Der nächste Wachstumsschub kommt aus dem aktiven Management
Exchange Traded Funds sind längst kein Nischenprodukt mehr. Doch die jüngsten Zahlen der SIX Swiss Exchange zeigen, dass der ETF-Boom in der Schweiz noch keineswegs an Dynamik verloren hat.
Ende August 2026 standen an der Schweizer Börse 2'282 ETFs zur Verfügung. Allein seit Jahresbeginn kamen 211 neue Kotierungen hinzu: 90 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.
Zum Vergleich: Ende 2025 waren 2'099 ETFs an der SIX Swiss Exchange kotiert. Damit ist das Angebot innerhalb von acht Monaten um fast 9 Prozent gewachsen.
Handelsumsätze ziehen kräftig an
Noch deutlicher zeigt sich die Dynamik beim Handel. Im ersten Halbjahr 2026 nahm der ETF-Umsatz an der SIX gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 22,5 Prozent zu. Im Juni lag der Umsatz sogar 85,4 Prozent über dem entsprechenden Vorjahresmonat.
Auch danach setzte sich der Trend fort. Im Juli stieg der ETF-Umsatz gegenüber Juli 2025 um 31,2 Prozent, im August sogar um 72,4 Prozent. Damit waren ETFs im August gemessen am Umsatzwachstum erneut das dynamischste Handelssegment der SIX Swiss Exchange.
Auf Basis der von SIX veröffentlichten Monatsdaten summierte sich der On-Book-Umsatz mit ETFs inklusive Quote on Demand (QOD) von Januar bis August 2026 auf rund 65,4 Milliarden Franken. Davon entfielen rund 64,2 Milliarden Franken auf passive und gut 1,2 Milliarden Franken auf aktive ETFs.
Der Markt wird breiter
Gleichzeitig wächst die Zahl der Anbieter. Ende August waren 37 ETF-Emittenten an der Schweizer Börse vertreten. Im September kamen Pictet und Hansainvest hinzu, womit die Zahl auf 39 Anbieter stieg.
Das ist mehr als eine statistische Randnotiz. Mit neuen Anbietern wächst auch die Produktpalette – und zunehmend geht es dabei nicht mehr nur um klassische passive Indexprodukte.
Allianz Global Investors brachte im August aktiv gemanagte Aktien-ETFs an die SIX. Pictet folgte im September mit aktiv gemanagten, KI-gestützten Aktien-ETFs. Hansainvest wiederum kotierte einen aktiv verwalteten Technologie-ETF.
Damit erreicht ein Trend die Schweiz, der für die Asset-Management-Branche von erheblicher Bedeutung sein könnte: Die Grenze zwischen klassischem Fonds und ETF beginnt zu verschwimmen.
Aktive ETFs sind noch ein Zwerg
Die Zahlen zeigen allerdings auch, wie gross das verbleibende Potenzial ist.
Von den rund 65,4 Milliarden Franken ETF-Handelsumsatz der ersten acht Monate 2026 entfielen lediglich knapp 1,9 Prozent auf aktive ETFs. Passive Produkte dominieren den Markt damit weiterhin klar.
Doch gerade diese geringe Ausgangsbasis macht das Segment interessant. Im August 2026 wurden mit aktiven ETFs rund 108 Millionen Franken umgesetzt. Im August 2025 waren es erst rund 64 Millionen Franken. Das entspricht einem Wachstum von gut 68 Prozent innerhalb eines Jahres. Im Juni 2026 hatte der Monatsumsatz aktiver ETFs zwischenzeitlich sogar knapp 240 Millionen Franken erreicht.
Damit zeichnet sich ein zweiter Wachstumsschub im ETF-Geschäft ab: Nach dem Siegeszug passiver Indexprodukte versuchen Asset Manager zunehmend, ihre aktive Investmentkompetenz in die ETF-Hülle zu übertragen.
Angriff auf den klassischen Fonds
Für traditionelle Asset Manager ist diese Entwicklung Chance und Herausforderung zugleich.
ETFs verbinden Handelbarkeit während des Börsentages mit hoher Transparenz und einer vergleichsweise effizienten Infrastruktur. Aktive ETFs ergänzen diese Eigenschaften um ein aktives Portfoliomanagement. Dadurch können Investmenthäuser Strategien, die bislang primär über klassische Anlagefonds angeboten wurden, zunehmend auch börsengehandelt vertreiben.
Das könnte insbesondere bei liquiden Aktien- und Anleihenstrategien den Druck auf traditionelle Fondsstrukturen erhöhen.
Für die Schweizer Finanzbranche ist das relevant. SIX verweist auf rund 2,4 Billionen Franken an in der Schweiz verwalteten Fondsvermögen. Gleichzeitig werden an der Schweizer Börse jährlich rund eine Million ETF-Transaktionen ausgeführt. Die Börse zählt ihren ETF-Markt mittlerweile zu den führenden Handelsplätzen Europas.
Schon eine vergleichsweise geringe Verschiebung von traditionellen Fonds und Mandaten in ETF-Strukturen würde deshalb erhebliche zusätzliche Volumen schaffen.
Mehr als nur S&P 500 und MSCI World
Hinzu kommt, dass sich ETFs zunehmend von ihrem ursprünglichen Image als reine Indextracker lösen.
Neben klassischen Aktienindizes reicht das Angebot heute von Anleihen und Rohstoffen über Faktor- und Themenstrategien bis zu aktiv verwalteten Portfolios. Die jüngsten Lancierungen zeigen, wohin die Reise gehen könnte: aktive Aktienselektion, quantitative Strategien und künstliche Intelligenz werden mit der ETF-Struktur kombiniert.
Damit verschiebt sich auch der Wettbewerb. Die zentrale Frage lautet künftig weniger aktiv oder passiv, sondern zunehmend, über welche Struktur eine Investmentstrategie zum Kunden gelangt.
Für Banken, Vermögensverwalter und Fondsanbieter ist das von erheblicher Bedeutung. Denn wenn sich aktive ETFs auch in Europa stärker etablieren, konkurrieren sie unmittelbar mit klassischen Fonds – und damit auch um Gebühren, Vertrieb und Assets under Management.
Die Schweiz bietet einen attraktiven Nährboden
Der Schweizer Markt bringt dafür günstige Voraussetzungen mit. Neben dem grossen verwalteten Vermögen verfügt die SIX über rund 100 angeschlossene Banken und Broker sowie eine etablierte Market-Making-Infrastruktur. ETFs können zudem in bis zu acht Währungen gehandelt werden.
Die jüngsten Wachstumsraten deuten darauf hin, dass Anleger diese Infrastruktur zunehmend nutzen.
Der ETF-Markt in der Schweiz ist damit möglicherweise erst in der nächsten Phase seiner Entwicklung angekommen. Nach dem Boom passiver Produkte dürfte sich der Wettbewerb nun verstärkt darum drehen, welche aktiven Strategien erfolgreich in das ETF-Format übertragen werden können.
Für die traditionelle Fondsindustrie könnte genau darin die eigentliche Sprengkraft des ETF-Booms liegen.















