Start 2026: Was Anleger leicht übersehen könnten
Mein erster Arbeitstag zu Jahresbeginn startet mit einem ungewöhnlich leeren Kalender. Bevor Termine, Roadshows und Marktdiskussionen den Takt vorgeben, bleibt Zeit für eine Frage, die nach einem aussergewöhnlichen Jahr wie 2025 entscheidend ist: Was war zyklisch – und was war substanziell?
Die zentrale Frage ist nicht, ob sich die Performance wiederholen lässt, sondern warum sie überhaupt zustande kam. Dieser Fokus auf Ursachen statt Ergebnisse prägt meinen Blick auf die Anlageklassen Anfang 2026.
Der phänomenale Lauf der Schwellenländer
Schwellenländeranleihen (EMD) hatten 2025 einen phänomenalen Lauf: Unternehmensanleihen erzielten 8 Prozent, Staatsanleihen legten um 14 Prozent zu, Lokalwährungsanleihen um 18 Prozent.
Das führt Anleger zur Frage: Kann das so weitergehen?
Die Fundamentaldaten sprechen dafür. Das Wirtschaftswachstum unterstützt dieses Bild, auch wenn wir lediglich eine leichte Abkühlung von 4,3 Prozent im Jahr 2025 auf 4,0 Prozent im Jahr 2026 erwarten. Zwar etwas tiefer, doch der Wachstumsvorsprung der Schwellenländer gegenüber den Industrieländern bleibt 2026 mit 2,4 Prozentpunkten gesund – ähnlich wie in den Trends vor der Pandemie. Der entscheidende Einflussfaktor kommt aus den USA und wird alle Fixed-Income-Märkte beeinflussen. Eine lockerere Federal Reserve, kombiniert mit einer anhaltenden Abschwächung des Dollars, würde den starken Renditen zusätzlichen Rückenwind geben.
Weshalb das Risiko geringer ist
Die EM-Lokalwährungsmärkte haben sich strukturell verbessert: Mehr Länder verfolgen Inflationsziele und fiskalische Regeln – das stärkt das Vertrauen heimischer Investoren. In vielen EMs übersteigt die lokale Investorenbasis inzwischen 100 Prozent des Bruttoinlandprodukts; das senkt das Risiko, weil inländische Halter in unsicheren Phasen weniger wahrscheinlich verkaufen. Die Inflation liegt 2025 wieder auf den Zielwerten, doch die Zinsen bleiben hoch: Viele Zentralbanken sind erst etwa zur Hälfte durch ihren Senkungszyklus, was zu hohen Realzinsen führt. Wir bevorzugen längere Duration in Ländern, die voraussichtlich weiter senken, und bleiben dort taktisch, wo fiskalische oder politische Risiken fortbestehen.
Rückenwind für EM-Anleihen
Wir erwarten, dass sich die Fundamentaldaten bei EM-Staatsanleihen 2026 nach dem starken Jahr 2025 weiter verbessern. Schwellenländer meldeten 2025 geringere Defizite und null Zahlungsausfälle (Defaults) – wie bereits 2024. Für 2026 rechnen wir mit begrenzten Defaults; lediglich 0,4 Prozent des Index sehen wir als gefährdet. Das spiegelt sich auch in den Upgrades durch die Ratingagenturen wider.
Bei EM-Corporates sind die Fundamentaldaten stabiler, doch die Sektordivergenz eröffnet Alpha-Chancen. Wir erwarten ein EBITDA-Wachstum im mittleren einstelligen Bereich, stabile Verschuldungskennzahlen und einen leichten Default-Anstieg aus idiosynkratischen Gründen. Auch wenn Bewertungen historisch eng wirken mögen, sind sie aus unserer Sicht durch Fundamentaldaten und technische Faktoren gerechtfertigt. Wir erwarten für Corporate-Märkte das fünfte Jahr in Folge negative Nettoneuemissionen; bei Staatsanleihen dürfte die Emissionstätigkeit von Investment-Grade-Emittenten getragen werden, während High Yield netto ebenfalls negativ ausfallen dürfte. Zuflüsse sollten daher zu engeren Spreads führen.
Bei Staatsanleihen bevorzugen wir ein Barbell mit selektiv kurzer Duration und hoher Carry sowie länger laufenden Qualitäts-Emittenten. Bei Corporates fokussieren wir auf BBB– und BB-Emittenten, deren hohe laufende Rendite die Gesamtrendite stützt.
Was wäre der Worst Case?
Wir ordnen das Umfeld in drei Szenarien: Rezession, Wachstum unter Trend und Wiederbeschleunigung. Unser Basisszenario – Wachstum unter Trend – bietet das grösste Aufwärtspotenzial, mit Renditen zwischen 9 und 12 Prozent für Staats- und Lokalwährungsmärkte. Gleichzeitig steigen aus unserer Sicht die Tail-Risiken.
Wiederbeschleunigung wäre das negativste Szenario: Höhere Inflation würde den Dollar stärken, und Zentralbanken könnten die Zinsen nicht wie erwartet senken – belastend für Lokalwährungsanleihen. Bei Staatsanleihen würden bessere Qualität und ein Spread-Puffer zu weniger negativen Renditen führen.
Renditen bleiben bei einer Rezession positiv
In einer Rezession erwarten wir dagegen positive Renditen in EM-Bonds: Staatsanleihen würden von US-Leitzinssenkungen profitieren, während die Spreads im Investment-Grade-Bereich voraussichtlich begrenzt blieben und als Ballast wirkten.
In Lokalwährungen geben hohe Leitzinsen den EM-Zentralbanken Spielraum für deutliche Senkungen, um die Dollarschwäche zu kompensieren. Wenn wir die verschiedenen Szenarien nach Wahrscheinlichkeit gewichten, sehen wir 2026 für Staats- und Lokalwährungsmärkte positive Renditen von rund 6 Prozent.
Pierre-Yves Bareau ist Managing Director, Head and CIO des Emerging-Market-Debt-Teams, J.P. Morgan Asset Management.















