SNB: «Tiefgreifende Transformation des Beratungsgeschäfts wegen KI»

So prominent wie bei der jüngsten geldpolitischen Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) wird die Arbeit der Delegierten für regionale Wirtschaftskontakte selten erwähnt. Das Direktorium wies Mitte Juni im Zusammenhang mit der relativ zuversichtlichen Konjunktureinschätzung explizit auf die «Informationen aus unseren Gesprächen mit Unternehmen in den letzten Wochen» hin.

Gemeint war damit die vierteljährliche Auswertung dieser Gespräche, die im Bericht «Konjunktursignale» zu finden ist. Dieser Bericht wird als Teil des Quartalshefts jeweils in der Woche nach der Lagebeurteilung publiziert; dem Direktorium liegen die Informationen natürlich bereits vorher vor.

Wesentliche Grundlage für den geldpolitischen Entscheid

Diesmal basiert der Bericht auf 243 Gesprächen, welche die Delegierten mit Unternehmensleitungen in der ganzen Schweiz vom 15. April bis zum 2. Juni geführt haben.

Die Auswertungen bestätigen, wie stark die Schweizer Wirtschaft von den internationalen Entwicklungen beeinflusst wird. Während die Wirtschaft als Ganzes im zweiten Quartal solide gewachsen ist (Messgrösse ist jeweils der Umsatz der Unternehmen), kann die Industrie nur moderat zulegen.

SNB Konjunktursignale Beschaffung

Grafik: SNB

Aufgrund der Sperrung der Strasse von Hormus wird die Beschaffungssituation wieder zu einem Thema, allerdings nur für eine schmale Palette von Gütern (Verpackungs- und Baumaterialen aus Kunststoff). Immerhin hat die neu aufgeflammte Diskussion um die Zuverlässigkeit der Lieferketten auch einen (zumindest temporär) positiven Effekt. Verschiedene Unternehmen füllen ihre Lager auf, um ihre Lieferfähigkeit sicherzustellen.  

Mehrere Industriebetriebe berichten zudem von Anspannungen bei der Beschaffung von seltenen Erden aus China.

Und auch das Thema künstliche Intelligenz (KI) hinterlässt seine Furchen. Weiterhin sind leistungsfähige Rechen- und Speicherchips knapp. Die Folgen sind längere Lieferfristen und Preisanstiege bei IT-Produkten.

SNB Konjunktursignale KI

Grafik: SNB

Auf den Personalbestand wirkt sich KI hingegen nach wie vor nur gering aus; bereits im März hatten die Delegierten den Unternehmen eine entsprechende Frage gestellt. Von einem breiten Fachkräftemangel ist schon lange nichts mehr zu sehen, im Gegenteil. Industrie- und Dienstleistungsbetriebe spürten, dass aufgrund des Stellenabbaus in den letzten Quartalen mehr Fachkräfte verfügbar seien.

Bei der Branchenbetrachtung fällt auf, dass in der seit Monaten schwer gebeutelten Uhrenindustrie «erste Anzeichen einer Belebung» auszumachen sind. Dagegen spricht die SNB bei der Nachfrage aus der deutschen Automobilindustrie nur von «vereinzelten Anzeichen einer Erholung». 

Solide ICT-Branche

Apropos Autos: Das Interesse an Modellen mit elektrischem und hybriden Antrieb sei zwar gestiegen, die Verkäufe von Neuwagen blieben aber unter Druck.

Solide bleibt dagegen der Geschäftsgang in der Informations- und Kommunikationstechnologiebranche (ICT). Sie profitiert davon, dass Unternehmen digitalisieren und optimieren, um Kosten zu senken und damit ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Zunehmend kämen dabei auch KI-Anwendungen zum Einsatz, konstatieren die Delegierten in ihrem Bericht.

Zweigeteilte Beratungsbranche

Interessant ist die Zweiteilung bei der Unternehmensberatungsbranche. Während die Wirtschaftsprüfer auch aufgrund neuer regulatorischer Anforderungen gut ausgelastet sind, steht das Beratungsgeschäft bei Unternehmensübernahmen und bei Strategie- und Rechtsfragen unter Druck.

«Das Beratungsgeschäft befindet sich aufgrund von KI in einer tiefgreifenden Transformation. Die Beratungsunternehmen tätigen einerseits hohe Investitionen in ihre eigene Infrastruktur. Andererseits nutzen manche Kunden bei weniger komplexen Themen selbst KI-Tools und verzichten auf eine externe Beratung», schreibt die SNB.

Vorzieheffekte wegen Eigenmietwert

Die Bauwirtschaft berichtet von einer zusätzlichen Nachfrage nach Umbauten und Renovationen. Sie wird Vorzieheffekten im Zusammenhang mit der geplanten Abschaffung des Eigenmietwerts zugeschrieben.

Beim Ausblick dominiert insgesamt die Zuversicht, auch wenn die Unsicherheit wegen der Lage im Nahen Osten zugenommen hat. Grundsätzlich positiv ist, dass viele Unternehmen mehr investieren wollen, wobei Kapazitätsausweitungen nicht im Vordergrund stehen. In der Industrie und im Baugewerbe bestehe Nachholbedarf, ansonsten dominierten Automatisierung, Digitalisierung und IT-Infrastruktur.

Moderat bleibt der geplante Personalaufbau, und auch das Lohnwachstum wird sich gemäss den Unternehmen erneut leicht abschwächen, von 1,3 Prozent für 2026 auf 1,2 Prozent für 2027. 2025 waren es noch 1,6 Prozent.

SNB Konjunktursignale Preise

Grafik: SNB

Für die SNB als Hüterin der Geldwertstabilität von besonderem Interesse sind die Einschätzungen zur Preisentwicklung. Die Unternehmen erwarten für die kommenden zwei Quartale steigende Einkaufspreise.

Auch hier macht sich die KI-Welle bemerkbar. Bei Dienstleistungsunternehmen stünden steigende Preise von Softwarelizenzen, Cloud-Diensten, KI-Anwendungen und IT-Sicherheit im Vordergrund, vermerkt die SNB. «Zudem berichten IT-Dienstleister vermehrt von Schwierigkeiten und längeren Lieferfristen bei der Beschaffung von Produkten, die für die KI-Infrastruktur gebraucht werden. Vor allem bei Datenspeichern steigen deshalb die Beschaffungspreise.»

Preisstabilität nicht in Gefahr

Bei den Verkaufspreisen wird ebenfalls eine Steigerung erwartet, allerdings weniger deutlich als bei den Einkaufspreisen. Das liegt auch daran, dass einige Unternehmen wegen des Wettbewerbsdrucks höhere Kosten nicht auf die Kunden überwälzen können.

Für die SNB beruhigend: Die Inflationserwartungen sind in der kurzen Frist zwar deutlich gestiegen, bleiben aber auch langfristig im Bereich der Preisstabilität.