Fall UBS legt die strukturellen Probleme des Finanzplatzes Schweiz offen
1. Dem Finanzplatz fehlt es an Fürsprechern
Die Diskussion rund um die Grossbankenregulierung macht es deutlich: Dem Finanzplatz Schweiz fehlt es in Bundesbern zunehmend an politischer Unterstützung. In den 1980er-Jahre suchten bürgerliche Politiker – allen voran Exponenten des Freisinns – die Nähe zu den Schweizer Banken. Heute dominiert Distanz.
Wer sich dennoch exponiert, riskiert harschen Gegenwind. Ein Parlamentarier aus der politischen Mitte bringt es hinter vorgehaltener Hand so auf den Punkt: «Wenn du heute in einer Kommissions- oder Fraktionssitzung das Wort für die Banken ergreifst, wirst du selbst in den eigenen Reihen rasch zurechtgewiesen.»
2. Regulierung untergräbt Wettbewerbsfähigkeit
Regulierung ist Voraussetzung für stabile Finanzmärkte. Doch sie kann auch zu weit gehen. In der Schweiz mehren sich die Anzeichen, dass genau dies geschieht.
Ein zentrales Beispiel ist die Grossbankenregulierung. Die internationale Beratungsfirma Alvarez & Marsal, die in diesem Kontext bereits Gutachten für denen Bund erstellt hat, kommt in ihrer Studie zur internationalen Bankenregulierung im vergangenen Oktober zu Schluss: Die Schweiz setzt – entgegen dem globalen Trend – auf striktere Kapital- und Pufferanforderungen für systemrelevante Institute. Dies führt zu erhöhtem Kapitalbedarf, potenziell höherem Ertragsdruck und stärkeren Wettbewerbsrisiken gegenüber Banken aus weniger stark regulierten Jurisdiktionen.
Im Fall der UBS bedeutet dies: Die kombinierte Schweizer Grossbank wird gegenüber EU- und US-Banken in eine extrem nachteilige Wettbewerbsposition geraten:
- US-Banken: Eigenkapitalrendite (RoE) von rund 20 Prozent
- EU-Banken: rund 10 Prozent
- UBS: 5 Prozent
Fazit: Die vom Bund vorgeschlagene Regulierung bringt die UBS in eine strategisch heikle Lage – und schwächt damit den gesamten Finanzplatz.
Innovationsbremsen trotz Innovationsrhetorik
Ein anderes Beispiel ist die Fintech-Lizenz gemäss Art. 1b BankG oder die kleine Bankenlizenz, wie sie auch genannt wird: Eingeführt wurde sie, um Innovation zu fördern.
Die Bilanz ist ernüchternd: Seit der Einführung wurden lediglich sechs Lizenzen erteilt, von denen heute noch vier aktiv sind, wie die Übersicht der Finanzmarktaufsicht Finma zeigt.
Ein Grund dafür sind die hohen administrativen Hürden und die wenig marktfähigen Anforderungen. Die Regulierung verfehlt damit ihr Ziel – und hemmt Innovation, statt sie zu ermöglichen.
3. Schweiz gibt ihren Vorsprung leichtfertig preis
Zwar zählt die Schweiz weiterhin zu den führenden Standorten im Bereich Blockchain und digitale Vermögenswerte. Doch die globale Dynamik hat sich verlagert – nach Asien und in den Nahen Osten.
Während sich Bundesrat und Aufsichtsbehörde 2018 noch offen und innovationsfreundlich zeigten, ist seither eine deutliche Zurückhaltung spürbar. Besonders sichtbar wird dies beim Thema Stablecoin. Einerseits soll der Standort mit einem international anschlussfähigen Rahmen gestärkt werden, andererseits pocht die Aufsicht strikt auf das Prinzip «same business, same risks, same rules» – mit hohen Anforderungen an Geldwäschereibekämpfung, Garantien und Governance.
Die Folge: Das Crypto Valley verliert an Attraktivität. Immer mehr Unternehmen schliessen eine Verlagerung ihres Sitzes nach Asien oder in den Nahen Osten nicht mehr aus.
4. Internationaler Druck nimmt zu
Die Schweiz ist weiterhin das weltweit wichtigste Zentrum für Offshore-Vermögen. Doch der Vorsprung schmilzt. Mehrere Studien gehen davon aus, dass die Schweiz ihren Spitzenplatz bis spätestens 2029 an Hongkong oder Singapur verlieren könnte.
Kritisiert wird insbesondere die regulatorische Ausgestaltung. Laut einer Deloitte-Studie von Ende 2024 müsse es der Schweiz gelingen, Finanzstabilität und Wachstum besser auszubalancieren, um nach dem Untergang der Credit Suisse verloren gegangenes Vertrauen wieder aufzubauen.
5. Die eigenen Talente gehen verloren
Als Ende Oktober vergangenen Jahres Lukas Gähwiler seinen Rücktritt als Vizepräsident des Verwaltungsrates der UBS ankündigte, war es für die Spitze der Grossbank ein Leichtes, einen Schweizer Nachfolger zu portieren: An der GV von diesem Frühjahr soll Markus Ronner, heute Chief Compliance and Governance Officer des Instituts, gewählt werden.
Selbst bei der Nachfolgeregulung für UBS-Chef Sergio Ermotti hat das Finanzhaus mit Iqbal Khan einen Schweizer Kandidaten als möglichen Nachfolger in der Hand.
So komfortabel die Situation für die UBS ist: Auf dem Finanzplatz Schweiz zeichnet sich ein Mangel an heimischen Talenten mit internationaler Erfahrung ab. Die Situation dürfte sich nach dem Aus der Credit Suisse zusätzlich verschärfen. Nachwuchsförderung und Talentbindung werden zur strategischen Notwendigkeit.
















