«Banken müssen im Zahlungsverkehr noch viele Hausaufgaben erledigen»
Das 1996 entstandene Zürcher Fintech-Startup Netcetera hat sich in den letzten Jahren zum «digitalen Powerhouse» von Giesecke + Devrient (G+D) gemausert. Das 1852 in Leipzig gegründete und heute in München domizilierte Unternehmen G+D gilt als einer der weltweit führenden Anbieter im Bereich Banknotendruck und hat in jüngster Zeit vermehrt in den Bereich digitale Zahlungs- und Sicherheitslösungen diversifiziert.
G+D Netcetera, seit 2020 Teil des Konzerns, definiert sich heute als «europäisches Softwareunternehmen mit Schweizer Wurzeln, spezialisiert auf zukunftsweisende digitale Lösungen für die Finanzindustrie». Es beschäftigt rund 1'200 Mitarbeiter in der Schweiz und in anderen europäischen Standorten. Ein grosser Teil der Entwicklung der Software erfolgt schon lange in Nordmazedonien.
Der Hauptsitz von Netcetera befindet in Zürich-Albisrieden in einem unprätentiösen Industriegebäude, dort traf sich finews mit Martina Forster zum Interview. Nach ihrem Einstieg bei Netcetera vor neun Jahren war sie dort in verschiedenen Rollen im Bereich Payment Security tätig. Seit Anfang 2025 ist sie Portfolio Lead Secure Digital Payments. Bevor sie zu Netcetera stiess, wirkte sie lange für Esri Schweiz, ebenfalls ein Software-Unternehmen, allerdings mit Schwerpunkt Geoinformationsysteme.
Frau Forster, sind die Schweizer Wurzeln von Netcetera noch spürbar?
Ja. Wir machen beispielsweise das Produktmanagement weiterhin von unserem Hauptsitz in der Schweiz aus. Der hiesige Markt mit seinen Kunden ist für uns nach wie vor sehr wichtig, auch wenn wir uns heute als europäisch definieren. Und traditionelle Schweizer Erfolgsfaktoren wie hoher Qualitätsanspruch und Innovationskraft prägen uns weiterhin.
Ihr Markt sind Banken, Kartenemittenten, Zahlungsdienstleister, grosse Händler, Versicherungen usw., aber nicht der Konsument.
Das ist richtig, wir sind ausschliesslich im B2B-Bereich tätig, haben allerdings bei unseren Entwicklungen immer die Bedürfnisse und Anliegen der Endkunden vor Augen. Anwendungen müssen eine hohe Sicherheit und eine hohe Convenience aufweisen, also dem Endkunden eine klare und möglichst intuitiv verständliche Benutzererfahrung bringen.
«Es reicht nicht, einfach zu sagen, dass eine Lösung sehr innovativ sei. Der Endkunde muss einen Mehrwert sehen.»
Eine Innovation, bei der G+D Netcetera als Consultant involviert war, sind Sofortzahlungen respektive Instant Payments. Der Anteil am gesamten elektronischen Zahlungsverkehr ist aber weiterhin verschwindend gering, der Nutzen für den Endkunden scheint nicht richtig ersichtlich zu sein. Woran liegt das?
Es gibt schon einige Anwendungsfälle, die sinnvoll sein können, z.B. die sofortige Auszahlung von Liquidität bei Notfällen. Instant Payment ermöglicht auch neue Verkaufsprozesse für digitale Produkte. Die Infrastruktur ist vorhanden und funktioniert, aber sie wird noch nicht voll genutzt, auch weil die Banken noch etwas zögerlich sind. Zudem sind im Handel Sofortzahlungen aus verschiedenen Gründen noch wenig etabliert.
Es handelt sich um einen jungen Markt, die Akteure wollen die Risiken verstehen, die Gebühren sind hoch, und die Benutzererfahrung ist noch nicht gleich ausgereift wie bei Kartenzahlungen. Wenn der Handel Instant Payments umsetzt und die damit möglichen neuen Dienstleistungen besser sichtbar werden, wird der Endkunde die Option auch mehr nutzen. Der Endkunde muss einen Mehrwert sehen: Es reicht nicht, einfach damit zu argumentieren, dass eine Lösung sehr innovativ ist.
In den letzten Jahrzehnten hat sich der bargeldlose Zahlungsverkehr für die Endkunden rasant entwickelt, vom «Ritsch-Ratsch» der Kreditkarte auf Kohlepapier bis zu Bezahlkarten auf dem Mobiltelefon und Twint. Was ist die nächste Innovation, die in die Breite geht?
Click-to-Pay wird als neuer globaler Standard für schnellere und sicherere Online-Zahlungen von den grossen Kartennetzwerken stark gefördert. Der Konsument muss seine Daten nur noch bei der ersten Transaktion erfassen, dann sind die Einstellungen gesichert. Ich habe dann mein Zahlungsprofil in der Cloud, vorstellbar wie ein Wallet, in das ich weitere Karten legen kann. Meine Kreditkarteninformationen, Rechnungsadresse und Zahlungspräferenzen werden dabei tokenisiert gespeichert; sie liegen dann nicht mehr beim Händler, was sicherer ist. Im Idealfall braucht es dann nur noch wenige Clicks, wenn ich die nächste Online-Shopping-Transaktion vornehmen will: Click-to-Pay-Symbol anklicken, die bevorzugte Zahlkarte auswählen, und die Bezahlung mit Fingerprint oder Face ID freigeben. Dahinter steckt jedoch der ganze Zahlungsprozess.
«Click-to-Pay wird als neuer globaler Standard für schnellere und sicherere Online-Zahlungen von den grossen Kartennetzwerken stark gefördert. »
Und wie ist G+D Netcetera bei Click-to-Pay involviert?
Als Mitglied von EMVCo, der Organisation hinter Industriestandards für sicheres kartenbasiertes Bezahlen, haben wir über die vergangenen Jahre sowohl die Entwicklung des Standards Secure Remote Commerce wie auch die darauf basierende Marktlösung Click-to-Pay von Beginn weg mit entwickelt. Heute liefern wir Click-to-Pay als Software-as-a-Service für Payment Providers und Banken sowie Passkey Services, die für die nahtlose Authentifizierung der Benutzer erforderlich sind.
Wie werden Stablecoins den Zahlungsverkehr verändern?
Sie bringen Tempo in grenzüberschreitende Zahlungsströme. Der aktuell meist gehörte Anwendungsfall ist das Treasury Management von global tätigen Unternehmen und Banken. Für den Endkunden sind Stablecoins im Zahlungsverkehr noch wenig relevant, der regulierte Markt ist erst am Entstehen. Mit Bezahlapps wie Wero oder Banken-Apps wie Revolut können Endkunden zudem bereits heute Zahlungen in Echtzeit ausführen.
Auch deshalb stehen Stablecoins für uns noch nicht im Brennpunkt, fliessen aber in Innovation mit ein. Wir verfolgen die Entwicklungen, insbesondere die laufende Bankeninitiative für eine Franken-Stablecoin-Sandbox. Denn für uns sind Click-to-Pay, Instant Payments oder Stablecoins alles unterschiedliche Zahlungswege, die eine Bank, ein Payment Service Provider (Zahlungsdienstleister) oder eine Bezahlapp ihren Endkunden anbieten können. Genau da setzt unser Multi-Rail-Ansatz an, wir machen diese verschiedenen «Rails» für unsere Kunden einfach und sicher nutzbar.
Wie gut sind die Schweizer Banken für den Zahlungsverkehr von morgen gerüstet?
Für die Banken ist zentral, dass sie im Zahlungsverkehr die Kundenschnittstelle behalten, deshalb wurde ja auch Twint lanciert, eine Innovation, die heute die ganze Schweiz nutzt. Die Banken haben indes noch viele Hausaufgaben zu erledigen. Innovative Anbieter wie Revolut, die hierzulande deutlich mehr Geschäftsvolumen haben als die heimischen Neobanken, könnten als Katalysator wirken. Sie erhöhen den Druck auf die Banken, den Kunden gute Angebote zu machen, über den reinen Zahlungsbereich hinaus. Dazu kommt die Weiterentwicklung der Technologie und der künstlichen Intelligenz (KI).
«Die Banken fühlen sich sicher, wahrscheinlich auch aufgrund des Erfolgs von Twint. Für unseren Geschmack läuft zu wenig.»
Machen die Banken denn auch genug?
Nein, sie fühlen sich sicher, wahrscheinlich auch aufgrund des Erfolgs von Twint. Für unseren Geschmack läuft zu wenig. Aber das kann rasch gehen, wie auch das Beispiel der Erweiterung der Einsatzmöglichkeiten von Debitkarten zeigt. Heute können diese fast alles machen, was früher nur mit Kreditkarten möglich war – der wichtigste Unterschied ist heute, dass mit Debitkarten keine Kredite bezogen werden können.
Was bedeutet KI für G+D Netcetera? Wird mittelfristig nicht KI die Entwicklung von Software übernehmen?
Wir sind schon mitten in der neuen KI-Welt angekommen, aber es werden weiterhin Menschen sein, die den Einsatz von KI steuern und die ihre Kunden sehr gut verstehen. KI automatisiert und beschleunigt Prozesse, rationalisiert repetitive Aufgaben. Das ermöglicht uns, wettbewerbsfähig zu bleiben, und unsere Teams können sich noch mehr auf die Kunden und die Schaffung von Mehrwerten fokussieren. Wir können die Gestaltung von KI in unserem Bereich mitprägen. Unsere Kunden sind dankbar, wenn wir für sie die damit verbundene Abschätzung der Chancen und Risiken vornehmen.
Könnte ein Profi nicht mit den richtigen Prompts rasch einen Zahlungsprozess kreieren, ohne Software im herkömmlichen Sinne?
Ja, tatsächlich wird an Transaktionen gearbeitet, die auf KI-Agenten basieren und von ihnen ausgelöst werden. Grundsätzlich ist der Nutzer bequem, für ihn steht im Mittelpunkt, ob ihm eine Innovation das Leben erleichtert. Ein Anwendungsbespiel wäre z.B. der regelmässige Online-Kauf von homogenen Verbrauchsgütern wie Windeln. Doch es gibt grosse Fragezeichen. Wird der Konsument solche Neuerungen tatsächlich annehmen, wie wichtig sind ihm die Sicherheit und seine Autonomie? Wie gut ist er dabei vor Betrug geschützt? Daten und Privatsphäre müssen weiterhin sicher sein.
Wie G+D sind auch deren Konkurrenten daran, aus dem traditionellen Stammgeschäft zu diversifizieren. In der Schweiz ist eine Tochter von Orell Füssli, hinter die Schweizerische Nationalbank (SNB) als Hauptaktionärin steht, im Bereich digitale Identitäten tätig. Kommt Ihnen Procivis ins Gehege?
Wir sind manchmal Wettbewerber, aber auch oft Partner. Niemand kann im Bereich digitale Identitäten alles selber machen, deshalb gibt es viel Kooperation und Komplementäres. Wir haben aber auch ab und zu direkt mit der SNB zu tun.
«Niemand kann im Bereich digitale Identitäten alles selber machen, deshalb gibt es viel Kooperation und Komplementäres.»
Wo denn?
Ein grosses Thema im digitalen Zahlungsbereich sind im Zeitalter von Social Media betrügerische «Geschäftsmodelle». Es geht dabei v.a. um Social Engineering, das in Anlage- und Liebesbetrug oder im Fachjargon Investment und Romance Scam endet. Wie können Banken, die SNB als Schirmherrin des nationalen Zahlungsverkehrssystem Swiss Interbank Clearing (SIC) und die ganzen Infrastrukturanbieter bzw. -zulieferer – also auch Netcetera – zur Prävention bzw. zur frühzeitigen Erkennung und damit zur Schadensbegrenzung beitragen?
Die Kosten, die aufgrund solcher Machenschaften erwachsen, sind gewaltig, dazu kommt der Vertrauensverlust. Hier laufen viele koordinierte Efforts, auch hinter den Kulissen. Mit unserer Data Sharing Platform ermöglichen wir beispielsweise den sicheren Austausch von Betrugsindikatoren über Institute hinweg.
Aber betrogen wurde doch schon lange vor dem digitalen Zeitalter.
Das ist richtig, aber die Effizienz der modernen Technologien und die Skaleneffekte, die damit verbunden sind, haben solche «Geschäfte» deutlich attraktiver gemacht.













