«Heute reicht eine starke Bilanz allein nicht mehr – Kunden erwarten mehr»
Herr Gianini, J.P. Morgan hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: Bis 2030 soll das Ultra-High-Net-Worth-Geschäft verdoppelt werden. Wo stehen Sie aktuell?
Wir haben bereits bewiesen, dass wir ambitionierte Ziele erreichen können. Als wir 2020 unseren letzten Fünfjahresplan definierten, wollten wir das Geschäft verdoppeln – und haben dieses Ziel sogar früher erreicht als geplant. Deshalb haben wir uns für 2030 erneut ehrgeizige Wachstumsziele gesetzt.
Seit dem Neustart des Plans im Jahr 2023 wachsen wir bei den Erträgen mit knapp 20 Prozent Compound Annual Growth Rate (CAGR), bei den verwalteten Vermögen liegen wir sogar bei 23 Prozent Wachstum. Das ist ein sehr starkes Momentum.
Wie haben Sie dieses Wachstum erreicht?
Es gibt mehrere Faktoren. Erstens bleibt die Schweiz ein äusserst attraktiver Wealth-Management-Markt mit stabilem Vermögenswachstum von jährlich 4 bis 5 Prozent. Zweitens zieht die Schweiz weiterhin vermögende internationale Familien an.
«Unser Ziel ist klar: Wir wollen uns als Challenger zu den etablierten Häusern positionieren und weiter wachsen.»
Und drittens haben wir konsequent Marktanteile gewonnen. Im Ultra-High-Net-Worth-Segment liegen wir heute bei rund 5 Prozent Marktanteil. Unser Ziel ist klar: Wir wollen uns als Challenger zu den etablierten Häusern positionieren und weiter wachsen.
Ein zentraler Wachstumstreiber war zudem der Ausbau unserer Talentbasis. Wir wollten nicht nur das Geschäft verdoppeln, sondern auch die Zahl unserer Berater und Talente.
Was kann J.P. Morgan den Kunden mehr bieten als die anderen Mitbewerber?
Ich glaube, die Zukunft gehört nicht entweder globalen Plattformen oder Boutiquen – man braucht beides. Spezialisten für bestimmte Lösungen, aber auch globale Institutionen mit weltweiter Reichweite.
Genau das bieten wir unseren Schweizer Kunden: globale Expertise kombiniert mit lokalem Verständnis. Unsere Banker sind tief in der Schweiz verwurzelt, gleichzeitig profitieren Kunden vom gesamten globalen Netzwerk von J.P. Morgan.
Diese Kombination aus global und lokal ist aus meiner Sicht enorm stark.
Wie wichtig sind dabei Technologie und KI?
Extrem wichtig. Die Geschwindigkeit des technologischen Wandels ist heute deutlich höher als früher. Der Personal Computer brauchte zehn Jahre, um sich flächendeckend durchzusetzen. KI wird dafür vielleicht nur wenige Jahre benötigen.
Deshalb brauchen wir Mitarbeitende, die Technologie früh adaptieren. Besonders die junge Generation bringt hier eine enorme Selbstverständlichkeit mit.
Investiert J.P. Morgan massiv in KI?
J.P. Morgan investiert jährlich rund 20 Milliarden Dollar in Technologie. Ein Teil davon fliesst selbstverständlich in künstliche Intelligenz. Wir haben ein eigenes Large-Language-Modell und investieren gleichzeitig stark in Cybersicherheit.
Heute reicht eine starke Bilanz alleine nicht mehr aus. Kunden erwarten zusätzlich eine erstklassige technologische Infrastruktur und höchste Sicherheit.
Wie verändert KI konkret das Private Banking?
KI wird die Qualität unserer Arbeit deutlich verbessern. Viele administrative und repetitive Aufgaben lassen sich automatisieren. Dadurch gewinnen Berater mehr Zeit für ihre Kunden.
Denn eines wird KI nicht ersetzen: Vertrauen. Private Banking basiert auf emotionaler Intelligenz, Empathie und persönlicher Beziehung.
«Das Profil des Bankers verändert sich. Fachwissen allein reicht künftig nicht mehr.»
Gleichzeitig verändert KI bereits heute unseren Arbeitsalltag massiv. Wenn ich morgens meinen Computer hochfahre, bekomme ich automatisch eine Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse der letzten 48 Stunden – abgestimmt auf unsere Marktmeinung und auf die Interessen meiner Kunden.
Ohne KI wäre das in dieser Geschwindigkeit kaum möglich.
Nutzen Sie persönlich auch Tools wie ChatGPT?
Natürlich. Heute kann man innerhalb von Sekunden Informationen abrufen und Zusammenhänge verstehen. KI macht uns alle intelligenter und effizienter.
Deshalb verändert sich auch das Profil des Bankers. Fachwissen allein reicht künftig nicht mehr. Entscheidend werden Empathie, emotionale Intelligenz und die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen.
Wie stark verändert sich derzeit die nächste Generation vermögender Kunden?
Sehr stark. Die nächste Generation entscheidet schneller, ist digitaler und erwartet jederzeit Zugriff auf Informationen.
Diese Kunden wollen flexibel und digital mit ihrer Bank interagieren. Wenn sie gerade keine Zeit für ein Gespräch haben, möchten sie Informationen später online abrufen können.
Dafür braucht man exzellente Technologie und eine sehr agile Infrastruktur.
Verändert sich auch das Anlageverhalten jüngerer Kunden?
Ja. Die jüngere Generation interessiert sich deutlich stärker für langfristige Themen wie Private Equity oder Infrastruktur.
Viele der spannendsten Technologieunternehmen bleiben heute viel länger privat. Wer daran partizipieren will, muss Zugang zu privaten Märkten haben.
Zudem sehen junge Kunden grosse Chancen in Infrastrukturinvestitionen – von Energie über Datencenter bis hin zu KI-Infrastruktur.
Ist Infrastruktur derzeit eines der grossen Themen im Private Banking?
Absolut. Infrastruktur ist ein langfristiger Megatrend. Dabei geht es nicht nur um Strassen oder Eisenbahnen, sondern auch um Energieversorgung, Datencenter oder digitale Infrastruktur.
Ohne Daten wird künstliche Intelligenz nicht funktionieren. Deshalb sehen wir weltweit massive Investitionen in diesem Bereich.
Das Thema wird uns über Jahrzehnte begleiten.
Viele Anleger halten weiterhin hohe Cash-Bestände. Beobachten Sie eine Veränderung?
Noch nicht wirklich. Angesichts der geopolitischen Unsicherheiten verhalten sich viele Investoren weiterhin vorsichtig.
Ich sage unseren Kunden aber immer klar: Cash ist keine langfristige Lösung – insbesondere nicht in einem inflationären Umfeld.
«Die Stärke der Schweiz war schon immer, Krisen zu bewältigen.»
Deshalb fokussieren wir uns stark auf strategische Asset Allocation. Timing im Markt ist extrem schwierig. Viel wichtiger ist es, langfristig investiert zu bleiben.
Hat der Krieg im Iran Auswirkungen auf Ihr Geschäft? Beobachten Sie Zuflüsse in die Schweiz?
Ich sehe derzeit keinen aussergewöhnlichen Trend. Die Schweiz ist seit vielen Jahren ein attraktiver Standort für vermögende internationale Familien.
Natürlich beobachten wir, dass Kunden globaler und mobiler werden. Einige Familien ziehen auch in die Schweiz. Aber das ist kein neues Phänomen, sondern ein langfristiger Trend.
Wie beurteilen Sie die Zukunft des Schweizer Finanzplatzes?
Ich bin sehr optimistisch. Die Stärke der Schweiz war schon immer, Krisen zu bewältigen und danach oft sogar stärker hervorzugehen.
Natürlich gab es in den vergangenen Jahren grosse Veränderungen. Gleichzeitig entstehen dadurch neue Chancen für neue Marktteilnehmer.
Entscheidend ist, dass der Finanzplatz wettbewerbsfähig bleibt. Konkurrenz verbessert die Qualität der Dienstleistungen – und davon profitieren letztlich die Kunden.
Wie wichtig ist dabei die Marke J.P. Morgan?
Die Marke ist enorm wichtig. J.P. Morgan steht weltweit für Stärke, Innovationskraft und technologische Führerschaft.
Aber eine starke Marke allein reicht nicht. Entscheidend sind die Menschen dahinter.
Kunden wollen verstehen, welchen konkreten Mehrwert wir ihnen bieten können. Und viele schätzen insbesondere die Perspektive einer amerikanischen Bank mit tiefem Zugang zum US-Markt – dem wichtigsten Kapitalmarkt der Welt.















