Isabelle Scemama zu Alts: «Selektivität, Due Diligence und Diversifikation»

Sie war zwölf Jahre im Real Estate Finance von BNP Paribas tätig und wechselte dann 2001 zu Axa Real Estate bzw. zu Axa Investment Managers, wo sie zuletzt Global Head für alternative Anlagen war. Nun ist sie gewissermassen in den Schoss von BNP Paribas zurückgekehrt, hat doch die französische Bank die Asset-Management-Sparte der französischen Versicherung übernommen.

Vor einem Jahr wurde Isabelle Scemama zur Deputy CEO von BNP Paribas Asset Management ernannt, ihre Funktion als Chefin des gesamten alternativen Anlagebereichs oder kurz «BNPP AM Alts» hat sie behalten.

Vor einigen Wochen weilte Scemama in Zürich, finews hat sie in der Lobby eines Hotels in der Innenstadt getroffen – und mit ihr auch über die Entwicklungen an den Private Markets gesprochen.


Frau Scemama, wie definieren Sie alternative Anlagen?

Alternative Anlagen, Alts, ist alles, was keine traditionellen Anlagen sind. Privatmarktanlagen sind ein Teil davon, aber der Begriff Alts ist viel umfassender.

Welchen Stellenwert haben die Alts im Asset Management von BNP Paribas?

Insgesamt verwaltet BNP Paribas Asset Management Vermögen über rund 1'600 Milliarden Euro. Davon entfallen 300 Milliarden auf BNPP AM Alts, die Plattform von BNP Paribas Asset Management für alternative Anlagen. Bei den traditionellen Anlagen geht der Trend weg von aktiv hin zu passiv. Entsprechend stark stehen dort die Margen unter Druck. Bei den Alts gibt es kein passives Investieren. Die Gewinner bekommen alles, und die Gewinner sind diejenigen Manager, die konstant eine überdurchschnittliche Performance erzielen können. Dies wiederum hängt von der Fähigkeit ab, selektiv vorzugehen, das Portfolio zu diversifizieren und natürlich Talente zu gewinnen. Um an diesen drei Fronten erfolgreich zu sein, braucht man Grösse. Wir sind bei alternativen Anlagen in Europa die Nummer 1 und als einzige Europäer unter den Top 10 weltweit. Unsere Stärken sind Immobilien, alternative Credit, Infrastruktur und Private Equity. Global wird der Private-Markets-Sektor von US-Akteuren dominiert.

«Bei den Alts gibt es kein passives Investieren. Die Gewinner bekommen alles, und die Gewinner sind diejenigen Manager, die konstant eine überdurchschnittliche Performance erzielen.»

Weshalb gibt es bei den alternativen Anlagen keinen Trend hin zum passiven Investieren und damit zu weniger üppigen Margen?

Ein grosser Teil des alternativen Universums setzt sich aus illiquiden Assets zusammen, die Managementstile unterscheiden sich stark und lassen sich kaum vergleichen, es fehlen auch Benchmarks.

Aber für den Hedge-Funds-Bereich existieren doch schon lange Indizes, oder?

Sie haben recht, aber das ist eigentlich die einzige Kategorie bei Alts, für die es Benchmarks und auch einige passive Produkte gibt. Hedge Funds sind oft in traditionellen und damit liquiden Märkten investiert. Für den grossen Rest der Alts trifft das nicht zu.

Sie haben die europäische Asset-Management-Landschaft über das letzte Vierteljahrhundert miterlebt. In den letzten Jahren gab es viele Veränderungen. Wird der Wandel weitergehen?

Ja, der Trend zur Konsolidierung mit Fusionen und Übernahmen wird weitergehen. Früher waren Anbieter oft auf eine Anlageklasse spezialisiert, heute zählt die Grösse, und die Produktpalette sollte möglichst umfassend sein. Der Trend hin zu einem Vollangebot hat auch damit zu tun, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen Anlageklassen zunehmend verblassen.

«Früher waren Anbieter auf eine Anlageklasse spezialisiert, heute zählt die Grösse, und die Produktpalette sollte möglichst umfassend sein.»

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Die Grenze zwischen Aktien und Obligationen beispielsweise verwischt sich zunehmend, weil es viel mehr hybride Zwischenformen von Eigen- und Fremdkapital gibt als früher, z.B. Mezzanine. Aber auch bei den Immobilienanlagen hat sich vieles verändert.

Inwiefern?

Dieser Markt ist sehr vielfältig geworden. Es existieren heute u.a. die Bereiche Studentenunterkünfte, Altersheime, Wohngemeinschaften und Logistikimmobilien, also alles, was mit Lagerhäusern und Verteilzentren zu tun hat. Sie haben sich neben den klassischen Büro- und Wohnliegenschaften mittlerweile fest etabliert. Es geht längst nicht mehr nur um Kaufen und Verkaufen. Als aktive Investoren managen und optimieren wir die Geldflüsse, indem wir oft auch operative Gesellschaften entwickeln, also die Betreiber. Dafür brauchen wir Teams mit grossem Knowhow, die das Geschäft à fond verstehen. Ihren Anfang genommen hat diese Entwicklung hin zu einer operativen und aktiven Steuerung im Hotelbereich, nun hat sie viele weitere Segmente erfasst.

«Die Probleme auf dem US-Private-Credit-Markt waren letztlich die Folge eines Überangebots an Kapital.»

Der Bereich Private Credit steht unter scharfer Beobachtung, seit dort vor einigen Monaten Probleme aufgetaucht sind. Teilweise wollten Investoren Gelder aus Anlagevehikeln abziehen, konnten dies aber nicht tun. Sind das bloss Wachstumsschmerzen eines Markts, der einen Boom hinter sich hat?

Die Probleme betreffen v.a. Segmente und Anlagevehikel im US-Markt, nach einer Periode, in der sehr viel Geld speziell von Retailinvestoren und aus der Vermögensverwaltung in halbliquide Private-Credit-Vehikel geflossen ist. Der Wirbel um die «Kakerlaken»-Warnungen – eine Anspielung auf Jamie Dimons Kommentare zum Zahlungsausfall bestimmter Unternehmen, die übrigens auch in den Bilanzen der Banken auftauchten – führte in Verbindung mit der Furcht, dass künstliche Intelligenz die auf dem Direct-Lending-Markt stark vertretene Softwarebranche erschüttern könnte, zu erheblichen Rücknahmeanträgen bei diesen halb-liquiden Anlageinstrumenten. Letztlich war das jedoch die Folge eines Überangebots an Kapital auf dem US-Markt. Dieses führte dazu, dass einige Akteure, Banken und Fondsmanager, bei ihren Due-Diligence-Prozessen weniger diszipliniert und bei ihren Anlageentscheidungen weniger selektiv vorgingen. In Europa kam es nicht zu ähnlichen Exzessen.

Sind Sie dagegen, dass Privatanleger den Zugang zu Alts wie Private Credit haben?

Natürlich nicht, aber bestimmte Prinzipien müssen eingehalten werden: Die wichtigsten sind Selektivität und Diversifizierung. Kredite eignen sich besonders gut für halb-liquide Anlageinstrumente, da die Laufzeit der Darlehen in der Regel unter fünf Jahren liegt und die Zinszahlungen vierteljährlich erfolgen. Das bedeutet, dass bereits ab dem ersten Jahr grosse Geldbeträge zurückfliessen, was den Rückzahlungsprozess glättet. Diversifikation ist wichtig. Bei unserer semi-liquiden Multi-Credit-Strategie kombinieren wir eine sehr breite Palette von Produkten. Wir blicken auf eine über 20-jährige Erfolgsgeschichte zurück und erzielen Renditen von über 10 Prozent.

«Aus illiquiden Assets werden aber nicht einfach plötzlich liquide Assets. Daher ist auch das Gating sinnvoll.»

Wissen die Privatanleger wirklich, was sie gekauft haben? Viele waren überrascht, dass die Liquidität und damit ihre Abzugsmöglichkeiten eingeschränkt werden können.

Wer solche Produkte an die Anleger verkauft, ist verantwortlich dafür, dass sie über die entsprechenden Risiken aufgeklärt werden. In Europa ist die Regulierung strikt. Wir müssen die Kunden kategorisieren. Wir verkaufen auch nicht alle Produkte allen Kunden. Je mehr Retail, desto grösser müssen die Liquiditätspuffer sein. Diese Puffer sind von den Regulatoren in Europa genau definiert. Aus illiquiden Assets werden aber nicht einfach plötzlich liquide Assets. Daher ist auch das sogenannte Gating grundsätzlich sinnvoll. Sonst wäre der Manager bei zu vielen Abzügen gezwungen, die Aktiven zu einem Spottpreis zu verschleudern.

Und wie geht es nun im Private-Credit-Markt weiter?

Es empfiehlt sich, ruhig Blut zu bewahren, weil lange nicht alle Software überflüssig werden wird. In Europa ist das Umfeld auch anders als in den USA, wo gewisse Vehikel extreme Exposures gegenüber Software aufweisen, was zu vielen Kündigungen, Volatilität und entsprechend grossen Abschlägen führte.

Wie haben Ihre Kunden auf die Turbulenzen reagiert?

Sie sind zufrieden mit der Performance der letzten Jahre, haben aber natürlich Fragen zu den jüngsten Entwicklungen gestellt. Es hat sich ausbezahlt, dass wir schon vor über 25 Jahren begonnen haben zu diversifizieren und neben unserer traditionellen Verwaltungsplattform unsere Kompetenzen in den Bereichen Immobilien, Direct Lending und in einer breiten Palette an aktivenbasierten Finanzierungslösungen aufgebaut haben. Dazu kommen Nischen wie Significant Risk Transfer – also Transaktionen, die es Banken ermöglichen, das Risiko ihrer Bilanzen zu optimieren. Heute sind wir in der Lage, all diese Instrumente zu kombinieren, um Multi-Credit-Strategien bereitzustellen. Wir waren auch in den jüngsten Turbulenzen nicht gezwungen, Assets zu verkaufen. Für uns sind Selektivität, Due Diligence und Diversifikation der Schlüssel zum Erfolg.