Die fünf Herausforderungen für Schweizer Asset Manager
10'580 Personen arbeiteten laut den jüngsten Zahlen direkt im Schweizer Asset Management; der Sektor erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Gewinn von 4,9 Milliarden Franken; finews berichtete darüber. Zudem gilt die Schweiz mit verwalteten Vermögen von nahezu 3,8 Billionen Franken als drittgrösster Asset Management Hub in Europa. Die Exportquote beläuft sich auf über 30 Prozent. Eindrückliche Zahlen – und trotzdem herrscht nicht eitel Sonnenschein bei den Asset Managerin hierzulande. Die Regulierung stellt schon länger eine Herausforderung dar und der Margendruck macht den Playern ebenfalls nicht erst seit gestern zu schaffen.
Und gleichwohl finden Klaus Biermann und Jonas Neff vom Zürcher Headhunter BiermannNeff: «Die Branche ist viel zu negativ eingestellt und will vor lauter Herausforderungen die Chancen nicht sehen.» Sprich: Der Schweizer Finanzplatz befindet sich nicht in einer Krise, sondern in einer Phase strategischer Orientierungslosigkeit.

Klaus Biermann (links) und Jonas Neff. (Bild: zVg)
Folgende fünf Opportunitäten machen die beiden Spezialisten für Kaderstellen im Asset Management aus:
1. Die Schweiz könnte mehr Talente aus London anziehen
Für Klaus Biermann und Jonas Neff liegt eine der grössten Chancen derzeit in der Verlagerung von Senior-Finanzprofis aus Grossbritannien in die Schweiz. Viele hochrangige Banker und Investmentmanager seien mit der regulatorischen, steuerlichen und politischen Entwicklung in Grossbritannien zunehmend unzufrieden.
Zwar gebe es bereits Beispiele von internationalen Häusern wie EQT oder Apollo, die wichtige Funktionen in Zürich angesiedelt haben. «Das Potenzial ist jedoch längst nicht ausgeschöpft», sagt Klaus Biermann.
Die Schweiz verfüge über politische Stabilität, Rechtssicherheit, hohe Lebensqualität und internationale Anziehungskraft. Gerade erfahrene Investmentprofis würden Zürich oft London vorziehen. Der Finanzplatz nutze diesen Standortvorteil jedoch zu wenig offensiv.
Fazit: Die Schweiz könnte sich viel stärker als europäischer Investment-Hub positionieren und gezielt Spitzenkräfte aus London anziehen.
2. Private Markets als der grösste Wachstumstreiber
Für Jonas Neff wie auch Klaus Biermann steht ausser Frage, dass Private Markets langfristig weiter an Bedeutung gewinnen werden. Die Allokationen institutioneller und privater Investoren in Private Equity, Infrastruktur und Private Debt würden weiter steigen, beteuern sie.
Gleichzeitig kritisieren die beiden, dass die Schweiz bislang vor allem als Vertriebsstandort fungiere. Die eigentlichen Investment- und Entscheidungsteams sässen häufig weiterhin in New York oder London.
Insbesondere bei Infrastrukturthemen wie erneuerbaren Energien, Batteriespeichern oder Energieversorgung könnte die Schweiz ihrer Ansicht nach wesentlich mehr operative Funktionen und hochqualifizierte Arbeitsplätze anziehen.
Allerdings erwarten die Headhunter keine explosionsartige Zunahme der Beschäftigung. Die Branche werde wachsen, aber eher durch spezialisierte Experten als durch Massenrekrutierungen.
Fazit: Private Markets bleiben das grösste Wachstumsfeld des Finanzplatzes, die Schweiz schöpft ihr Potenzial noch längst nicht vollständig aus.
3. Asset Management bleibt profitabel – trotz Margendruck
Bemerkenswert deutlich äussern sich Klaus Biermann und Jonas Neff zur Lage der Asset-Management-Industrie.
Zwar sei der Druck durch passive Produkte und ETFs real. Das Klagen vieler Marktteilnehmer über schwierige Marktbedingungen halten die beiden jedoch für übertrieben.
Die Branche sei nach wie vor sehr profitabel und beschäftige weiterhin aktiv neue Mitarbeitende. Besonders gefragt seien erfahrene Spezialisten und Vertriebspersönlichkeiten.
Grosse strategische Aufbauprogramme oder neue Branchentrends, die hunderte Stellen schaffen würden, seien derzeit allerdings nicht erkennbar.
Fazit: Asset Management bleibt ein attraktiver Arbeitgeber, auch wenn die grossen Wachstumsinitiativen derzeit fehlen.
4. KI nicht nur anwenden, sondern weiter entwickeln
Beim Thema künstliche Intelligenz vertreten Klaus Biermann und Jonas Neff eine klare These: Die Schweiz darf nicht bloss Nutzer ausländischer KI-Technologien werden. Der entscheidende Unterschied liegt zwischen Anwendern und Entwicklern.
«Wer lediglich KI-Lösungen einsetzt, wird langfristig Arbeitsplätze verlieren», so der Tenor der beiden und weiter: «Wer hingegen neue Technologien entwickelt, Forschungszentren aufbaut und Innovationen vorantreibt, kann neue, hochqualifizierte und gut bezahlte Stellen schaffen.»
Die beiden plädieren dafür, dass Pensionskassen einen kleinen Teil ihres Vermögens für KI-Forschung und technologische Zukunftsprojekte bereitstellen.
Die Schweiz verfüge mit der ETH, ihren Universitäten und ihrem Talentpool über hervorragende Voraussetzungen. Diese würden aber noch zu wenig genutzt.
Fazit: KI ist weniger eine Bedrohung als eine historische Chance – sofern die Schweiz vom Anwender zum Entwickler wird.
5. Die Schweiz unterschätzt ihre eigenen Stärken
Der wohl wichtigste Punkt ist die Kritik, dass die Schweiz ihre Standortvorteile nicht ausreichend erkenne.
Die beiden Headhunter nennen zahlreiche Stärken:
- politische Stabilität
- hohe Rechtssicherheit
- starke Universitäten
- internationale Talente
- hohe Kapitalbasis
- globale Finanzinstitute vor Ort
- eine weltweit einzigartige Konzentration von Vermögen
Besonders eindringlich warnen Klaus Biermann und Jonas Neff vor einer Schwächung des Finanzplatzes durch politische Fehlentscheide oder eine schleichende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit.
Als Beispiel nennt er die Bedeutung der UBS. Würde die Grossbank ihren Hauptsitz ins Ausland verlagern, würde ein grosser Teil des gesamten Finanz-Ökosystems mitgezogen werden – von Talenten über Zulieferer bis hin zu Innovationen.
Fazit: Der grösste Wettbewerbsvorteil der Schweiz ist der Standort selbst – doch dieser wird politisch und wirtschaftlich zu wenig strategisch genutzt.















