KI für Juristen: Genfer Legaltech visiert auch die Finanzbranche an

Künstliche Intelligenz dürfte den Markt für Rechtsdienstleistungen grundlegend verändern. Davon ist Dominique Lecocq, Gründer des Genfer Legaltech-Unternehmens Laine Neural Network, überzeugt. Sein Unternehmen entwickelt eine KI-basierte Infrastruktur, die juristische Prozesse automatisieren, beschleunigen und gleichzeitig kostengünstiger machen soll.

«Jede Industrie muss von Zeit zu Zeit effizienter werden», sagt er im Gespräch mit finews. Den aktuellen Wandel vergleicht er mit dem Aufstieg von Swissquote Ende der 1990er-Jahre, als der Online-Broker etablierte Strukturen im Schweizer Bankensektor herausforderte.

Die KI des Genfer Unternehmens übernimmt die repetitiven Arbeiten (Informationssammlung, Erstellung von Rechtsdokumenten sowie Konsistenz- Risiko und Rechtsprüfung). Die juristische Beurteilung und Haftung verbleiben beim Anwalt. Genau diesen hybriden Ansatz betont Dominique Lecocq immer wieder. 

M&A als besonders attraktiver Markt

Während sich die Plattform in erster Linie an Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen von Unternehmen richtet, sieht Lecocq auch im Rechtsbereich der Finanzindustrie erhebliches Potenzial. Gerade bei Fusionen und Übernahmen (M&A), Private-Equity-Transaktionen oder anderen komplexen Corporate-Finance-Projekten müssen innerhalb kurzer Zeit grosse Mengen an Verträgen, Dokumenten und regulatorischen Anforderungen verarbeitet werden.

Genau in diesem Umfeld soll die KI-Lösung repetitive Arbeiten automatisieren und Juristen entlasten, ohne deren abschliessende Korrekturlesung und Verantwortung zu ersetzen. Entsprechend beabsichtigt Laine Neural Network, Module zu entwickeln, die auf bestimmte Branchen zugeschnitten sind, darunter M&A, Private-Equity und die Asset Management-Branche.

Nur wenige holen juristischen Rat ein

Lecocq sieht gleichzeitig ein strukturelles Problem im heutigen Rechtsmarkt: Nur rund 15 Prozent der Menschen oder Unternehmen, die rechtliche Unterstützung benötigten, würden tatsächlich einen Juristen beiziehen. Komplexe Abläufe und hohe Kosten seien häufig die grössten Hürden.

«Unser Ziel ist es, die Dinge einfacher zu machen», sagt Lecocq. Technologien wie Laine können dazu beitragen, Hindernisse beim Zugang zu rechtlicher Unterstützung zu beseitigen, sodass es für Privatpersonen und Unternehmen einfacher und kostengünstiger wird, den richtigen Anwalt zu finden und zu beauftragen.

Anwälte bleiben unverzichtbar

Trotz des hohen Automatisierungsgrads betont Lecocq, dass die Technologie Anwälte nicht ersetzen werde.

«Dies ist auch nicht unsere Intention», sagt er. Vielmehr verschiebe sich deren Rolle. Während die KI Routinearbeiten übernehme, würden Juristen künftig verstärkt als Qualitätsprüfer, Entscheider und strategische Berater agieren.

Besonders wichtig ist ihm die Abgrenzung zu vielen bestehenden KI-Lösungen.

«Wir lösen mit unserer Infrastruktur ein Problem. Es handelt sich um einen Auto-Pilot und nicht um einen Co-Pilot und führt letztlich zu besseren Ergebnissen», erklärt Lecocq.

Gerade grössere Kanzleien profitierten davon, da sie zunehmend mit Fachkräftemangel und hoher Personalfluktuation konfrontiert seien. Die Plattform standardisiere Prozesse und erhöhe die Produktivität.

Infrastruktur statt Software

Lecocq versteht Laine Neural Network deshalb nicht als klassische Software.

«Laine Neutral Network ist nicht ein Produkt, es ist eine Infrastruktur für Anwälte und Legal-Vertreter von Unternehmen», sagt er. Anwälte könnten dadurch effizienter arbeiten und ihre Erfolgsquote steigern.

Das Unternehmen beschäftigt derzeit 32 Mitarbeitende am Hauptsitz in Genf und seinen Tochtergegsellschaften, darunter 14 Entwickler sowie neun Juristen und Datenschutzbeauftragte. Letztere überwachen unter anderem Datenschutz, regulatorische Anforderungen und die Qualität der KI-Modelle.

Schweizer Qualität als Türöffner

Heute ist die Plattform auf die Rechtssysteme der Schweiz, der USA und der Vereinigten Arabischen Emirate ausgerichtet. Künftig soll sie auf weitere Märkte in Europa und im Nahen Osten ausgeweitet werden.

Lecocq ist überzeugt, dass gerade die Herkunft ein Wettbewerbsvorteil sein kann. «Der Swiss Standard ist ein unschlagbares Prädikat», sagt er.

Mit dem verstärkten Fokus auf M&A, Private Equity und andere anspruchsvolle Transaktionen positioniert sich Laine Neural Network damit nicht nur als Legaltech-Anbieter für Kanzleien, sondern zunehmend auch als Technologiepartner für die Rechtsabteilungen von Investmentbanken, Corporate-Finance-Berater, Private-Equity-Häuser und die Rechtsabteilungen international tätiger Unternehmen.