Die Schweiz verliert bei Konzernzentralen an Boden

Multinationale Unternehmen bleiben ein zentraler Pfeiler der Schweizer Wirtschaft. Obwohl sie nur rund 6 Prozent aller Unternehmen im Land ausmachen, erwirtschaften sie 42 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP), schreibt das Beratungsunternehmen McKinsey in einer Studie zur Schweizer Wettbewerbsfähigkeit.

Seit 2014 haben die Multinationalen rund drei Viertel des nominalen Wirtschaftswachstums der Schweiz erwirtschaftet. Gleichzeitig wachse unter den Unternehmenschefs die Sorge, dass die Schweiz im internationalen Standortwettbewerb an Attraktivität verliert.

Verschlechterung bei zentralen Standortfaktoren

Die Studie von McKinsey und der Swiss-American Chamber of Commerce basiert auf der Befragung von Unternehmenschefs. Demnach sehen rund 70 Prozent der befragten CEOs gegenüber internationalen Wirtschaftsstandorten eine Verschlechterung bei mindestens drei zentralen Standortfaktoren.

Besonders kritisch werden die regulatorischen Rahmenbedingungen, das Steuerumfeld und die Infrastruktur bewertet. Rund 70 Prozent stellen eine Verschlechterung bei der «Ease of Doing Business» fest, insbesondere wegen regulatorischer Komplexität und langsamer Verfahren. 65 Prozent sehen Nachteile im steuerlichen Umfeld, unter anderem im Zusammenhang mit der OECD-Mindestbesteuerung. 60 Prozent bemängeln Infrastrukturengpässe.

Dabei hat sich der Referenzrahmen der Unternehmen verändert. Rund 80 Prozent der Befragten vergleichen die Schweiz inzwischen nicht mehr primär mit anderen europäischen Ländern, sondern mit globalen Hubs wie den USA, Singapur oder den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Schweiz punktet bei Forschung und Technologie

Nicht alle Standortfaktoren entwickeln sich negativ. Bei Talent, Innovation und Forschung bleibt die Schweiz nach Einschätzung der CEOs stark. Mehr als 85 Prozent sehen Talent und Innovation weiterhin als zentrale Stärken. Zudem gewinnt die Schweiz bei Forschung und Entwicklung sowie im Technologie- und KI-Bereich an Bedeutung.

Diese Verschiebung zeige sich auch bei den Standortentscheidungen multinationaler Unternehmen, heisst es weiter. Der Anteil der Schweiz an Um- und Neuansiedlungen globaler Unternehmenshauptsitze ist demnach von 15 auf 22 Prozent gestiegen.

Bei Hauptsitzfunktionen an Gewicht verloren

Gleichzeitig hat das Land bei Hauptsitzfunktionen in wichtigen Branchen an Gewicht verloren: In Pharma und Healthcare sank der Anteil von 46 auf 32 Prozent, in der Industrie von 27 auf 16 Prozent.

Insgesamt bleibt die Schweiz damit Europas führender Standort für Forschung und Entwicklung, zieht jedoch weniger globale Hauptsitze und Steuerungsfunktionen an als früher.

«Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist kein Selbstläufer mehr», sagt Michael Steinmann, Managing Partner von McKinsey Schweiz. Investitionsentscheide zugunsten anderer internationaler Hubs seien ein wichtiges Signal für die langfristige Standortqualität.

Geschwindigkeit wird zum Wettbewerbsfaktor

Nach Einschätzung der befragten Unternehmenschefs liegt der Wettbewerbsnachteil nicht primär in einzelnen Vorschriften. Problematischer sei die Summe vieler kleiner Verzögerungen – etwa bei Bewilligungsverfahren für Infrastrukturprojekte oder bei Arbeitsbewilligungen für internationale Fachkräfte.

Hinzu kommen geopolitische Spannungen, neue Handelsbarrieren, Unsicherheiten im Verhältnis zur EU, die OECD-Mindestbesteuerung, eine aktivere US-Handelspolitik und der starke Franken. Für international tätige Unternehmen erhöht dies den Druck, Standorte weltweit miteinander zu vergleichen.

Rahul Sahgal, CEO der Swiss-American Chamber of Commerce, sieht deshalb vor allem bei Geschwindigkeit und Verlässlichkeit Handlungsbedarf. Die Schweiz könne grössere Volkswirtschaften nicht über Marktgrösse oder Subventionen schlagen, wohl aber über Leistung, Schnelligkeit und Verlässlichkeit.

Fünf Prioritäten für den Wirtschaftsstandort

Die Autoren der Studie leiten daraus fünf zentrale Handlungsfelder ab: die Gewinnung internationaler Talente, schnellere regulatorische Prozesse, mehr steuerliche Planbarkeit, Investitionen in die Infrastruktur sowie eine strategischere Positionierung der Schweiz gegenüber der EU, den USA und Asien.

Dabei gehe es nicht um Deregulierung um jeden Preis. Entscheidend seien vielmehr wirksame, verhältnismässige und planbare Rahmenbedingungen, die Investitionen, Innovation und Wachstum ermöglichen.