Powells letzter Auftritt – Schlussakkord oder Schwanengesang?
Jerome Powell wird seine Pressekonferenz in dem Wissen abhalten, dass sein potenzieller Nachfolger parallel dazu bestätigt wird. Erfolgt die Bestätigung durch den Senat, würde der neue Chairman der Federal Reserve (Fed) Kevin Warsh erstmals an der Sitzung am 16. und 17. Juni den Vorsitz des Offenmarktausschusses (Federal Open Market Committee, FOMC) führen.
Mit der Einstellung der strafrechtlichen Ermittlungen gegen Powell in der vergangenen Woche wurde eine politische Hürde abgeräumt, die der Bestätigung von Warsh im Wege stand. Ein republikanischer Senator hatte das zur Bedingung gemacht, bevor er über eine Berufung abstimmen wollte. Bezirksstaatsanwältin Jeanine Pirro, die als Verbündete von US-Präsident Donald Trump gilt, hatte gegen Powell ein Verfahren wegen angeblich überzogener Renovierungskosten am Hauptsitz der Fed in Washington eingeleitet.
Keine Anpassung der Leitzinsen erwartet
Powell, seit 2018 Chairman des Fed, hatte das Verfahren als Versuch eingestuft, Einfluss auf die Arbeit der Zentralbank zu nehmen. «Die Drohung mit einer Anklage ist eine Folge davon, dass die Federal Reserve die Zinssätze nach bestem Wissen und Gewissen im öffentlichen Interesse festlegt und nicht den Präferenzen des Präsidenten folgt», hatte er im Januar gesagt.
Die überwiegende Mehrheit der Ökonomen erwartet am Mittwoch keine Änderung der Leitzinsen. Die Märkte haben eine Beibehaltung bei 3,50–3,75 Prozent bereits vollständig eingepreist. Angesichts der steigenden Öl- und Energiepreise dürfte die Fed ihr Pulver trocken halten und abwarten, in welche Richtung sich Inflation, Arbeitsmarkt und Konjunktur entwickeln.
Permanent oder nur temporär höhere Ölpreise?
Entscheidend dürfte vielmehr der Tonfall sein. Die Volkswirte rechnen mit einer abwartenden Haltung. Powell wird es vermeiden, eindeutige Signale für eine Zinssenkungen zu geben.
Die Energieinflation ist der entscheidende Faktor. Sollte die Fed die höheren Ölpreise als dauerhaft und nicht als vorübergehend einstufen, könnten sich die Hoffnungen auf Zinssenkungen weiter in die Zukunft verschieben.
Führungswechsel als Unsicherheitskomponente
Der Wechsel zu Warsh könnte eine weitere Unsicherheitskomponente hinzufügen. Die Märkte könnten geneigt sein, eine eher «dovische» Haltung unter Kevin Warsh einzupreisen. Doch die Geldpolitik wird vom gesamten Offenmarktausschuss FOMC entschieden und nicht allein vom Vorsitzenden bestimmt.
Die geldpolitische Entscheidung gewinnt dadurch an Gewicht, da sie in ein Umfeld der ölgetriebenen Inflation, des nachlassenden Wirtschaftswachstums, einem möglichen Führungswechsel bei der Fed und einem dichten Gewinnkalender der Big-Tech-Unternehmen fällt.
Stagflationssorgen wachsen
Der Verbraucherpreisindex (CPI) für März lag bei 3,3 Prozent – einem Zweijahreshoch –, was vor allem auf den Iran-Konflikt und den daraus resultierenden Anstieg der Energiepreise zurückzuführen ist. Gleichzeitig wurde das Bruttoinlandprodukt für das vierte Quartal 2025 in der dritten Schätzung auf nur 0,5 Prozent nach unten korrigiert.
Steigende Preise, nachlassendes Wachstum und eine Zentralbank ohne offensichtlichen Handlungsspielraum lassen die Stagflationssorgen wachsen.
Bleibt Powell Fed-Governeur?
Neue Prognosen und eine Dot-Plot wird es an dieser Sitzung nicht geben. Das heisst, dass die Fed über die Wortwahl kommuniziert und jede Änderung im Wording auf die Goldwaage gelegt werden wird.
Eine Frage, die an der Medienkonferenz mit Sicherheit gestellt werden wird, ist, ob Powell plant, bis 2028 als Gouverneur im Fed-Vorstand und damit auch im FOMC zu bleiben.















