Mobiliar-Anlagechef: «Wir brauchen kein digitales Gold – wir haben das richtige»
Herr Christen, das finanzielle Ergebnis ist im ersten Halbjahr um 77 Prozent auf 474 Millionen Franken gestiegen. Wie viel davon ist aussergewöhnlichen Markteffekten geschuldet und wie viel ist das Resultat Ihrer langfristigen Anlagestrategie?
Das Ergebnis ist sowohl auf die langfristige Anlagestrategie als auch auf aussergewöhnliche Einmaleffekte zurückzuführen. Langfristig profitiert die Mobiliar von einer bewusst risikoorientierten und breit diversifizierten Asset Allocation mit einem im Branchenvergleich hohen Anteil an Sachwerten.
Im ersten Halbjahr kamen aber aussergewöhnlich hohe Realisierungsgewinne hinzu, insbesondere aus dem Gold-Rebalancing und dem Börsengang des MobiFonds Swiss Property. Solche Realisierungserfolge erwarten wir nicht jedes Jahr in dieser Höhe.
Zum Ergebnis haben auch Realisierungsgewinne rund um den Börsengang des MobiFonds Swiss Property beigetragen. Wie nachhaltig ist dieser Beitrag?
Im Zuge der Kotierung des MobiFonds Swiss Property hat die Mobiliar Fondsanteile verkauft und darauf Gewinne realisiert. Gleichzeitig war die Kotierung ein strategischer Meilenstein, der Liquidität, Sichtbarkeit und Flexibilität des Fonds erhöht hat. Die damit verbundenen Realisierungsgewinne sind jedoch ein Sondereffekt.
«Die genossenschaftliche Verankerung gibt uns die Möglichkeit, wirklich langfristig zu denken.»
Die Kapitalanlagen sind innerhalb von sechs Monaten um knapp 5 Prozent auf 24,1 Milliarden Franken gestiegen. Wo fliesst zusätzliches Kapital derzeit hin: weiterhin in Aktien und Gold, stärker in Obligationen oder in alternative Anlagen?
Wir investieren zusätzliches Kapital grundsätzlich entlang der strategischen Vermögensallokation.
Die Mobiliar verwaltet rund 30 Milliarden Franken. Was unterscheidet Sie als Investor von klassischen Asset Managern?
Unser grosser Vorteil ist der langfristige Anlagehorizont. Die genossenschaftliche Verankerung gibt uns die Möglichkeit, wirklich langfristig zu denken. Wir müssen nicht jedes Quartal Dividenden generieren oder Aktienrückkäufe finanzieren. Entscheidend ist für uns, ein robustes und gut diversifiziertes Portfolio aufzubauen und über lange Zeit die entsprechenden Risikoprämien zu verdienen.
Die genossenschaftliche Struktur verschafft Ihnen also mehr Freiheit?
Absolut. Als Asset Manager einer genossenschaftlich verankerten Versicherung haben wir eine privilegierte Ausgangslage. Wir sind weniger gezwungen, aufgrund kurzfristiger buchhalterischer Anforderungen Entscheidungen zu treffen, die langfristig ökonomisch vielleicht nicht sinnvoll wären. Dieser lange Atem ist ein grosser Vorteil.
Heisst das auch, dass Sie bewusst auf kurzfristige Marktprognosen verzichten?
Ja. Wir betreiben keine Taktik in dem Sinne, dass wir beispielsweise prognostizieren, Gold werde in den nächsten drei Monaten um 5 Prozent steigen, und deshalb kaufen. Unser Fokus liegt auf einem ausgewogenen, diversifizierten Portfolio, das langfristig funktioniert. Der Versuch, sich für jedes einzelne Jahr optimal zu positionieren, funktioniert meistens nicht.
«Wir sind stark in Technologieaktien investiert.»
KI hat die Aktienmärkte stark geprägt. Wie gehen Sie mit dem Boom um?
KI ist eine Realität. Wir haben eine Aktienquote von rund 14 Prozent, davon entfällt ein grosser Teil auf amerikanische Aktien. Allein aufgrund der Indexzusammensetzung sind wir damit stark in Technologie investiert und haben in den vergangenen Jahren entsprechend vom KI-Boom profitiert.
Bereitet Ihnen die inzwischen hohe Konzentration bei den grossen Technologiewerten Sorgen?
Das beobachten wir sehr genau. Man versucht normalerweise, ein Aktienportfolio breit zu diversifizieren und unternehmensspezifische Risiken möglichst gering zu halten. Gleichzeitig sehen wir eine starke Verflechtung zwischen den Unternehmen im KI-Ökosystem. Daraus können potenziell systemische Risiken entstehen.
Wir sind aber nicht an dem Punkt, an dem wir deshalb Technologieaktien grundsätzlich untergewichten würden. Entscheidend ist die Bewertung und die Frage, ob die Gewinne und das Wachstum dieser Unternehmen schnell genug steigen, um die hohen Erwartungen zu erfüllen.
Die vergangenen Jahre waren geprägt von geopolitischen Krisen und gleichzeitig steigenden Aktienmärkten. Hat Sie das überrascht?
Aussergewöhnlich war insbesondere die Kombination: Der Dollar hat deutlich nachgegeben, Gold ist stark gestiegen und gleichzeitig haben die Aktienmärkte sehr gut performt. Unterstützt wurden die Aktien unter anderem vom soliden Wirtschaftswachstum in den USA und vom Technologiesektor. Diese unterschiedlichen Realitäten gleichzeitig im Kopf zu behalten, ist anspruchsvoll.
«Bitcoin haben wir nie ernsthaft in Betracht gezogen.»
Immer mehr institutionelle Investoren beschäftigen sich mit digitalen Assets. Ist Bitcoin für die Mobiliar ein Thema?
Wir brauchen kein digitales Gold. Wir haben das richtige. Digitale Währungen sind spannende Konzepte, aber sie haben sich bislang nicht als institutionelle Anlageklasse durchgesetzt. Es gibt viel Spekulation, was sich auch in der hohen Volatilität zeigt.
Wenn überhaupt, wäre Bitcoin für mich die naheliegendste digitale Währung. Aber wir haben ein Investment in Bitcoin bisher nie ernsthaft in Betracht gezogen.
Hilft Ihnen der lange Anlagehorizont gerade in Krisen?
Auf jeden Fall. In turbulenten Phasen sind wir nicht gezwungen, kurzfristige und möglicherweise unökonomische Massnahmen zu ergreifen, nur um das Ergebnis zu schützen. Solange wir davon ausgehen, dass ein Ereignis keinen nachhaltigen Einfluss auf die langfristig erwarteten Risikoprämien hat, können wir an unserer Strategie festhalten.
Sie kaufen in einem Einbruch also sogar Aktien nach?
Ja. Wir haben einen antizyklischen Rebalancing-Mechanismus. Wenn wir beispielsweise eine Aktienzielquote von 14 Prozent haben und die Märkte stark fallen, sinkt der Aktienanteil im Portfolio und wir kaufen zu. Steigen Aktien oder Gold stark, verkaufen wir entsprechend.
Genau dafür ist ein langer Horizont wertvoll. Wer in einer Krise aufgrund kurzfristiger Verlustlimiten Aktien verkaufen muss, riskiert, beim anschliessenden Aufschwung nicht mehr dabei zu sein.
«Geopolitische Risiken sind asymmetrisch.»
Was bereitet Ihnen als Investor derzeit am meisten Sorgen?
Die zunehmende Häufigkeit und Breite geopolitischer Risiken. Klassische Marktvolatilität ist vereinfacht gesagt symmetrisch: Es gibt Chancen nach oben und Risiken nach unten. Geopolitische Risiken können dagegen stark asymmetrisch sein.
Ein Konflikt kann sich mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder beruhigen. Es besteht aber gleichzeitig eine geringe Wahrscheinlichkeit einer massiven Eskalation mit sehr grossen Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Solche Risiken lassen sich nicht einfach dadurch lösen, dass man die Aktienquote etwas reduziert.
Müssen sich Anleger dauerhaft an diese fragilere Welt gewöhnen?
Davon gehen viele aus. Wir leben in einer Welt mit mehr Bruchstellen und schwerer vorhersehbaren Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Entscheidend ist die Frage, ob sich dadurch langfristige Zusammenhänge, Korrelationen und erwartete Renditen fundamental verändern. Wenn das der Fall ist, müssen auch wir unsere Strategie anpassen. Wenn es dagegen vor allem mehr Schwankungen gibt, bleibt unser langfristiger Ansatz intakt.
«Aktives Management ist auch Risikomanagement.»
Sie setzen stark auf aktives Management. Warum, obwohl immer mehr Geld in passive Produkte fliesst?
Wir setzen tatsächlich stark darauf. Immobilien managen wir vollständig selbst, Aktien und Obligationen zu einem sehr grossen Teil aktiv. Dabei geht es nicht nur darum, eine Überrendite zu erzielen. Aktives Management ist für uns auch ein Instrument des Risikomanagements.
Wenn wir beispielsweise der Ansicht sind, dass sich das Risiko eines bestimmten Sektors erhöht hat, können wir unser Exposure gezielt reduzieren. Für eine Versicherung ist diese Möglichkeit sehr wertvoll.
Aber der Trend zu passiven Anlagen dürfte weitergehen?
Dieser Trend ist klar erkennbar. Gleichzeitig kann nicht alles passiv sein, sonst würde die Informationsverarbeitung an den Märkten nicht mehr funktionieren. Zudem haben wir als Versicherung Anforderungen an das Risikomanagement und an die Steuerung des bilanziellen Ergebnisses, die sich nicht einfach vollständig passiv abbilden lassen.
Wie verändert dieser Trend die Asset-Management-Branche?
Ich sehe zwei Entwicklungen. Auf der einen Seite stehen immer grössere Anbieter, die stark über Skalierung und kostengünstige Produkte wachsen. Auf der anderen Seite gibt es kleinere Asset Manager, die sich über spezifische Lösungen und ein besonders gutes Verständnis der Kundenbedürfnisse positionieren können. Für beide Modelle gibt es Platz.
«Wir sind froh, einen grossen Teil unserer Anlagen direkt in Immobilien investiert zu haben.»
Immobilien spielen bei der Mobiliar traditionell eine wichtige Rolle. Wie beurteilen Sie den Markt derzeit?
Grundsätzlich bleiben wir positiv. Die Nachfrage nach Immobilien ist weiterhin vorhanden. Gleichzeitig bestehen regulatorische Herausforderungen, etwa durch Bauvorschriften, und natürlich spielt auch die Zinsentwicklung eine wichtige Rolle.
Wir sind froh, einen grossen Teil unserer Anlagen direkt in Immobilien investiert zu haben. Sie liefern uns Erträge in Schweizer Franken, was gut zu unseren Verpflichtungen als Schweizer Versicherung passt. Zudem verfügen wir über ein eigenes Team, das die gesamte Wertschöpfungskette abdecken kann. Das ist für uns ein komparativer Vorteil.
Wie beurteilen Sie die zunehmende Regulierung des Immobilienmarkts?
Vereinfacht gesagt: Regulierung bremst Investition und Bautätigkeit. Das reduziert das Angebot und kann dadurch den Wert bestehender Immobilien zusätzlich stützen. Wir haben in der Schweiz eine steigende Nachfrage nach Wohnungen, während die Bautätigkeit damit nicht Schritt hält. Regulierung und Bauvorschriften spielen dabei eine wichtige Rolle.
Zum Schluss: Wo liegt für einen Asset Manager wie die Mobiliar in einem immer härteren Wettbewerb die eigentliche Stärke?
Wir verwalten den grössten Teil unserer Anlagen für die eigene Bilanz. Unsere Stärke besteht darin, diesen Kunden sehr genau zu verstehen: Wir kennen die regulatorischen Anforderungen, die Rechnungslegung und die Struktur der Verpflichtungen. Dieses Wissen lässt sich nicht einfach ersetzen.
Natürlich können auch wir uns dem Wettbewerbsdruck nicht entziehen. Wenn die Gebühren für Asset Management und Vermögensverwaltung weiter sinken, spüren wir das ebenfalls.













