Nationalbank lobt die Widerstandskraft der Schweizer Wirtschaft
Nein, die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat am Donnerstag bei der Bekanntgabe des geldpolitischen Entscheids nach der vierteljährlichen Lagebeurteilung nicht überrascht. Wie erwartet wird der Leitzins auf 0 Prozent belassen. Die Ausführungen der drei Direktoriumsmitglieder Martin Schlegel (Präsident), Antoine Martin (Vize) und Petra Tschudin bewegten sich im gemeinsamen Referat wie auch in den Antworten in der Fragerunde ebenfalls im Rahmen der erwartbar engen Schwankungsbreite.
Immerhin gab es eine Premiere. Zum ersten Mal fand die Medienkonferenz im nun deutlich einladenderen Kaiserhaus in Bern statt, das nach mehrjährigen Umbauarbeiten im April eröffnet worden ist (finews konnte damals leider nicht vor Ort sein) und in dem sich auch das neue Besucherzentrum (das offiziell politisch korrekt als «Besuchszentrum» bezeichnet wird) Moneyverse findet. Dieses wird vom Bernischen Historischen Museum im Auftrag der SNB betrieben und verschafft Besuchern Einblicke in die Aufgabengebiete der SNB, in die Geschichte des Geldes und damit verbundene gesellschaftliche Fragestellungen.
Unternehmen berichten von einer soliden Wachstumsdynamik
Doch zurück zur Lagebeurteilung, wo nicht die Währungshistorie und die gesellschaftliche Rolle des Geldes, sondern mehr die nüchternen Einschätzungen der Wirtschaftsaussichten und der Inflationsentwicklung durch die SNB im Mittelpunkt standen. «Die globale Wirtschafts- und Inflationsentwicklung wird derzeit von den Auswirkungen des Konflikts im Nahen Osten geprägt», stellte Präsident Schlegel klar und vergass wie schon bei früheren Lagebeurteilungen nicht, darauf hinzuweisen, dass die entsprechenden Unsicherheiten nach wie vor hoch seien.
Trotz dieser Unsicherheit zeigte sich die SNB in ihrer Schweizer Konjunktureinschätzung relativ optimistisch. Die Entwicklung zeuge von der Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft, insbesondere der verarbeitenden Industrie. Und die Währungshüter verwiesen ausdrücklich auf die «Informationen aus unseren Gesprächen mit Unternehmen in den letzten Wochen». Diese deuteten «ebenfalls auf eine solide Wachstumsdynamik» hin. Eine tragende Rolle bei der Beschaffung und Aufbereitung dieser für die Geldpolitik relevanten Informationen spielen die Delegierten für regionale Wirtschaftskontakte. Schon länger analysiert finews jeweils den entsprechenden Bericht, der in der Woche nach der Lagebeurteilung im Rahmen des Quartalshefts publiziert wird.

Seit längerer Zeit die erste Medienkonferenz zum Zinsentscheid in Bern. (Bild: finews)
Dass die SNB ihre «erhöhte Bereitschaft, am Devisenmarkt zu intervenieren, mit dem Zusatz «bei Bedarf» versehen hatte, wurde von den Medienvertretern aufmerksam registriert. Präsident Schlegel liess durchblicken, dass diese Formulierung gewählt wurde, weil sich die Aufwertungsproblematik gegenüber der letzten Lagebeurteilung vom März mit der seither eingetretenen Frankenabschwächung etwas entschärft habe.
Die Fed und die Forward Guidance
Auch das Debüt von Kevin Warsh beim Zinsentscheid der US-Notenbank Fed vom Mittwochabend war naheliegenderweise ein Thema. Dem neuen Fed-Chairman war es gelungen, die Mitglieder des Offenmarktausschusses hinter sich zu scharen. Die Fed beliess den Leitzins unverändert zwischen 3,5 und 3,75 Prozent, schlug mit der Betonung auf der (derzeit noch über dem Zielwert) liegenden Inflation einen recht «falkenhaften» Ton an und kommunizierte sehr schlank, gab mit anderen Worten keine Hinweise mehr zur Richtung künftiger Zinsentscheide.
Die SNB habe (anders als die meisten anderen Zentralbanken) stets darauf verzichtet, solche Forward Guidance bekanntzugeben, erinnerte Schlegel und betonte die traditionell guten Beziehungen zur Fed. «Die US-Notenbank wird weiterhin ihr Mandat wahrnehmen» – eine Überzeugung, die der Entscheid vom Mittwoch auch an den Finanzmärkten wieder gestärkt haben dürfte.
Auslandschuldner bringen mehr Liquidität in den Kapitalmarkt
Angesichts des hohen Emissionsvolumens ausländischer Schuldner am Schweizer Anleihenmarkt – dieses Jahr waren neben den beiden «Blockbuster» Alphabet und Amazon auch viele andere Emittenten mit Domizil ennet der Landesgrenze aktiv – tauchte die Frage nach allfälligen Auswirkungen auf den Wechselkurs auf. Die Entwicklung sei positiv, weil sie die Liquidität im Kapitalmarkt verbessere, eine Mehrnachfrage nach Franken entstehe nicht, beruhigte Direktoriumsmitglied Tschudin. In der Tat benötigen die meisten ausländischen Schuldner keine Franken und schliessen zur Konversion des Emissionserlöses entsprechende Währungsswaps ab.
Angesprochen auf die seit mehreren Jahren von der SNB immer wieder geäusserten Bedenken wegen möglicher Übertreibungen am Schweiz Immobilienmarkt – Akteure, die sie in den Wind geschlagen haben, sind im anhaltenden Aufwärtstrend am besten gefahren – stellte Vize Martin klar, dass die Indikatoren nach wie vor zeigten, dass sich der Preisverlauf nicht mit den Fundamentaldaten erklären lasse. Die SNB weise jeweils auf die damit verbundenen Risiken hin, stelle aber keine Prognose zur Marktentwicklung.
Finanzstabilitätsbericht kommt erst Anfang Juli
Die mit dem Immobilienmarkt bzw. mit dem für viele inländische Banken dominanten Hypothekargeschäft verbundenen Risiken bilden einen festen Bestandteil des jährlichen Finanzstabilitätsberichts der SNB. Bisher wurde dieser Bericht zusammen mit dem Juni-Zinsentscheid veröffentlicht. Nun hat die SNB den Publikationstermin geändert; der Bericht erscheint erst am 2. Juli. «Indem wir dem Bericht einen eigenständigen Publikationstermin geben, kommen wir auch einem Bedürfnis der Medien nach», begründete Schlegel, der damit den Trend zu einer offeneren Kommunikation, den die Nationalbank unter seiner Führung eingeschlagen, bestätigte.
Bis 2012 hatte die SNB Journalisten jeweils vor der Publikation über die wichtigsten Erkenntnisse des Berichts unterrichtet (unter Embargo). Im Juni 2012 jedoch reagierten die Credit-Suisse-Aktien mit herben Kursabgaben, hatte doch die SNB die Grossbank im Stabilitätsbericht ungewöhnlich explizit dazu aufgefordert, ihr verlustabsorbierendes Kapital zu erhöhen. In der Folge wurde die Vorabinformation gestrichen.















