MBaer Merchant Bank: Was rief die US-Behörden auf den Plan?

Die Geschichte des Schweizer Bankenplatzes ist zwar sehr reichhaltig. Dass eine hiesige Bank von der US-Behörde FinCEN (kürzlich von finews portraitiert) als «primary money laundering concern» abgestempelt und formell mit dem Ausschluss aus dem Dollar-Clearing bedroht wird, ist aber doch ein bisher nie gesehenes Ereignis.

Und doch ist genau dies am 26. Februar 2026 der MBaer Merchant Bank widerfahren: Als das FinCEN Ende Februar seine 15-seitige «Notice of Proposed Rulemaking» (NPRM), also die beabsichtigte Massnahme zum Verbot der Tätigkeit als Dollar-Korrespondenzbank für MBaer publizierte (finews berichtete), gab es eine Welle negativer Public Relations für den Schweizer Bankenplatz. «How a Dirty Money Trail From Venezuela to Iran Brought Down a Swiss Bank», titelte beispielsweise Bloomberg (Beitrag auf Englisch).

Eine Schweizer Bank als Drehscheibe für venezolanisches, russisches und iranisches Schmutzgeld. Das ist die Formel, mit der die Nachricht um die Welt ging.

Empörung ist nach wie vor nicht abgeklungen

Es war genau die Art von Geschichte, die man nie mehr lesen wollte, seitdem der Finanzplatz nach dem Ende des steuerlichen Bankkundengeheimnisses dazu verpflichtet wurde, nach den internationalen Spielregeln zu funktionieren.

Bankgründer Michael Bär wurde auch in den Schweizer Medien und auf dem Finanzplatz zum Paria. Bis heute ist die Empörung nicht abgeklungen. Die Erwähnung des Namens genügt, um auch altgediente und hohe Privatbankiers auf die Palme zu bringen.

Das wichtigste Dokument

finews hat genauer hingeschaut. In zahlreichen Gesprächen mit unabhängigen Experten und Personen, die den Sachverhalt kennen, haben wir den Fall analysiert. In loser Folge werden wir unsere Erkenntnisse dazu publizieren.

Beginnen wir mit dem wichtigsten Dokument: Der «Notice of Proposed Rulemaking» vom 26. Februar, die der Bank das Genick brach. Formaljuristisch handelt es sich lediglich um die Bekanntmachung eines Vorschlags seitens FinCEN, zu dem sich jedermann (auch die Betroffenen) innert 30 Tagen äussern können.

Faktisch aber ist ein solches Dokument tödlich: Innert Stunden stellte J.P. Morgan seine Dienstleistungen als Korrespondenzbank für Dollar-Transaktionen ein; ähnliches vollzog die ZKB für Frankentransaktionen. Und der Verwaltungsrat demissionierte «in corpore».

Einer NPRM gehen keine nach rechtsstaatlichen Grundsätzen geführte Beweiserhebungen voraus. Das FinCEN stellt Behauptungen in den Raum, was jeder Bank per sofort die Geschäftsgrundlage entzieht.

Wie sehen diese Behauptungen im Fall MBaer im Detail aus? Und was lässt sich aus den vier Stellungnahmen entnehmen, die in der NPRM genannte Personen eingereicht haben?

Zweifelhafte Anschuldigungen

Der erste und ausführlichste Beweisabschnitt der Verfügung trägt den Titel «MBaer's Beginnings Anchored in Venezuela Corruption» – MBaers Anfänge, verwurzelt in venezolanischer Korruption. Die im Dezember 2018 gegründete Bank sei praktisch von Beginn weg zur Anlaufstelle für Fluchtgeld aus dem PdVSA-Korruptionskomplex geworden, so der Vorwurf. Eine Art Schattenbank für das Gaunerregime von Nicolas Maduro

Rein zeitlich scheint das wenig plausibel. Die MBaer Merchant Bank wurde erst 2018 gegründet. Das war, als bei anderen Schweizer Häusern der PdVSA-Skandal gerade am Detonieren war. Zwischen 2015 und 2021 schaute die Finma in diesem Zusammenhang fast 30 Banken an. Gegen fünf wurden Massnahmen ergriffen: Julius Bär, Credit Suisse, CBH, Banca Zarattini und Credinvest.

Mit anderen Worten: Als MBaer gegründet wurde, hatten die Regulatoren ihre Hände bereits auf diesen Geldern. Man hätte mit dem Klammerbeutel gepudert sein müssen, um ausgerechnet aus diesem Umfeld eine neue Bank aufzuziehen. Über venezolanische Kunden bei MBaer ist denn auch nichts bekannt.

Auf tönernen Füssen 

Im Zentrum des Venezuela-Vorwurfs stand seit jeher das Ehepaar Alessandro Bazzoni und Siri Evjemo-Nysveen. Bazzoni war er bis zu seiner zeitweiligen Sanktionierung durch das Office of Foreign Assets Control (OFAC) Kleinaktionär bei MBaer (mit einem Anteil im unteren Nachkommabereich). Seine Frau amtierte zeitweise als Vizepräsidentin des Verwaltungsrates (mit Segen der Finma).

Der gesamte Vorwurf aus der NPRM lautet wörtlich: Evjemo-Nysveen habe «reportedly used her position to further payments through MBaer related to a PdVSA corruption scheme after OFAC's designation of PdVSA», und dies «reportedly» im Namen ihres Ehemanns getan.

Nichts Konkreteres bringt das Ehepaar in Zusammenhang mit dem PdVSA-Komplex. Bazzoni hatte sich im Jahr 2015 über die von ihm mitkontrollierte CT Energy Holding an Harvest Natural Resources beteiligt, die in Venezuela ein Ölfelder besitzt. Bei Harvest Natural Resources handelt es sich um eine an der New York Stock Exchange offiziell kotierte Gesellschaft. Infolgedessen wurde er am 19. Januar 2021 durch die OFAC sanktioniert, aber nach vier Jahren, am 13. Januar 2025, wieder vom Haken gelassen. Faktisch lag offensichtlich nichts Belastbares gegen ihn vor.

Die Sanktionierung hatte rasch zur Folge, dass sich Bazzoni von seinen MBaer-Aktien trennte.

Sowohl Bazzoni als auch seine Frau haben, vertreten durch die Kanzlei Steptoe, beim FinCEN öffentlich einsehbare Kommentare publiziert: Evjemo-Nysveen legt dar, die Finma habe MBaer und sämtliche Bankaktivitäten umfassend geprüft, ohne gegenüber ihrer Person je eine nachteilige Feststellung zu treffen. Und Bazzoni bestätigt zwar seine einstige Minderheitsbeteiligung an MBaer, relativiert sie aber als «miniscule position», gehalten während weniger als einem Jahr.

Und die Fluggesellschaft Plus Ultra Líneas Aéreas, deren Pandemie-Notkredite FinCEN mit einem «Schweizer Investor» in Verbindung bringt, bestreitet jede Kenntnis einer Venezuela-Verbindung und benennt den Geldgeber in ihrer eigenen Stellungnahme als niederländisch, nicht schweizerisch.

Jose Luis Chavez Calva schliesslich, den FinCEN als «a key figure involved in laundering billions of dollars obtained through PdVSA corruption» bezeichnet, lässt durch die Kanzlei Paul Hastings darauf hinweisen, dass diese Behauptung auf genau zwei lateinamerikanischen Blogeinträgen beruht – Seiten, die nicht einmal von Media-Bias-Ratingdiensten erfasst werden und selber jede Gewähr für ihre Inhalte ablehnen.

Sein Anwalt macht zudem geltend, Chavez Calva sei der einzige der sieben in der Verfügung namentlich Genannten, der weder von OFAC sanktioniert noch je Angestellter, Organ oder Aktionär von MBaer gewesen sei.

Damit steht die angebliche Venezuela-Gründungsgeschichte auf einem erstaunlich schmalen Fundament. Alle vier Personen, die vom FinCEN ins PdVSA-Umfeld gerückt werden, bestreiten diese behauptete Rolle mit anwaltlichem Nachdruck. Und das FinCEN ist nicht in der Lage, den behaupteten Nexus auch nur durch eine einzige konkrete Transaktion zu belegen.

Beim Venezuela-Komplex fehlt jeglicher Verweis auf «non-public information». Alle Aussagen in der NPRM stützen sich einzig auf südamerikanische Presse- und Blogquellen, in FinCEN-eigener Sprache «reportedly» und «allegedly». Es ist damit der am schwächsten belegte Teil der gesamten Verfügung – ausgerechnet jener, der am meisten Raum einnimmt und die Gründungsgeschichte der Bank erzählen soll.

Vorgehen wirft Fragen auf

Und in den Bereichen Iran und Russland? Hier behauptet FinCEN zwar, über eigene nicht öffentliche Transaktionsdaten zu verfügen, die es explizit mit «according to non-public information available to FinCEN» beschreibt. Die straf- oder sanktionsrechtliche Einordnung dieser Daten spielt die Behörde aber ebenfalls durchgehend mit «assesses», «likely», «indicative of» oder «allegedly» herunter.

Beim angeblichen MBaer-Kunden Medvedchuk etwa nennt FinCEN eine exakte Summe – 14,3 Millionen Dollar in runden Zahlungen an ein gleichnamiges russisches Konto –, versieht die Einordnung als Geldwäsche aber mit «indicative of».

Und bei der Einzelüberweisung von genau 10 Millionen Dollar an einen russischen Kontoinhaber ist der Betrag hart, die Identifikation der Person als Teil eines «alleged Moscow-based kleptocratic scheme» wieder abgeschwächt.

Selbst beim angeblichen Iran-Fall Turkoca, mit über 37 Millionen Dollar der grösste Einzelposten der ganzen Verfügung, schreibt FinCEN, die Zahlungen stünden «likely in connection with» einem Ölschmuggel-Schema der Iranischen Revolutionsgarden. Der Dollarbetrag scheint zwar gesichert, die angebliche kriminelle Struktur dahinter aber bleibt als «wahrscheinlich» eine blosse Behauptung.

Damit bleibt von der öffentlich vorgelegten Beweislage nach Abzug der eigenen Abschwächungen wenig übrig. Das wirft die eigentliche Frage auf: Wie kann eine derart dünn belegte Akte ausgerechnet zur schärfsten Massnahme im gesamten FinCEN-Arsenal führen – gegen eine Bank, die international kaum ins Gewicht fällt? 

Wurden die Massnahmen koordiniert?

Betont schmallippig geben sich die Behörden beiderseits des Atlantiks, wenn es um ihre Kommunikation oder Koordination miteinander geht. Zwar schrieb die Finma bereits im Februar: «Finma is in contact with FinCEN. The Financial Market Supervision Act and a bilateral Memorandum of Understanding (MoU) between the authorities provide the basis for this contact.»

Wilmer Hale, eine spezialisierte amerikanische Anwaltskanzlei mit etlichen früheren Spitzenleuten von OFAC und DOJ, stellt hingegen öffentlich die Vermutung an, die Behörden hätten ihre Massnahmen koordiniert, um die von der Finma angeordnete Liquidation zu unterstützen: «It is possible that the parallel FinCEN and Finma inquiries, which were sustained over many years, were coordinated in a way to permit Swiss authorities sufficient time and process to liquidate MBaer rapidly after the public announcement of the US measures.»

Auf Anfrage von finews wollte die Finma diese Behauptung weder bestätigen noch dementieren. Sie betont nochmals die bereits bekannte Chronologie: Das eigene Enforcementverfahren sei bereits Anfang Februar 2026 abgeschlossen gewesen, rund drei Wochen vor der FinCEN-Publikation. Vollzug und Kommunikation seien jedoch blockiert gewesen, weil das Bundesverwaltungsgericht der Beschwerde von MBaer aufschiebende Wirkung gewährt hatte.

Die Finma bestätigte zudem einen fallbezogenen Austausch mit FinCEN, gestützt auf das erwähnte MoU – verweigerte aber auch auf wiederholte Nachfrage die Angabe, wann dieser Austausch in Sachen MBaer begann.

Wilmer Hale wiederum weigert sich, ihre publizierten Aussagen zur Behördenkommunikation näher zu erläutern oder mit der Finma-Chronologie in Einklang zu bringen. Auch die Frage, ob die Kanzlei im Zusammenhang mit dem MBaer-Fall über ein Mandat verfügt habe, lässt sie unbeantwortet.

FinCEN selbst verwies auf Anfrage von finews lediglich auf die eigene, bereits publizierte Medienmitteilung und lehnte jede weitere Stellungnahme ab.

Diese Undurchsichtigkeit ist unkomfortabel. Nicht nur für MBaer, sondern für jede andere kleine Schweizer Bank, die sich fragen muss, ob sie als Nächste an der Reihe sein könnte.

Alarmzeichen für Schweizer Banken

MBaer war, gemessen an Bilanzgrösse (rund 700 Millionen Franken), verwalteten Vermögen (etwa 5 Milliarden Franken), Kategorie-5-Einstufung der Finma, eine der kleinsten und unbedeutendsten Banken der Schweiz. Und das geringe Volumen der von FinCEN als Referenz herangezogenen Zahlungen von gut 100 Millionen über mehrere Jahre, die nicht einmal unzweifelhaft in der Illegalität verankert werden, lassen den Fall umso bizarrer erscheinen.

Trotzdem ist es kein Zufall, dass eine derart periphere Bank mit der schärfsten Waffe des FinCEN erledigt wird. Die Behörde selbst ist dazu verpflichtet, vor einer NPRM eine Art Kosten/Nutzen-Analyse zu erstellen. Bei grösseren, stärker mit dem US-Finanzplatz verbundenen Häusern würde diese wohl nicht so eindeutig ausfallen wie bei MBaer.

Der Fall MBaer muss insofern als Alarmzeichen für alle kleineren Schweizer Banken gelesen werden. Insbesondere, wenn sie im weniger regulierten und potenziell verfänglicheren Bereich der Handelsfinanzierung tätig sind.

finews wollte von der Finma und von der Schweizerischen Bankiervereinigung wissen, wie sie das Risiko einschätzen, dass es zu einem ähnlichen Einschreiten der FinCEN gegen andere Schweizer Banken kommt. Beide Organisationen mochten die Frage nicht beantworten.

Auch DOJ und FinCEN gaben auf Anfrage von finews keine Auskunft darüber, ob Massnahmen gegen weitere Banken in Vorbereitung seien.