«Die besten Chancen liegen dort, wo niemand hinschaut»

Für Daniele Scilingo, Head of Swiss Equities bei Mirabaud Asset Management, ist die Bezeichnung «Schweizer Aktien» irreführend. Viele an der SIX kotierte Unternehmen seien globale Marktführer, die ihren Hauptsitz in der Schweiz hätten.

Dass ausgerechnet die Schweiz zahlreiche solcher Nischen-Champions hervorgebracht hat, hält Scilingo nicht für einen Zufall. Die starke Währung, gute Universitäten, qualifizierte Arbeitskräfte und ein anspruchsvolles wirtschaftliches Umfeld hätten Unternehmen gezwungen, international wettbewerbsfähig zu werden.

Entsprechend wenig hält er davon, den Schweizer Aktienmarkt lediglich als defensiven Zufluchtsort zu betrachten, wie dies gemeinhin immer wieder behauptet wird. Unterhalb der drei Schwergewichte Nestlé, Novartis und Roche sei die Vielfalt erheblich grösser.

Welche Entwicklungen entscheiden nun darüber, wo sich Chancen und Risiken eröffnen? Wir haben die fünf wichtigsten Themen aus dem Gespräch mit Scilingo zusammengefasst.

1. KI: Die Revolution ist real – die Bewertungen sind es wohl nicht


An einem Thema kommt derzeit niemand vorbei: Künstliche Intelligenz, kurz KI oder auf Englisch AI.

Vom Boom profitieren auch Schweizer Industrieunternehmen, macht Scilingo deutlich. Sika etwa liefert Lösungen für Data Center, während selbst hochspezialisierte Schweizer Maschinenbauer zusätzliche Aufträge generieren.

Scilingo zweifelt denn auch nicht daran, dass KI die Wirtschaft grundlegend verändern wird. Skeptisch ist er vielmehr bei den Bewertungen.

Bei Schweizer Halbleiterzulieferern wie VAT, Comet oder Inficon seien die Kurse mit klassischen Bewertungsmodellen zum Teil nur schwer zu rechtfertigen. Die heutigen Bewertungen unterstellten im Grunde einen anhaltenden Superzyklus mit hohem Wachstum und ohne den für die Halbleiterindustrie typischen Abschwung.

«Wenn man daran glaubt, dann sind die Titel attraktiv», sagt er. Mit rund 30 Jahren Erfahrung am Aktienmarkt sei er jedoch vorsichtiger.

Sein historischer Vergleich: Eisenbahn, Computer, Telekommunikation und Internet haben die Welt tatsächlich revolutioniert. Trotzdem hätten längst nicht alle Unternehmen damit dauerhaft Geld verdient.

Deshalb rechnet Scilingo mit einer Korrektur. Wann sie kommt, weiss auch er nicht: «Das kann noch drei Monate so weitergehen oder aber auch zwei Jahren.»

Gleichzeitig sieht er enormes Potenzial für Produktivitätssteigerungen durch KI.

Seine Unterscheidung ist deshalb entscheidend: KI kann eine wirtschaftliche Revolution werden, ohne dass automatisch jede KI-Aktie ein gutes Investment ist.

2. Die vergessenen Qualitätsaktien werden wieder interessant


Während sich viel Kapital auf die KI-Gewinner konzentriert, sucht Scilingo bewusst dort, «wo die Leute Titel links liegen lassen».

Mirabaud Asset Management setzt auf sogenannte Compounder: Unternehmen, die über lange Zeit wachsen, hohe Margen erzielen, eine hohe Rendite auf das eingesetzte Kapital erwirtschaften und diese Entwicklung über Jahre fortsetzen.

Ein Paradebeispiel ist für Scilingo Straumann. Der Dentalimplantate-Hersteller habe über Jahrzehnte Wachstum und hohe Profitabilität geliefert. Kurzfristige Belastungen wie die Preispolitik in China oder Wechselkurse änderten nicht zwingend die langfristige Qualität des Geschäftsmodells.

Ähnlich argumentiert er bei Sonova. Hörgeräte seien vielleicht nicht mehr die spektakuläre Innovationsgeschichte früherer Jahre. Die demografische Entwicklung sorge aber weiterhin für strukturelle Nachfrage, während das Unternehmen erhebliche Cashflows generiere.

Auch im zuletzt wenig beliebten Nahrungsmittelsektor sieht Scilingo Chancen. Lindt & Sprüngli bezeichnet er als einen klassischen Compounder, der momentan wegen negativer Volumenentwicklung nach den starken Preiserhöhungen skeptischer beurteilt werde.

Und auch Nestlé hält er nach den Kursrückschlägen für unterschätzt. Entscheidend werde sein, ob das Management in den kommenden Quartalen zeigen könne, dass höhere Marketinginvestitionen die Marken stärken und das organische Wachstum wieder beschleunigen.

Seine Investmentthese dahinter: Wenn ein temporäres Wachstumsproblem vom Markt als struktureller Niedergang bewertet wird, können bei Qualitätsunternehmen attraktive Einstiegsmöglichkeiten entstehen.

3. China zwingt Schweizer Unternehmen zu einem neuen Modell


Eine der grössten strukturellen Herausforderungen sieht Scilingo in China. Der Westen müsse sich von der Vorstellung verabschieden, Innovation finde hier statt und China sei lediglich die kostengünstige Produktionsstätte.

«Diese Welt wird es nicht mehr geben», sagt er.

China entwickle sich in zahlreichen Branchen selbst zum Innovationszentrum. Das zeige sich bei Elektroautos ebenso wie in Pharma und Industrie. Chinesische Unternehmen könnten Produkte teilweise schneller und erheblich günstiger auf den Markt bringen.

Die Folge: Forschung, Entwicklung und Produktion von Schweizer Unternehmen müssten näher an den jeweiligen Absatzmärkten stattfinden. Wer in China erfolgreich sein wolle, müsse dort auch Innovation aufnehmen und Produkte speziell für chinesische Kunden entwickeln.

Unternehmen wie Roche und Straumann seien bereits seit Jahren entsprechend unterwegs.

Gleichzeitig müsse die Schweizer Industrie ihre traditionelle Vorstellung von Premiumqualität überdenken. Schweizer Ingenieure hätten lange nach dem Prinzip gearbeitet: entweder «Rolls-Royce» oder gar nichts.

Doch viele Kunden benötigten keinen Rolls-Royce.

Scilingo sieht deshalb eine zentrale Herausforderung darin, zusätzlich vereinfachte und günstigere Produktvarianten anzubieten, ohne den Qualitätsanspruch aufzugeben. 

Swissness bleibt damit ein Wettbewerbsvorteil. Sie allein rechtfertigt aber nicht mehr jeden Preis.

4. Pharma: Innovation entscheidet über die Preissetzungsmacht


Auch für Roche und Novartis wird das Umfeld anspruchsvoller. Für Scilingo ist die zentrale Frage jedoch weniger, ob die Politik Medikamentenpreise unter Druck setzt, sondern ob die Unternehmen genügend echte Innovation hervorbringen.

«Wenn du ein Produkt hast, wird der Preis für deine Innovation bezahlt», lautet seine These. Bei austauschbaren «Me-too»-Produkten werde der Preisdruck dagegen zunehmen.

Der Trend zu immer stärker spezialisierten Therapien könne den grossen Schweizer Pharmakonzernen dabei helfen. Wer für klar definierte Patientengruppen hochwirksame Medikamente entwickle, könne weiterhin attraktive Preise erzielen.

Entscheidend werde deshalb die Produktivität der Forschungsausgaben.

Scilingo verweist dabei auf Roche. Unter CEO Thomas Schinecker habe der Konzern die Kriterien für seine Pipeline verschärft und einen erheblichen Teil der Projekte gestrichen, um Kapital auf Kandidaten mit größerem Potenzial zu konzentrieren.

Auch Akquisitionen und Lizenzvereinbarungen bleiben wichtig. Ein erheblicher Teil neuer Medikamente der grossen Pharmakonzerne stamme inzwischen ursprünglich von externen Entwicklern.

Scilingo hält sowohl Roche als auch Novartis langfristig für gut positioniert. Einen leichten qualitativen Vorteil sieht er bei Roche, insbesondere aufgrund der Innovationskultur.

Für die europäischen Gesundheitssysteme sieht er allerdings ebenfalls Handlungsbedarf. Wenn innovative Medikamente in Europa dauerhaft wesentlich günstiger angeboten würden als in den USA, könne dies vor dem Hintergrund des Zollstreites mit den USA längerfristig die Attraktivität des Standorts für Forschung und Innovation beeinträchtigen.

5. UBS und die unterschätzte Ertragskraft der Schweizer Banken


Bei den Finanzwerten dominiert für Scilingo derzeit eine Aktie die Diskussion: UBS.

Die politische Debatte über zusätzliche Kapitalanforderungen hält er teilweise für falsch fokussiert. Das zentrale Problem bei Credit Suisse sei letztlich nicht allein mangelndes Kapital gewesen, sondern der Verlust von Vertrauen und Liquidität.

«Wenn man das Vertrauen verliert, kann man so viel Kapital haben, wie man will. Wenn die Kunden und Gegenparteien die Liquidität entziehen, dann ist es um ein Finanzinstitut geschehen », sagt Scilingo.

Ganz anders sieht er die UBS. Der (Schweizer) Markt konzentriert sich seiner Meinung nach aber noch sehr auf den Aspekt der Integration der Credit Suisse. Interessanter sei jedoch, welche Ertragskraft die Grossbank zu entfalten beginnt.

«Die UBS ist ein Supertanker», sagt Scilingo. Sobald dieser vollständig aufgestellt sei, könne die Bank erhebliches Kapital generieren.

Daneben haben laut seiner Meinung kleinere Privatbanken und Regionalbanken stark vom vergangenen Zinszyklus profitiert. Mit den wieder tieferen Zinsen gerieten zwar die Zinsmargen unter Druck, insgesamt beurteilt Scilingo die Schweizer Bankenlandschaft jedoch positiv.

Vorsichtiger ist er bei klassischen Dividendentiteln wie Versicherern, Immobiliengesellschaften und Regionalbanken. Die Suche nach Rendite habe deren Bewertungen teilweise stark nach oben getrieben.

Mirabaud Asset Management bevorzugt deshalb nicht einfach die höchste Dividendenrendite, sondern Unternehmen, deren Geschäftsmodell auch genügend Wachstum erzeugt, um die Ausschüttung über Jahre zu steigern. Dazu zählt für ihn auch Partners Group, dessen Valoren er für unterbewertet hält. «Partners Group wurde zu stark abgestraft. Viele Investoren übersehen die Qualität des Geschäftsmodelles», betont er.