KI, Twint und Stablecoins: Im Zahlungsmarkt verschieben sich die Kräfte
Keine Überraschung: Auch die Schweizerinnen und Schweizer bezahlen immer häufiger elektronisch. Im vergangenen Jahr kamen sie laut dem 24. BCG Global Payments Report auf rund 450 elektronische Transaktionen pro Kopf, das rund 5 Prozent mehr als 2024. Rund 360 davon waren Kartenzahlungen, deren Zahl um etwa 7 Prozent zunahm.
Doch während die Nutzung steigt, verliert das Umsatzwachstum der Zahlungsbranche deutlich an Schwung. Der Schweizer Markt erzielte laut Boston Consulting Group einen Umsatz von rund 11 Milliarden Dollar. Bis 2030 erwartet die Unternehmensberatung einen Anstieg auf 14 Milliarden Dollar.
Zwischen 2019 und 2025 wuchsen die Schweizer Payments-Umsätze laut BCG durchschnittlich um 5,7 Prozent pro Jahr. Für die Jahre 2025 bis 2030 werden aktuell noch 4,9 Prozent erwartet.
Entscheidend ist allerdings, wo das Wachstum künftig herkommt. Die transaktionsbezogenen Einnahmen – etwa aus Karten und anderen Zahlungsmitteln – erhöhten sich von rund 4 Milliarden Dollar 2019 auf 6 Milliarden Dollar 2025. Bis 2030 sollen sie auf rund 7 Milliarden Dollar steigen. Damit würde das jährliche Plus von 8,1 auf noch 4,3 Prozent fallen.
Die übrigen Einnahmen, zu denen unter anderem Zinsen auf Sicht- und Giroeinlagen sowie Konto- und Kartengebühren zählen, lagen 2025 bei rund 5 Milliarden Dollar und sollen bis 2030 auf etwa 7 Milliarden Dollar steigen. Hier ergibt sich laut BCG ein künftiges CAGR von immerhin 5,6 Prozent.
Das ist deutlich mehr Wachstum als im viel grösseren Markt in Deutschland und dem viel kleineren Geschäft im Nachbarland Österreich.

Quelle: BCG
Globaler Zahlungsboom kühlt sich ab
Die Entwicklung in der Schweiz passt in einen globalen Trend. Weltweit erzielte die Zahlungsindustrie 2025 laut BCG knapp 2 Billionen Dollar Umsatz. Bis 2030 sollen daraus knapp 2,6 Billionen Dollar werden.
Das entspricht einem erwarteten Wachstum von durchschnittlich 5 Prozent pro Jahr. In den sechs Jahren zuvor waren es noch 7 Prozent, über weite Teile des vergangenen Jahrzehnts sogar knapp 8 Prozent.
Auch regional öffnet sich die Schere. Für Europa und Nordamerika prognostiziert BCG bis 2030 jeweils ungefähr 5 Prozent Wachstum pro Jahr. Lateinamerika soll dagegen 7 Prozent, der Nahe Osten und Afrika 8 Prozent erreichen. Gegenüber den abgelaufenen Jahren erwartet die Studie allerdings fast überall eine Verlangsamung der Wachstumsraten, einzige Ausnahme bleibt Asia-Pacific. Dort sollen in den kommenden Jahren sowohl die Einnahmen bei den Transaktionen, wie auch die übrigen Einkünfte nochmals schneller steigen.

Zahlungsfirmen verlieren ihren Börsenbonus
Die Neubewertung an den Börsen war bereits deutlich. Viele Zahlungsunternehmen werden laut BCG inzwischen rund 25 Prozent unter ihrer langfristigen Durchschnittsbewertung und fast 50 Prozent unter ihren früheren Höchstständen gehandelt. In den vergangenen vier Jahren gab es beim S&P 500 einen Total Return von 20 Prozent, bei den Zahlungsunternehmen resultierte im Schnitt ein Minus von 6 Prozent.
Ein Grund sind Kostenprobleme: In den vergangenen drei Jahren stiegen die operativen Ausgaben der Branche jährlich um 9 Prozent, die Einnahmen dagegen nur um 7 Prozent.
KI entscheidet künftig, wie bezahlt wird
Eine der grössten Veränderungen gegenüber dem Report von 2025 betrifft künstliche Intelligenz. Damals stand vor allem die Frage im Vordergrund, ob Konsumenten künftig über KI-Agenten einkaufen werden. Nun beschreibt BCG konkrete Anwendungen im Zahlungsverkehr.
KI-Agenten beginnen für Unternehmen Zahlungen anhand von Kosten, Geschwindigkeit und anderen Vorgaben selbstständig zu steuern. Einige Anbieter ermöglichen solchen Systemen bereits direkten Zugriff auf Konten, sodass sie Lieferanten bezahlen, Karten ausgeben oder Geld überweisen können.
Damit könnte sich auch für Banken die entscheidende Schnittstelle verschieben. Nicht mehr allein die Ausführung einer Zahlung wäre wertvoll, sondern die Kontrolle jener technologischen Ebene, die entscheidet, wann, wie und über welchen Anbieter Geld fliesst.
BCG sieht gleichzeitig erhebliche Effizienzpotenziale. Bei einem Pilotprojekt mit einer global systemrelevanten Bank erzielte der Einsatz von KI bei Softwareprojekten Effizienzsteigerungen von 20 bis 40 Prozent. Bei der automatisierten Dokumentenanalyse im Handelsfinanzierungsgeschäft erreichten frühe Anwender laut BCG eine Genauigkeit von mehr als 85 Prozent. Es handelt sich dabei um konkrete Anwendungsbeispiele und nicht um Prognosen für die gesamte Bankenbranche.
Stablecoins legen weiter zu
Auch digitale Währungen gewinnen an Gewicht. Mitte 2026 betrug die Marktkapitalisierung von Kryptowährungen laut BCG rund 2,3 Billionen Dollar. Davon entfielen 260 Milliarden Dollar auf Stablecoins. Im letztjährigen Report hatte BCG für 2024 noch rund 210 Milliarden Dollar ausgewiesen.
Hinzu kamen Mitte 2026 rund 38 Milliarden Dollar an tokenisierten realen Vermögenswerten auf öffentlichen Blockchains.
BCG erwartet allerdings keine kurzfristige Verdrängung klassischer Bankeinlagen und Zahlungssysteme. Vielmehr dürften traditionelle und tokenisierte Infrastrukturen über Jahre nebeneinander bestehen. Für Banken liegt das Risiko vor allem darin, dass Stablecoins und andere digitale Zahlungsmittel ihnen bei grenzüberschreitenden Zahlungen Teile der Einlagen sowie Gebühren- und Zinserträge abnehmen könnten.
Twint als Teil eines globalen Gegentrends
Besonders interessant ist noch ein anderer Trend: die zunehmende Bedeutung nationaler und regionaler Zahlungssysteme. Mitte 2026 verfügten laut BCG bereits 137 Länder über rund um die Uhr verfügbare Echtzeitzahlungssysteme. Allein Brasiliens Pix verarbeitete 2025 fast 80 Milliarden Transaktionen, Indiens UPI im Mai 2026 23,2 Milliarden.
Für Europa nennt BCG ausdrücklich nationale Kartensysteme und lokale Account-to-Account-Lösungen – darunter neben Bizum und Blik auch das Schweizer Twint.
Dahinter steckt nach Einschätzung der Studienautoren zunehmend auch der Wunsch nach «Payment Sovereignty»: Staaten und Regionen wollen ihre Abhängigkeit von globalen Zahlungsnetzwerken reduzieren. Das dürfte zu einer stärker fragmentierten Zahlungslandschaft führen – und gleichzeitig den Wert von Anbietern erhöhen, die unterschiedliche Systeme miteinander verbinden können.















