Was die Schweiz erfolgreicher macht als Deutschland
In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.
Europas exportorientierte Volkswirtschaften stehen unter wachsendem Druck. Russland schafft mit seinem Krieg gegen die Ukraine für Europa hohe finanzielle Lasten. Der disruptive US-Präsident Donald Trump hat die Welt mit Zöllen überzogen und treibt mit dem Krieg gegen den Iran die Öl- und Gaspreise nach oben. China fällt zunehmend als Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft aus und bedroht die europäische Industrie mit Exportsubventionen. Für offene Volkswirtschaften in Europa stellt sich damit verstärkt die Frage, welche institutionellen und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen ihre Widerstandsfähigkeit stärken.
Schweizer arbeiten deutlich mehr
Vor diesem Hintergrund ist der Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz besonders aufschlussreich. Beide Länder sind hoch entwickelte, exportorientierte Volkswirtschaften mit starker industrieller Basis. Dennoch ergeht es der Schweiz deutlich besser als Deutschland. Das zeigt beispielsweise ein Blick auf das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. In der Schweiz liegt es mit derzeit 81’710 Franken weit über Deutschland mit 43’740 Franken. Kaufkraftbereinigt liegt der Vorsprung der Schweiz immer noch bei rund 25 Prozent.
Ähnliches zeigt sich bei den Löhnen. Der Schweizer Medianlohn von 7’024 Franken brutto liegt nominal rund 80 Prozent über dem deutschen Wert von etwa 3’900 Euro, real bleiben nach Abzug der höheren Lebenshaltungskosten allerdings noch rund 20 Prozent mehr Kaufkraft übrig. Die Schweizer arbeiten deutlich mehr – 42,5 Stunden pro Woche gegenüber rund 40 Stunden in Deutschland. Einen Teil ihres höheren Nominallohns «erwirtschaften» sie sich also mit längerer Arbeitszeit und weniger Freizeit.
Höhere Vermögen, aber ungleicher verteilt
Das Wachstum der Wirtschaft hat sich in beiden Ländern verlangsamt, doch seit der Jahrtausendwende war es in der Schweiz mit 1,8 Prozent im Durchschnitt höher als in Deutschland mit 1,1 Prozent. Beim Wirtschaftswachstum zeigt sich allerdings ein interessantes Paradox: Rechnet man das Bevölkerungswachstum – vor allem durch Zuwanderung in die Schweiz – heraus, sind beide Länder beim Wachstum des BIP pro Kopf ähnlich.
Bei breiteren Wohlstands- und Standortindikatoren schneidet die Schweiz dennoch besser ab: Die Lebenserwartung ist höher, die Schweiz liegt im Human Development Index leicht vor Deutschland, die Arbeitslosenquote ist niedriger und die Steuer- und Abgabenbelastung für Arbeitnehmer fällt geringer aus. Schliesslich sind die Vermögen in der Schweiz deutlich höher, aber auch ungleicher verteilt als in Deutschland.
Während sich die Industrieproduktion beider Länder lange Zeit parallel entwickelt hat, haben sich spätestens seit 2019 die Wege getrennt (Abb. 1). In Deutschland ist die Industrieproduktion seither spürbar zurückgegangen. In der Schweiz konnte sie weiter zulegen. Diese Entwicklung ist bemerkenswert, weil beide Volkswirtschaften stark in europäische und globale Wertschöpfungsketten eingebunden sind, eine hohe Exportorientierung aufweisen und ähnlichen externen Schocks ausgesetzt waren.
Abb. 1: Industrieproduktion
(Quelle: Oxford Economics)
Warum gelingt es der Schweiz offenbar besser als Deutschland, industrielle Wertschöpfung unter erschwerten globalen Bedingungen zu behaupten? Und in welchem Ausmass ist dieser Unterschied auf makroökonomische Faktoren wie unterschiedliche Finanz-, Geld- und Wirtschaftspolitiken zurückzuführen?
Deutschland weicht die Schuldenregeln auf
In der Schweiz sichert seit 2003 eine Schuldenbremse auf Bundesebene, dass die Ausgaben über den Konjunkturzyklus hinweg nicht höher als die Einnahmen sind. Auf kantonaler und kommunaler Ebene bestehen ebenfalls Regeln zur Begrenzung von Defiziten und Verschuldung, die jedoch föderativ unterschiedlich ausgestaltet sind.
«Die Schuldenregeln der EU wurden von vielen EU-Ländern einschliesslich Deutschland nicht immer eingehalten. Seit der Coronakrise sind sie weitgehend ausgesetzt.»
In Deutschland haben die Maastricht-Regeln der EU seit Beginn der 1990er Jahre das Staatsdefizit (Bund, Länder, Gemeinden und Sozialkassen) bei maximal 3 Prozent und den Schuldenstand bei maximal 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beschränkt. Zusätzlich gab seit 2016 die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse ein maximales Defizit für den Bund in Höhe von konjunkturbereinigt 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vor. Die Länder und Kommunen mussten den Haushalt ausgeglichen halten.
Doch die Schuldenregeln der EU wurden von vielen EU-Ländern einschliesslich Deutschland nicht immer eingehalten. Seit der Coronakrise sind sie weitgehend ausgesetzt. Im Februar 2025 wurde die deutsche Schuldenbremse für mehr Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung aufgeweicht. Teile des neu gewonnenen Ausgabenvolumens wurden inzwischen für Sozialausgaben umgewidmet.
Seit dem Ausbruch der globalen Schuldenkrise im Jahr 2007 sind in der Schweiz die Staatseinnahmen und -ausgaben um rund 50 Prozent gewachsen, in Deutschland um 100 Prozent (Abb. 2). Seit Ausbruch der Coronakrise sind in Deutschland die Einnahmen deutlich hinter den Ausgaben zurückgeblieben, während in der Schweiz das Budget des gesamten Staatssektors weitgehend ausgeglichen geblieben ist. Die Staatsverschuldung als Anteil am Bruttoinlandsprodukt lag 2025 in Deutschland bei 63 Prozent (Abb. 3), wobei mit der Aufweichung der Schuldenbremse ein Anstieg auf rund 100 Prozent bis 2035 erwartet wird. In der Schweiz lag die Schuldenquote zuletzt bei 36 Prozent, wobei im Gegensatz zu Deutschland ein weiteres Absinken zu erwarten ist.
Schweiz: Jede Mehrausgabe braucht eine klare Finanzierung, Deutschland handhabt es anders
In Deutschland verteilen sich die Staatsausgaben ohne Sozialkassen zu 40 Prozent auf den Bund, zu 37 Prozent auf die Länder und zu 23 Prozent auf die Gemeinden. In der Schweiz entfallen von den Staatsausgaben ohne Sozialkassen 34 Prozent auf den Bund, 43 Prozent auf die Kantone und 23 Prozent auf die Gemeinden, was eine stärkere Dezentralisierung erkennen lässt.
Aufgrund von direkter Demokratie, Fiskalregeln, Referenden über Steuererhöhungen und Volksabstimmungen zu Fondsfinanzierungen hat in der Schweiz das Argument ein grösseres Gewicht, dass jede Mehrausgabe eine klare Finanzierung braucht. In Deutschland haben hingegen von der EU ausgehende Regulierungen im Sozial- und Umweltbereich sowie Bundesgesetze wie das Bundesteilhabegesetz (2015) die Finanzierungslasten für die Gemeinden stark erhöht, ohne ausreichenden finanziellen Ausgleich zu schaffen.
Abb. 2: Staatseinnahmen und Staatsausgaben
(Quelle: LSEG, IWF)
Abb. 3: Staatsverschuldung als Anteil am BIP
(Quelle: OECD)
Unterschiedliche Einschränkungen bei der Geldpolitik
Die Zentralbanken beider Länder sind verfassungsrechtlich unabhängig, rechenschaftspflichtig gegenüber dem jeweiligen Parlament und können von Regierungen und Parlamenten nicht zu bestimmten geldpolitischen Entscheidungen gezwungen werden. Trotz dieser Unabhängigkeit ist der geldpolitische Entscheidungsspielraum eingeschränkt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen:
- Deutschland hält maximal zwei Stimmen im 27-köpfigen EZB-Rat, obwohl sein wirtschaftliches Gewicht im Euroraum bei knapp 25 Prozent liegt. Die strukturelle Mehrheit der südlichen Euroländer mit ihrer Tendenz zu höheren Schulden erzeugt einen persistenten Druck in Richtung expansiver Geldpolitik.
- Die Schweiz führt ihre Geldpolitik eigenständig, ist aber als kleine offene Volkswirtschaft über den Wechselkurs faktisch von den EZB-Entscheiden abhängig. Das traditionell tiefere Schweizer Zinsniveau spiegelt Aufwertungserwartungen gegenüber dem Euro wider.
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