Felix Niederer: «True Wealth will sich versiebenfachen»

True Wealth ist im zehnten Jahr in Serie gewachsen und hat nun erstmals die Profitabilität erreicht. Im Interview mit finews.ch spricht CEO Felix Niederer über hohe Zuflüsse, negative Churnraten, einen Schweizer Markt im Umbruch und darüber, wie viel technologische Erneuerung hinter den Kulissen nötig ist, damit ein digitaler Vermögensverwalter konkurrenzfähig bleibt.


Herr Niederer, vor einem Jahr lagen Sie bei True Wealth bei 1,6 Milliarden Franken Kundengeldern. Wie hat sich 2025 entwickelt?

Wir sind inzwischen bei rund 2,3 Milliarden Franken, verwaltet für knapp 40'000 Kundinnen und Kunden. Dieses Jahr ist sehr positiv verlaufen, wir sind weiterhin stark gewachsen, ähnlich wie in den Jahren zuvor.

Wieder etwa 35 bis 40 Prozent Wachstum.

Ja. Im Jahr 2025 waren es über 35 Prozent, also eher Richtung 40 Prozent. Auf diesem Niveau ist das sehr erfreulich. Und: Wir können nun zeigen, dass unser Geschäftsmodell auch betriebswirtschaftlich funktioniert. Im letzten Quartal waren wir zum ersten Mal cashflow-positiv. Natürlich hängt das immer etwas vom Marketingaufwand oder von den Investitionen ab, aber wir haben jetzt den Punkt erreicht, an dem die Gebühren unsere Fixkosten decken.

Das heisst: Die äusserst tiefen Management Fees tragen nun die Organisation.

Genau. Unsere Gebühr beträgt 0,5 Prozent Vermögensverwaltungsgebühr bis 500'000 Franken, darüber wird es nochmals günstiger. Das ist sportlich kalkuliert, aber wir haben die nötige Skalierung erreicht. Und das bringt uns in eine sehr angenehme Situation.

Also: Der Proof of Concept ist definitiv erbracht?

Absolut. Das freut mich sehr, denn viele Leute haben zehn Jahre daran gearbeitet. Und das Schöne ist: Wir wachsen weiter stark, obwohl wir mit einem Marketingbudget von weniger als einer Million Franken auskommen. Wir könnten deutlich mehr machen, aber selbst mit wenig Mitteln funktioniert das Wachstum.

«Wir suchen nicht aktiv neue Investoren. Aber wir sind offen für Gespräche.»

Ihre Wachstumsraten waren sehr stabil. Woher kommt dieses konstante Momentum?

Wir haben eine eingebaute Wachstumskomponente. Die meisten Kunden zahlen kontinuierlich ein, nicht nur einmal am Anfang. Wir analysieren unsere Kohorten jedes Quartal, seit zehn Jahren. Und wir sehen, dass die Einzahlungen der Bestandskunden jene überkompensieren, die Geld herausnehmen oder kündigen. Betriebswirtschaftlich gesprochen haben wir eine negative Churnrate. Darum würde unser Geschäft selbst dann ansehnlich wachsen, wenn wir keine neuen Kunden annehmen würden und die Märkte sich überhaupt nicht bewegen würde.

Das ist im Vergleich zu anderen Geschäftsmodellen ein deutlicher Vorteil.

Ja. Viele Firmen müssen viel Geld für Akquise ausgeben, und sobald die Kundschaft weg ist, bricht der Ertrag weg. Bei uns ist es umgekehrt. Das ist ein starkes Zeichen dafür, dass die Leute mit unserem Produkt zufrieden sind – auch wenn wir vieles noch besser machen wollen.

Im Markt der digitalen Vermögensverwalter hat sich einiges getan. Man sieht sehr sichtbares, teures Marketing einzelner Anbieter. Ist der Wettbewerb härter geworden?

Eigentlich müsste er härter geworden sein. Es gibt noch andere digitale Player, zwei davon machen ebenfalls einen guten Job. Aber interessant ist: Die Banken sind auch nach zehn Jahren nicht digital dominant. Die eigentliche Konkurrenz kommt von uns digitalen Anbietern und wir sehen in unseren Zahlen keinen negativen Effekt: Die Kundengewinnung ist nicht schwieriger geworden.

Warum?

Der Schweizer Markt ist träge. Viele Menschen konsolidieren ihre Finanzen nicht aktiv. Und der grösste Teil des Marktes ist nach wie vor bei teuren, wenig digitalisierten Angeboten. Ich würde sagen: In diesem Markt ist komfortabel Platz für drei gute Digital-Player.

«Aktives Investieren ist schwierig für Privatanleger, aber auch für Profis.»

Hat die Preissensitivität der Kunden zugenommen?

In gewissen Segmenten klar, ja. Vor zehn Jahren hatten die meisten kaum Alternativen, ausser sie verfügten über ein grosses Vermögen. Heute ist das anders: Die Leute haben Auswahl und sie vergleichen stärker.

Seit Jahren haben Sie White-Labelling-Kooperationen mit drei Banken: Erste Bank in Österreich sowie BLKB und Regiobank Solothurn in der Schweiz. Wie läuft diese B2B-Seite?

Diese Kooperationen bestehen, aber wir bauen sie nicht aktiv aus. Unser Fokus liegt konsequent auf B2C. Wenn wir über Kundenzahlen oder verwaltete Vermögen sprechen, dann meinen wir unsere eigenen.

Wenn eine weitere Bank Sie anfragen würde: Würden Sie es prüfen?

Wir suchen das wirklich nicht. Es ist ein anderes Geschäft, und unsere Stärke liegt klar darin, die Skalenvorteile der Technologie für Endkunden umzusetzen.

Die Anlagestrategie, die Sie für Ihre Kunden umsetzen, bleibt passiv?

Ja. Wir investieren in ETF und Indexfonds über alle liquiden Anlageklassen: Aktien, Obligationen, Rohstoffe, Immobilienaktien. Die Anbieter sind die üblichen: Vanguard, UBS, iShares und weitere.

Wer entscheidet, welche Instrumente aufgenommen werden?

Unser Portfoliomanagement-Team, das ich leite. Weil wir nur Indexinstrumente verwenden, ist der Prozess einfacher als bei aktiven Managern. Aber wir betreiben eine sehr gründliche Due Diligence. Wir schauen die Kosten, die Steuereffizienz aus Sicht von Schweizer Anlegern, aber auch die Struktur an: Macht ein Anbieter Securities Lendind? Wenn ja, wie ist die Kollateralisierung?

«Säule 3a und Freizügigkeit wachsen jährlich mit etwa 7 Prozent oder mehr.»

Und aktives Management?

Das bleibt für uns kein Thema. Aktives Investieren ist schwierig für Privatanleger, aber auch für Profis. Gute Manager zu identifizieren ist ähnlich anspruchsvoll wie selbst Stockpicking zu betreiben. Dazu kommt: Viele Anbieter zeigen meist nur die Produkte, die gut gelaufen sind. Dieser Survivorship Bias macht Vergleiche schwierig. Aber selbst wenn man diese Zahlen hat, bleibt die Performance eines Managers in der Vergangenheit ein schlechter Indikator für zukünftige Performance.

Gleichzeitig braucht es aber aktive Investoren für effiziente Märkte.

Natürlich. Aber es braucht nur sehr wenige, dafür sehr gute und kapitalstarke. Das ist nicht unser Betätigungsfeld.

Sie wachsen mit 300 bis 400 Millionen Franken Neugeld pro Jahr, während viele Schweizer Privatbanken bei 1 bis 1,5 Prozent Zufluss stagnieren. Wie erklären Sie sich den Unterschied?

Unser Markt ist zu 100 Prozent Schweiz. Von einer Strukturkrise spüren wir nichts. Die Privatbanken hingegen kommen aus einer Zeit, in der Diskretion – gestützt auf das Bankgeheimnis – das Verkaufsargument war. Heute ist das regulatorische Umfeld völlig anders. Cross-Border-Geschäft ist stark eingeschränkt, und das macht das traditionelle Modell schwierig.

Haben Sie das neue Marktzugangs-Abkommen mit Grossbritannien analysiert?

Es ist auf unserem Radar, aber wir haben es noch nicht im Detail angeschaut. Die Schweiz bietet noch sehr viel Potenzial, und unser Markt wächst weiterhin stark. Laut Nationalbank besitzen Herr und Frau Schweizer rund 5'000 Milliarden Franken Vermögen – ein Drittel Immobilien, ein Drittel Bankable Assets, ein Drittel Vorsorge. Vermögensverwaltung, Säule 3a und Freizügigkeit wachsen jährlich mit etwa 7 Prozent oder mehr. Und wir sehen einen Shift: Weg von Cash-Lösungen und Versicherungsprodukten, hin zu Anlagelösungen.

«Der Freizügigkeitsbereich wird nächstes Jahr kommen.»

Ist das eine positive Entwicklung?

Ja. Natürlich für uns Anbieter, aber auch für die Kundschaft. Die Finanzbildung ist heute deutlich höher als vor zwanzig Jahren. Viele haben verstanden: Wer langfristig Vermögen aufbauen will, muss investieren. Einen grösseren Geldbetrag fünfzehn Jahre lang auf einem Bankkonto liegen zu lassen, bringt nichts.

Sie begannen vor 12 Jahren mit der Programmierung Ihrer Robo-Advisor-Plattform. Wie modern ist sie heute noch?

Wir erfinden uns ständig neu. Wenn wir das Produkt von vor zehn Jahren unverändert gelassen hätten, gäbe es uns nicht mehr. Einmal haben wir sogar einmal das ganze Backend auf einen neuen Stack migriert. Das war ein Jahr Arbeit, die der Endkunde gar nicht sieht. Heute ist unser Stack sehr modern.

Sie sind komplett in der Cloud?

Ja. Unsere Lösung läuft vollständig in der Cloud, hauptsächlich auf Google Cloud mit Datenhaltung in Schweizer Datacentern. Dass wir uns ans Werk gemacht haben, als die Cloud langsam aufkam, war ein Glücksfall: Wir mussten nie eigene Server betreiben, was ein zusätzliches, anspruchsvolles Layer bewirkt hätte.

Setzen Sie KI ein?

Im weiteren Sinne ist True Wealth eine Art KI, aber unsere Algorithmen sind deterministisch. Wir setzen keine Blackboxes ein. Wir müssen exakt verstehen, was ein Algorithmus macht. Alles andere wäre auch heikel. Ein grosser Bereich ist das automatisierte Risikomanagement: Rebalancing, Exposure-Limiten für Einzeltitel wie Nvidia oder Nestlé, Sektor- und Regionenlimiten. Das System erkennt Abweichungen und führt die Portfolios zurück auf die Zielallokation.

«Unser Fokus liegt konsequent auf B2C.»

Was ist The Next Big Thing?

Wir kommentieren nur, was geliefert ist. Aber so viel: Der Freizügigkeitsbereich wird nächstes Jahr kommen. Das ist ein Kundenbedürfnis.

Und sonst?

Wir konzentrieren uns auf exzellente Ops und Kundengewinnung. Unser Ziel ist, in den nächsten fünf Jahren nochmals um das Sechs- bis Siebenfache zu wachsen.

Suchen Sie Investoren, damit es vielleicht noch schneller geht?

Nicht aktiv. Aber wir sind offen für Gespräche.


Felix Niederer ist Mitgründer und CEO von True Wealth, einer Schweizer Online-Vermögensverwaltung, die 2013 gegründet wurde. Er hat einen Masterabschluss in Physik von der ETH Zürich. Danach arbeitete Niederer vor allem in der Finanzindustrie. Vier Jahre lang war er bei Swiss Re tätig, wo er sich auf Portfoliomanagement und Risikomodellierung spezialisierte. Später wirkte er als Portfolio Manager Quantitative Strategies bei LGT Capital Management.