Was Murat Yakin Anlegern über KI lehren kann
Von Karsten-Dirk Steffens *
Es gibt einen gefährlichen Irrtum. Er lautet: Genügend Daten ersetzen den Menschen.
Die Schweizer Nationalmannschaft liefert derzeit den vielleicht schönsten Beweis dafür, dass genau das nicht stimmt. Sie zeigt vielmehr, dass quantitative Analysen erst dann ihren grössten Wert entfalten, wenn sie mit Erfahrung, Intuition und menschlichem Urteilsvermögen kombiniert werden. Nicht der Algorithmus macht den Trainer besser. Der Trainer macht den Algorithmus besser. Und genau dieselbe Erkenntnis gilt auch für das Asset Management.
Der Mensch sorgt für den Mehrwert
Diese Arbeitsteilung erinnert verblüffend an modernes Asset Management. Auch dort bilden quantitative Modelle das Fundament. Sie analysieren Tausende Unternehmen, bewerten Faktoren wie Value, Quality oder Momentum und liefern eine objektive Ausgangslage für Anlageentscheide. Doch genauso wie im Fussball endet der Prozess nicht bei der Datenanalyse. Der eigentliche Mehrwert entsteht erst dann, wenn der Mensch eingreift.
Erfahrene Portfoliomanager ergänzen quantitative Modelle dort, wo Erfahrung, Unternehmenskenntnis und Urteilsvermögen gefragt sind. Er nutzt die quantitative Analyse als Ausgangspunkt, aber nicht als Dogma. Dort, wo es sinnvoll erscheint, korrigiert er das Modell und trifft bewusst eigene Entscheidungen. Genau diese Verbindung aus Systematik und menschlichem Urteilsvermögen macht den Unterschied aus.
Daten zeigen den Weg
Murat Yakin profitiert von den Erkenntnissen der ETH. Professor Ulrik Brandes unterstützt den Nationaltrainer mit hochentwickelten Datenanalysen. Seine Algorithmen werten unzählige Trackingdaten aus, erkennen taktische Muster, analysieren Laufwege und zeigen auf, wie Gegner Räume besetzen oder verteidigen. Die Daten zeigen ihm Muster, liefern Hinweise und helfen ihm, Gegner schneller zu verstehen. Aber am Ende muss er entscheiden. Er trägt die Verantwortung.

Luca Jaquez (Bildmitte) in der Partie gegen Kanada. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)
Ob ein Algorithmus Luca Jaquez für die Startformation empfohlen hätte, wissen wir nicht. Professor Brandes hält seine Analysen unter Verschluss. Sie sind Teil des Wettbewerbsvorteils der Schweizer Nationalmannschaft.
Fest steht aber: Die Entscheidung traf Taktikfuchs Murat Yakin richtig. Denn Jaquez war an beiden Schweizer Toren direkt beteiligt und avancierte so zum Matchwinner. Natürlich beweist eine einzige Personalentscheidung noch nicht die Überlegenheit des Menschen über die Maschine. Sie zeigt aber etwas Grundsätzliches: Algorithmen liefern Orientierung.
Quantitative Modelle machen bessere Entscheidungen möglich
Genau darin liegt die Stärke moderner Kapitalanlage. Wer glaubt, quantitative Modelle würden menschliches Urteilsvermögen ersetzen, missversteht ihre eigentliche Rolle. Sie ersetzen den Menschen nicht – sie machen bessere Entscheidungen möglich.
Die Innovation besteht nicht darin, möglichst viele Daten zu sammeln. Das können heute fast alle. Der Unterschied entsteht dort, wo Erfahrung, Intuition und Überzeugung auf quantitative Analyse treffen.
Over-Engineering ist deshalb weder im Fussball noch an den Finanzmärkten ein Selbstzweck. Natürlich werden beide Welten immer datengetriebener. Das ist sinnvoll und notwendig.
Wer auf quantitative Analysen verzichtet, verschenkt wertvolle Erkenntnisse. Wer sich ausschliesslich auf sie verlässt, verschenkt jedoch etwas mindestens ebenso Wertvolles: Urteilsvermögen.
KI als Werkzeug, nicht als Ersatz
Die besten Mannschaften bestehen nicht aus elf Algorithmen. Und die erfolgreichsten Anlagestrategien entstehen nicht aus einem perfekten Modell. Quantitative Analysen schaffen einen Vorsprung, den entscheidenden Unterschied macht aber der Mensch.
Im Fussball bilden Ulrik Brandes und Murat Yakin ein erfolgreiches Team. An den Finanzmärkten wird dieselbe Arbeitsteilung immer wichtiger: Daten und Algorithmen schaffen Transparenz, Menschen übernehmen die Verantwortung. Die Kapitalanlage der Zukunft wird deshalb weder rein quantitativ noch rein diskretionär sein. Erfolgreich sind jene Investoren, die künstliche Intelligenz als Werkzeug nutzen, ohne das eigene Urteil an sie zu delegieren.
Denn Modelle berechnen Wahrscheinlichkeiten. Entscheiden müssen Menschen. Umso gespannter darf man sein, was sich Murat Yakin für das Spiel gegen Algerien am 3. Juli einfallen lässt.

* Karsten-Dirk Steffens ist CEO von Aberdeen Investments (Schweiz).













