger Spezialist in seinem Markt, und genau deshalb arbeiten wir mit ihnen. Dass die Rücknahmen um 81 Prozent gesunken sind, zeigt, dass unsere Kunden das schätzen.
Das verwaltete Vermögen in Dollar hat allerdings nur leicht zugenommen. Inwiefern profitiert GAM hier vom stärkeren Dollar?
Der Einfluss der Wechselkurse auf die verwalteten Vermögen war im ersten Halbjahr 2026 weitgehend neutral: Der leichte Anstieg des Dollars gegenüber dem Franken wurde durch Bewegungen im Euro und anderen Währungen weitgehend ausgeglichen. Der Anstieg von 12,5 Milliarden auf 12,7 Milliarden Franken kam aus der positiven Marktentwicklung von 0,6 Milliarden Franken und aus dem verbesserten Mittelflussbild, nicht aus Währungseffekten.
Dank einer Bereinigung resultiert ein leicht positiver Nettoneugeldzufluss. Was steckt hinter diesem Sonderfaktor?
Ein einzelner institutioneller Kunde, der seit über zwei Jahrzehnten bei uns ist, hat ein Segregated Account über 0,4 Milliarden Franken zurückgezogen, im Zuge einer Portfolio-Neuordnung nach einer Fusion auf seiner Seite. Mit der Performance oder dem Service von GAM hatte das nichts zu tun.
Wir weisen beide Zahlen aus: Die berichteten Nettomittelflüsse lagen bei minus 0,3 Milliarden Franken; ohne diese eine Position ergibt sich ein Nettozufluss von 38 Millionen Franken, unser erstes positives Flow-Resultat seit dem ersten Halbjahr 2018. Wir zeigen die zugrunde liegende Zahl, weil ein einzelnes kundenspezifisches Ereignis nichts über den Trend aussagt, und dieser hat von 3 Milliarden Franken Abflüssen ins Positive gedreht.
Was sind die Gründe, die Kunden dazu bewegen, Vermögen von GAM abzuziehen?
Institutionelle Abflüsse sind oft eine Frage der Portfoliokonstruktion, nicht der Unzufriedenheit: Rebalancing, Finanzierung von Verpflichtungen, Wechsel von Managern im Rahmen der üblichen Selektionszyklen. Dazu kam ein GAM-spezifischer Faktor: Wenn Manager wechseln, wie bei der Übertragung der Cat-Bond-Strategie an Swiss Re ILS oder bei unserem European-Equities-Team, müssen viele Institutionen zurückziehen oder pausieren, bis die Due Diligence zur neuen Aufstellung abgeschlossen ist.
Ein grosser Teil der erhöhten Rücknahmen von 2025 war in diesem Sinn mechanisch. Als sich die neuen Manager bewährten, kehrte sich das um und wurde zum Treiber von Kundenbindung und Neugeldern: Der Cat Bond Fund schloss das Halbjahr mit knapp 2 Milliarden Dollar. Auf der Zuflussseite war die Nachfrage nach Cat Bonds, Sustainable Emerging Markets Equity und GAM LSA Private Shares am stärksten.
«Die eingereichten Request for Proposals im ersten Halbjahr 2026 entsprechen dem gesamten Volumen im Jahr 2025.»
GAM kann auf eine beeindruckende Anlageperformance verweisen, die deutlich über den Benchmarks liegt. Weshalb schlägt sich das nicht stärker in den AuM nieder? Das müsste doch ein schlagendes Marketing-Argument sein, oder?
Das stimmt, und es ist die Basis für jedes Kundengespräch. Institutionelles Geld folgt der Performance allerdings mit Verzögerung: Allokatoren brauchen abgeschlossene Track Records und Due-Diligence-Zyklen, bevor sie sich festlegen. Genau deshalb ist es so wichtig, dass die Partnerschaften mit Swiss Re und Gramercy nun ihr erstes volles Jahr abgeschlossen haben. Diese Umsetzung beginnt jetzt: Die eingereichten Request for Proposals (RFP) im ersten Halbjahr 2026 entsprechen dem gesamten RFP-Volumen im Jahr 2025, und die Rücknahmen sind wie erwähnt um 81 Prozent gesunken. Unsere Pipeline verstärkt das zusätzlich, mit differenzierten neuen Strategien in fortgeschrittener Entwicklung für das zweite Halbjahr 2026 und 2027 sowie mit Gesprächen mit möglichen neuen Partnern.














