Florence Pisani zu KI: «Fehlallokationen sind ein Merkmal solcher Booms»

Wenn es darum geht, komplexe Krisen ökonomisch nüchtern zu analysieren, ist sie eine der gefragtesten Ansprechpartnerinnen: Florence Pisani arbeitet seit bald 25 Jahren beim Asset Manager Candriam. Candriam ist eine Tochtergesellschaft von New York Life Investment, dem Vermögensverwaltungsarm des US-Versicherungsriesen New York Life Insurance Company. Die belgische Bank Belfius hält eine Minderheitsbeteiligung an Candriam.

Pisani ist seit 2016 Candriam-Chefökonomin. Sie hat mehrere Sachbücher zu Themen wie Staatsverschuldung, Schulden- und Wirtschaftskrisen sowie dem Wechselspiel zwischen Realwirtschaft und Finanzsystem verfasst. Am bekanntesten dürfte das 2010 erschienene Werk «Global Imbalances and the Collapse of Globalised Finance» sein, in dem sie zusammen mit ihrem Vorgänger Anton Brender die globale Finanzkrise zu ergründen versuchte. finews traf sie in Zürich in den Räumlichkeiten von Candriam Schweiz und interessierte sich dabei mehr für die Aktualität als für das Jahr 2008.


Frau Pisani, der Ukraine-Krieg dauert länger als der Erste Weltkrieg, im Nahen Osten herrscht ein sehr brüchiger Waffenstillstand, die Energiepreise sind immer noch recht hoch, und bis vor kurzem war die Strasse von Hormus geschlossen. Doch die Weltwirtschaft und die Aktienbörsen haben sich von diesen vielen Belastungsfaktoren kaum beeindrucken lassen.

Ja, die Weltwirtschaft hat sich als ziemlich widerstandsfähig erwiesen. Sie passt sich an neue Entwicklungen jeweils geschmeidig an. Allerdings hat diese Widerstandsfähigkeit auch ihren Preis: Viele Länder haben ihre strategischen Ölvorräte angezapft, um Versorgungsengpässe zu entschärfen. Als Reaktion auf den höheren Preis ist auch die Nachfrage gesunken. Zudem hat der höhere Ölpreis für einen Preisauftrieb in der ganzen Wirtschaft gesorgt. Der Wiederaufbau der Produktionskapazitäten und der Verkehrsinfrastruktur in der Golfregion wird Zeit in Anspruch nehmen, und auch die während der Versorgungsunterbrechung aufgebrauchten Ölvorräte müssen wieder aufgefüllt werden.

«Iran ist sich an Sanktionen gewöhnt; Arrangements mit China, Indien und Russland helfen, deren Wirkung zu dämpfen.»

Weshalb ist eigentlich der Iran so resilient? Die Wirtschaft des Landes steckt nicht nur wegen der Sanktionen tief in der Krise, nun hat das Land auch noch einen Krieg gegen zwei übermächtige Gegner überstanden.

Iran ist sich seit Jahrzehnten an Sanktionen gewöhnt, spezielle Arrangements mit China, Indien und Russland helfen, deren Wirkung zu dämpfen. Iran ist ein grosses Land mit langen Grenzen und hat immer wieder Käufer für sein Öl gefunden. Im Konflikt konnte es die Strasse von Hormus als Hebel einsetzen. Donald Trump hat wahrscheinlich auch unterschätzt, dass Iran den Krieg auf die ganze Region ausweitet. Mit dem Abkommen betreibt er nun Schadensbegrenzung. Wäre die Strasse von Hormus noch länger gesperrt geblieben, hätte dies gravierende wirtschaftliche Folgen haben können. Und die iranische Regierung ist «leidensfähig»; sie nimmt auch viele Opfer bei ihren Streitkräften und in der eigenen Bevölkerung in Kauf.

Mit dem Abkommen haben sich die Renditen langfristiger Staatsanleihen etwas zurückgebildet, bleiben aber vergleichsweise hoch. Steckt hinter dem Renditeanstieg ein globaler Trend, oder hat er mehr mit länderspezifischen Faktoren zu tun?

Sowohl als auch. Vor gut 20 Jahren prägte Fed-Chef Ben Bernanke, der den Stab vom jüngst verstorbenen Alan Greenspan übernommen hatte, den Begriff der «Global Savings Glut», also der weltweiten Sparschwemme in Relation zu den begrenzten Anlagemöglichkeiten. Heute ist der Bedarf an Investitionen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz (KI) wieder viel höher. Dazu kommen die Unsummen, mit denen die Länder ihre Verteidigung «ertüchtigen» wollen. Ausserdem verschulden sich Staaten wie die USA ungehemmt weiter. Investoren haben begonnen, sich Gedanken darüber zu machen, wie lange so hohe Schulden tragbar sind. Selbst in Japan, wo es sehr viele inländische Ersparnisse gibt, wird das langsam zum Thema.

Ist es nicht auch gesund, dass es nach der langen Tiefzinsphase wieder etwas höhere Renditen gibt?

Ja, in den USA können wir das teilweise auch als Normalisierung des Zinsniveaus betrachten, weil das Wirtschaftswachstum relativ kräftig ist. Für Länder wie Frankreich trifft das aber leider nicht zu.

«Es geht bei KI um ein geopolitisches Rennen mit China und damit um strategische Interessen. Wer wird künftig die weltweite Nummer 1 sein?»

Eine These lautet, dass die USA unter Trump KI stark fördern, weil sie sich davon einen Produktivitäts- und Wachstumsschub versprechen, was auch die Schuldentragfähigkeit verbessern würde.

Das dürfte mehr ein willkommener Nebeneffekt sein. Es geht primär um ein geopolitisches Rennen mit China und damit um strategische Interessen. Wer wird künftig die weltweite Nummer 1 sein? Parallel dazu tragen die Hyperscalers unter sich das Ringen um den ersten Platz in der neuen Welt der KI aus.

Candriam Hyperscalers Capex

Hyperscalers investieren massiv. (Grafik: Candriam)

Besteht angesichts der enormen Mittel, die in Rechenzentren und die entsprechende Infrastruktur fliessen, nicht die Gefahr von Fehlinvestitionen?

Doch, Übertreibungen und Fehlallokationen von Kapital sind ein Merkmal solcher Booms. Wer weiss denn, wie sich die Technologie weiterentwickelt und ob es in fünf Jahren überhaupt noch diese Rechenzentren braucht? Aber wahrscheinlich ist es noch zu früh, solche Fragen zu stellen; wir stehen erst am Anfang des Zyklus, und heute sind die Rechenzentren voll ausgelastet.

«Wir sind etwas weniger besorgt um die Unabhängigkeit der Fed , aber noch nicht ganz tiefenentspannt.«

Bei der US-Notenbank hat der neue Chairman Kevin Warsh seinen ersten Zinsentscheid hinter sich, der Leitzins ist unverändert geblieben, Warsh scheint Wert auf die Unabhängigkeit der Notenbank von der Regierung zu legen. Beruhigt Sie das?

Wir sind etwas weniger besorgt als noch vor ein paar Monaten, als Governor Lisa Cook in Trumps Visier geriet, aber noch nicht ganz tiefenentspannt. Der Verzicht auf Forward Guidance und die abgespeckte Kommunikation werden die Volatilität eher erhöhen. Wir halten das für keine gute Idee, weil Forward Guidance in bestimmten Situationen sehr nützlich sein kann und der Anleihenmarkt stark gewachsen ist.

Warsh hat vor seinem Amtsantritt argumentiert, dass KI deflationär wirken werde, was Zinssenkungen erlaube.

Das mag langfristig so sein. Aber zurzeit sorgt sie für einen Investitionsboom, der die Preise treibt. Es könnte noch etwas dauern, bis sich die erhofften Produktivitätsfortschritte tatsächlich einstellen. Bis dahin könnte die Wirtschaft überhitzen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat jüngst die Leitzinsen erhöht. War dieser Schritt richtig?

Sie wollten den Fehler von 2022 nicht wiederholen, als der EZB vorgeworfen worden war, zu langsam auf die Inflationswelle reagiert zu haben. Aus unserer Sicht war die Erhöhung aber nicht nötig, weil sich die heutige Lage stark von 2022 unterscheidet. Die EZB hätte durch die Inflation hindurchschauen können. Sie hat sich aber nun für ein Signal an die Öffentlichkeit entschieden: «Wir nehmen unser Mandat Preisstabilität sehr ernst.»

«Für den Markt wäre eine Links-Aussen-Regierung schlimmer als eine vom Rassemblement National geführte.»

In einigen grossen europäischen Ländern könnten bald Polparteien an die Macht gelangen. Unterschätzen die Märkte dieses Risiko, speziell in Frankreich?

In Frankreich ist das für die Märkte noch zu weit weg. Doch das Risiko besteht. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass der neue Präsident oder die neue Präsidentin keine Mehrheit im Parlament haben wird, relativ gross. Das begrenzt den Spielraum für eine extreme Politik. Für den Markt wäre eine Links-Aussen-Regierung schlimmer als eine vom Rassemblement National geführte. Aber beide Seiten setzen wirtschaftspolitisch auf populistische Rezepte. Ich rechne damit, dass die Märkte die Entwicklungen spätestens im neuen Jahr kritischer analysieren werden.