SIX-CEO: «Wir prüfen, ob wir im Private-Equity-Bereich aktiver werden sollten»


Herr Sibbern, SIX hat im ersten Halbjahr ein sehr starkes Ergebnis erzielt. Wie viel davon ist auf die höhere Volatilität an den Märkten zurückzuführen?

Wir unterscheiden zwischen Alpha und Beta. Nach unserer Rechnung entfallen rund 60 Prozent der positiven Entwicklung auf den allgemeinen Rückenwind der Märkte. Die höhere Volatilität führt zu mehr Transaktionen und hilft damit unserem Börsengeschäft und dem Post-Trade-Geschäft. Das gilt sowohl für die Schweiz und Spanien als auch für Aquis in Grossbritannien.

Und die übrigen 40 Prozent?

Das ist unser Alpha. Wir gewinnen zusätzliche Geschäfte und entwickeln neue Dienstleistungen und Lösungen für unsere Kunden. 

Besonders erfreulich ist für mich, dass alle vier Geschäftsbereiche gewachsen sind. Banking Services sowie Financial Information hatten diesen Rückenwind vom Marktumfeld nicht und sind trotzdem gewachsen.

Ihre Ebitda-Marge liegt bei 45,6 Prozent und damit über der 40-Prozent-Grenze, die Sie bis Ende 2027 anpeilen. Müssten Sie angesichts dieser Entwicklung Ihre Ziele nicht anheben?

Nein, trotz des guten ersten Halbjahres halten wir an unserer Mittelfristplanung fest und wollen die Wettbewerbsfähigkeit von SIX bis Ende 2027 deutlich verbessern.

Sie rechnen also mit einer Normalisierung?

Wir gehen nicht davon aus, dass die Handelsvolumen im kommenden Jahr auf dem Niveau des ersten Halbjahres bleiben. Es dürfte zu einer gewissen Normalisierung kommen – wahrscheinlich nicht zurück auf die tiefen Niveaus von 2023 oder 2024, aber möglicherweise in Richtung 2025. Deshalb sehe ich derzeit keinen Anlass, unsere Ziele anzupassen.

«Wir werden nicht plötzlich versuchen, in den USA oder in Asien massiv zu expandieren.»

Wir leben in einer Zeit grosser Unsicherheit. Für einen Börsenbetreiber ist das eigentlich ein gutes Umfeld.

Ja und nein. Volatilität führt zu höheren Handelsvolumen. Zu viel Unsicherheit und zu viel Volatilität können aber den IPO-Markt belasten. 

Im ersten Halbjahr hatten wir eine gute Kombination: Volatilität, gleichzeitig steigende Unternehmensbewertungen und keine extremen Ausschläge. In der Schweiz hatten wir vier Listings, in Spanien mit rund 20 deutlich mehr.

Wo sehen Sie für SIX künftig die grössten Wachstumschancen?

Grundsätzlich wollen wir in allen vier Geschäftsbereichen wachsen. Es wird eine Kombination von organischem, aber eben auch anorganischem Wachstum sein. Aquis Exchange, die SIX im Juli 2025 übernommen hat, ist ein gutes Beispiel. Wir bieten damit Aktienhandel in 16 europäischen Märkten an und profitieren entsprechend von steigenden Handelsvolumen. Auch bei Financial Information sehen wir Möglichkeiten, zusätzliche Produkte und Dienstleistungen anzubieten. 

Grundsätzlich wird unser Wachstum stets von unseren Stärken ausgehen: von den Dienstleistungen für unsere Kunden in der Schweiz und Spanien sowie von gezielten Angeboten in Europa. Wir werden nicht plötzlich versuchen, in den USA oder in Asien massiv zu expandieren.

Der Schweizer Aktienmarkt entwickelt sich gut. Bei den IPOs bleibt die Zahl der Börsengänge aber überschaubar. Hat die Schweiz ein strukturelles Problem?

Bei den Large Caps überhaupt nicht. Die Schweiz ist hier einer der besten Märkte Europas. Wir haben eine sehr hohe Liquidität, eine gute Preisbildung, enge Spreads und einen starken Kapitalpool. Unter den zehn grössten Unternehmen Europas befinden sich drei Schweizer Unternehmen.

Wo liegt dann das Problem?

Bei den kleineren Unternehmen. Wir haben in der Schweiz noch kein überzeugendes Modell gefunden, um KMU und Small Caps über den Kapitalmarkt besser bei ihrem Wachstum zu unterstützen. 

«Private Equity hat immer ein Enddatum. Irgendwann muss ein Fonds seine Beteiligungen verkaufen.»

Spanien und Schweden sind zwei europäische Märkte, in denen das deutlich besser funktioniert. Dort gibt es funktionierende Segmente für kleinere Wachstumsunternehmen. Das ist ein Thema, das wir uns sehr genau anschauen.

Warum tun sich kleinere Unternehmen mit einem Börsengang heute schwerer?

Ein wichtiger Grund ist, dass Private Equity bei der Finanzierung von Unternehmen eine viel grössere Rolle spielt als noch vor 20 oder 30 Jahren. Für manche Unternehmen ist Private Equity in einer bestimmten Entwicklungsphase die bessere Lösung, für andere ist es die Börse.

Ist Private Equity damit zu einem Konkurrenten der Börse geworden?

Nein. Ich sehe Private Equity als Ergänzung. Zudem hat Private Equity immer ein Enddatum. Irgendwann muss ein Fonds seine Beteiligung verkaufen. Dann kann ein Börsengang der nächste Schritt sein oder der Verkauf an einen anderen Finanzinvestor beziehungsweise einen strategischen Käufer. Das gehört zum Zyklus.

Könnte SIX selbst stärker im Private-Equity-Geschäft aktiv werden?

Wir schauen uns viele Möglichkeiten an, und dazu gehört auch die Frage, ob wir im Private-Equity-Bereich aktiver werden sollten. Aber wir haben derzeit kein konkretes Angebot, das unmittelbar vor der Lancierung steht.

Sie wollen mehr Schweizer KMU an die Börse bringen. Wie könnte das funktionieren?

Wir schauen uns sehr genau an, was wir aus Spanien und auch aus Schweden lernen können. Wenn kleinere Unternehmen über die Börse Zugang zu Kapital erhalten, wachsen sie häufig schneller und entwickeln grössere Ambitionen. Aus einem Schweizer Businessplan kann dann ein europäischer Businessplan werden.

«Wir hätten BME früher integrieren sollen. Das hätten wir besser machen können.»

Wenn wir als SIX dazu beitragen können, dass Schweizer KMU schneller wachsen, wäre das grossartig. Aber es gibt keine schnelle Lösung. Dafür braucht es Regulatoren, Banken, Berater und Investoren. 

In Schweden gab es beispielsweise auch steuerliche Anreize. Ein funktionierendes Ökosystem entsteht über Jahre.

Kommen wir zu Spanien. SIX hat die spanische Börse BME vor rund sechs Jahren übernommen. Sind Sie mit der Akquisition zufrieden?

Aus strategischer Sicht war die Übernahme ein sehr guter Schritt. Um als Schweizer Markt langfristig relevant und wettbewerbsfähig zu bleiben, können wir nicht ausschliesslich schweizerisch denken. Wir betreiben Plattformgeschäfte, und dort ist Skalierung entscheidend.

Ist also alles nach Plan verlaufen?

Strategisch und operativ sind wir mit BME sehr zufrieden. Spanien war in den vergangenen Jahren einer der attraktivsten europäischen Märkte für Börsengänge. Auch der Fixed-Income-Markt entwickelt sich sehr gut. Gleichzeitig gehört die spanische Wirtschaft derzeit zu den stärkeren in Europa.

Aber wir hätten BME schneller integrieren können und müssen. Das hätten wir besser machen können. Genau daran arbeiten wir jetzt.

Wo liegen für SIX die grössten Synergien zwischen der Schweiz und Spanien?

Je mehr wir in Spanien und der Schweiz auf denselben Plattformen betreiben können, desto grösser werden die Synergien und desto besser können wir die Betriebskosten kontrollieren. SIX ist ein Plattformgeschäft, und Skaleneffekte sind entsprechend wichtig.

Ein wichtiger Schritt ist die neue Handelsplattform. Basis dazu ist die Plattform von Aquis. Wie läuft das Projekt?

Gut. Wir arbeiten mit mehreren Teams daran. Aquis stellt die technologische Plattform bereit, die bereits seit Jahren erfolgreich im Einsatz ist. Gleichzeitig kommt ein wichtiger Teil der Funktionalität und der Weiterentwicklung von unseren Teams in der Schweiz und Spanien. Unsere Kunden sollen 2027 mit den Tests beginnen können.

Der Plattformwechsel kostet SIX viel Geld. Lohnt sich das?

Eine solche Migration ist natürlich teuer. Der Vertrag mit unserem bisherigen Anbieter läuft aus, deshalb mussten wir ohnehin eine neue Lösung finden. Entscheidend ist, dass wir damit eine Plattform erhalten, die uns für viele Jahre dient.

SIX ist heute in Zürich, Madrid und London präsent. Ist SIX überhaupt noch ein Schweizer Unternehmen?

Absolut. SIX ist ein Schweizer Unternehmen. Wir gehören 117 Banken, die meisten davon sind schweizerisch. Unsere DNA ist schweizerisch, ein grosser Teil unserer Mitarbeitenden ist in der Schweiz tätig, und ein wesentlicher Teil unseres Geschäfts basiert auf Schweizer Kunden.

Aber unsere Kunden sind selbst international tätig. Wenn wir ihnen relevante Datenprodukte anbieten wollen, können diese nicht nur Schweizer Daten enthalten. Im Custody- und Securities-Services-Geschäft benötigen unsere Kunden ebenfalls internationale Lösungen. Deshalb müssen wir in bestimmten Bereichen europäisch und teilweise global denken.

SIX wird also zunehmend zu einer europäischen Infrastruktur-Pattform?

Der Wettbewerb ist europäisch und in einzelnen Bereichen global. Um für unsere Schweizer Kunden relevant zu bleiben, müssen wir deshalb in bestimmten Bereichen europäisch agieren. Aquis handelt beispielsweise Aktien in 16 europäischen Märkten.

Gleichzeitig bleiben wir diszipliniert. Sie werden uns nicht plötzlich eine Rohstoffbörse aufbauen sehen oder eine neue Handelsplattform in Asien. Wir konzentrieren uns auf Bereiche, in denen wir Kompetenzen besitzen und einen klaren Mehrwert für unsere Kunden schaffen können.

BME war strategisch richtig, sagen Sie. Wie fällt Ihr Zwischenfazit zu Aquis aus?

Sehr positiv. Die Handelsvolumen liegen über unseren Erwartungen und über dem Budget. Die Zusammenarbeit funktioniert ebenfalls sehr gut. Bis jetzt war Aquis eine sehr gute Akquisition.

Suchen Sie bereits nach dem nächsten Übernahmeziel?

Wir werden uns auch künftig jedes Jahr einige mögliche Transaktionen anschauen. Entscheidend ist, dass eine Akquisition eng zu unserer Strategie passt und für unsere Schweizer Kunden relevant ist. 

«Bei der Tokenisierung waren wir früh dran. Bei Blockchain müssen wir die richtigen Anwendungsfälle finden.»

Welche Rolle werden Blockchain und Tokenisierung künftig für SIX spielen?

Eine wichtige. Wir sind mit unserem gemeinsamen Projekt mit der Schweizerischen Nationalbank zur sicheren Abwicklung digitaler Wertpapiere sehr zufrieden und gehören bei der Tokenisierung von Anleihen zu den führenden Anbietern in Europa. SIX war bei diesem Thema früh unterwegs.

Gleichzeitig müssen wir sehr genau beobachten, was unsere Kunden tatsächlich benötigen. In den USA wird intensiv über Stablecoins diskutiert, ebenso in Europa. Auch die Tokenisierung von Aktien ist ein Thema. Aber es gibt noch kein eindeutiges Urteil darüber, welche Anwendungen sich langfristig durchsetzen werden.

Ist Blockchain damit weniger wichtig geworden als noch vor zwei Jahren?

Nein, überhaupt nicht. Blockchain bleibt sehr wichtig. Aber wir müssen die richtigen Anwendungsfälle finden. Beim Aktienhandel in Europa beispielsweise bin ich nicht sicher, ob Blockchain einen grossen zusätzlichen Nutzen bringt. 

«Wir sind wir für den IPO-Markt auch mit Blick auf kommende Jahr relativ bullish.»

Der Aktienhandel funktioniert heute bereits sehr gut und effizient. Bei strukturierten Produkten könnte die Situation anders aussehen. Deshalb müssen wir genau beobachten, wo die Technologie tatsächlich einen Mehrwert schafft.

Wie beurteilen Sie die Aussichten für den Schweizer IPO-Markt für den Rest des Jahres?

Wir haben nach den vier Listings im ersten Halbjahr weiterhin eine starke und gesunde IPO-Pipeline. Deshalb sind wir für den Rest dieses Jahres und auch mit Blick auf das kommende Jahr relativ bullish.

Ich würde mir allerdings wünschen, dass wir künftig mehr kleinere Unternehmen an die Schweizer Börse bringen können. Spanien ist uns in diesem Bereich voraus.

Sie scheinen generell ein grosser Anhänger des Schweizer Kapitalmarkts zu sein.

Absolut. Schauen Sie sich die zehn grössten Unternehmen Europas an: Drei davon kommen aus der Schweiz. Gemessen an der Grösse des Landes ist das aussergewöhnlich. Die Professionalität der Investoren und das starke Bekenntnis zum Kapitalmarkt sind aus meiner Sicht wichtige Treiber der Schweizer Wirtschaft.