Vontobel verlässt Zürich: Das Ende einer über 100-jährigen Ära

Vontobel verlässt Zürich. Nicht heute und nicht morgen. Aber 2030 will das Privathaus seinen Hauptsitz in den Lindenpark nach Baar verlegen. Neben der Unternehmensspitze sollen auch 1'500 Angestellte künftig von dort aus arbeiten. 

Die Bankenspitze preist die gute Verkehrsanbindung und die «innovative, unternehmerisch geprägte Wirtschafts­region mit einer wachsenden Business-Community, darunter verschiedene Investment­firmen» sowie das weitere Entwicklungs­potenzial, das der neue Standort bietet.

Eine Reihe von Wegzügen aus Zürich

In der örtlichen Presse war dies nicht das dominierende Thema. Man hat sich unlängst an solche Meldungen gewöhnt. Internationale Grossunternehmen wie der Rohstoffhändler Glencore, der Private-Equity-Spezialist Partners Group, der Spezialitätenchemiekonzern Sika oder der Getränkehersteller Capri Sun Holding haben diesen Schritt schon vor Jahren vollzogen. 

Alle taten dies nicht nur wegen den Steuern, aber auch wegen dem angenehmen Steuerklima. 

Für Zürich und seinen Finanzplatz sind dies keine guten Nachrichten. Während sich immer mehr Firmen in Zug oder seit einigen Jahren auch in Luzern niederlassen, kehren immer mehr Zürich den Rücken zu. 

Im Fall von Vontobel ist der Wegzug besonders bedauerlich, weil er eine Zäsur darstellt. Die Geschichte des Hauses ist eng mit Zürich verbunden. 

Die Ursprünge reichen bis 1918 zurück

Offizielles Gründungsjahr von Vontobel ist 1924. Doch eigentlich begann alles mitten im Ersten Weltkrieg. Im Jahre 1918 erhielt der Wertschriftenhändler Hugo Baumeister von den Zürcher Behörden die Bewilligung für den ausserbörslichen Handel mit Wertpapieren, wie in der Unternehmensgeschichte nachzulesen ist.

1923 nahm Baumeister Friedrich Emil Haeberli als Partner auf. Nach einem Zerwürfnis trennten sich die beiden ein Jahr später. Haeberli führte das Geschäft unter dem Namen Haeberli & Cie. weiter – jenem Unternehmen, aus dem später Vontobel hervorgehen sollte.

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Die Börse an der Bahnhofstrasse 3 in Zürich, erbaut 1877/88, war von 1964 bis 2007 Hauptsitz von Vontobel. (Archivaufnahme: zVg)

Das Geschäft war damals überschaubar. Haeberli & Cie. gehörte zu rund 30 Banken und Maklerhäusern, die an der Zürcher Börse vertreten waren. Gehandelt wurden Schweizer und ausländische Aktien und Anleihen, die Einnahmen stammten hauptsächlich aus Courtagen.

Der Sitz befand sich an der Bahnhofstrasse 58.

Jakob Vontobel übernimmt

Die eigentliche Ära Vontobel begann 1936. Nach dem unerwarteten Tod von Friedrich Emil Haeberli musste ein Käufer für das Maklerhaus gefunden werden. Dieser fand sich in Jakob Vontobel.

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Drei Generationen (von links): Jakob Vontobel, Hans Vontobel, Hans-Dieter Vontobel. Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 1974. (Bild: zVg)

Der damals 51-Jährige war kein Unbekannter am Zürcher Finanzplatz. Er hatte seit 1911 bei der traditionsreichen Bank Leu gearbeitet und sich unter anderem mit Vermögensverwaltung, Steuerfragen, Anleihen und Anlagepolitik beschäftigt. 1932 war er zum stellvertretenden Direktor der Börsen- und Wertschriftenabteilung aufgestiegen.

Mit der Übernahme von Haeberli & Cie. machte sich Vontobel selbständig und legte damit den Grundstein für das heutige Unternehmen.

Von der Bahnhofstrasse an die Börse

Die Verbindung zum Zürcher Finanzplatz wurde mit den Jahren immer enger. Ein symbolträchtiger Schritt erfolgte 1964: Bank Vontobel verlegte ihren Hauptsitz in das damalige Börsengebäude an der Bahnhofstrasse 3. Dort blieb die Bank bis 2007.

Die Adresse stand sinnbildlich für die Entwicklung des Hauses. Aus dem kleinen Zürcher Börsenmakler war schrittweise eine Bank mit internationalem Geschäft geworden.

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Zeno Staub, CEO, und Herbert J. Scheidt, Verwaltungsratspräsident der Vontobel-Gruppe, im Jahre 2011 auf der Terrasse des heutigen Hauptsitzes an der Gotthardstrasse 43 in Zürich. (Bild: zVg)

Auch die Eigentümerstruktur veränderte sich. 1986 ging Vontobel an die Börse. Die Familie behielt jedoch über ihre Beteiligungen und später über die Vontobel-Stiftung die Kontrolle und sicherte damit die Unabhängigkeit des Hauses.

Vom Private Banker zum Investmenthaus

In den folgenden Jahrzehnten expandierte Vontobel weit über das klassische Private Banking hinaus. Asset Management, Investment Banking und strukturierte Produkte wurden zu wichtigen Standbeinen. Gleichzeitig baute das Unternehmen seine internationale Präsenz in Europa, Nordamerika und Asien aus.

Auch organisatorisch vollzog Vontobel einen tiefgreifenden Wandel. Aus der klassischen Schweizer Privatbank wurde zunehmend ein global ausgerichtetes Investmenthaus mit den Schwerpunkten Wealth Management und Asset Management.

2024 feierte Vontobel sein 100-jähriges Bestehen – gerechnet ab der Gründung von Haeberli & Cie. im Jahr 1924.

Nun folgt wenige Jahre nach diesem Jubiläum einer der markantesten Standortentscheide der Unternehmensgeschichte.

Zürich soll wichtig bleiben

Ganz kehrt Vontobel Zürich allerdings nicht den Rücken.

Das Gebäude am Bleicherweg soll zum zentralen Kundenstandort des Investmenthauses umgebaut werden. Mehr als 300 kundennah tätige Mitarbeitende sollen dort künftig stationiert sein. Vorgesehen sind neue Empfangs- und Besprechungsräume, ein Private-Dining-Restaurant sowie Räumlichkeiten für die Kunstsammlung von Vontobel.

Standortpolitisch ein schlechtes Zeichen

Baar wird also zum operativen Zentrum und offiziellen Hauptsitz, während die Kundenbetreuung weiterhin über Zürich und die zehn weiteren Standorte in der Schweiz erfolgen soll.

Dies ist eine elegante Lösung. Standortpolitisch sieht die Sache anders aus. Wenn ein derart traditionsreiches Unternehmen Zürich nach über 100 Jahren den Rücken kehrt, sollte das Behörden und Politik zu denken geben.