KI-Spezialisten stellen die Lohnhierarchie auf den Kopf
Die Zeiten kräftiger Lohnsteigerungen auf breiter Front scheinen in der Schweizer ICT-Branche vorerst vorbei zu sein. Der Gesamtmedian der Saläre steigt 2026 lediglich noch um 0,2 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es 0,4 Prozent gewesen, 2023 und 2024 dagegen noch 1,8 beziehungsweise 1,7 Prozent.

(Grafik: SwissICT)
Das zeigt die neue ICT-Salärstudie des Branchenverbands swissICT. Sie basiert auf 37’112 Salären aus 214 Unternehmen und zählt damit zu den umfassendsten Erhebungen zum Schweizer ICT-Arbeitsmarkt.
Fachkarriere schlägt Führungskarriere
Hinter der weitgehenden Stagnation des Gesamtmarkts verbirgt sich eine Entwicklung, die insbesondere für Banken, Versicherer und andere Finanzdienstleister relevant sein dürfte: Die Lohnschere zwischen besonders gefragten Spezialisten und einem grossen Teil der übrigen ICT-Fachkräfte geht auseinander.
Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Senior Experts. Sie verdienen 2026 im Median 177’938 Franken und damit 2,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 2020 haben ihre Saläre um 16,2 Prozent zugelegt.
Damit hat die Fachkarriere beim Salär inzwischen sogar die klassische Führungskarriere überholt. Das mittlere Management kommt laut Studie auf einen Medianlohn von 156’000 Franken und liegt damit deutlich unter den Senior Experts.
Auch das obere Management konnte seit 2020 mit einem Plus von 17,9 Prozent deutlich zulegen. Ganz anders sieht es weiter unten aus: Junior-Löhne erhöhten sich seit 2020 lediglich um 1,3 Prozent, bei Professionals waren es 1,9 Prozent. Das untere Management liegt nominal sogar unter dem Niveau von 2020.
«Nach mehreren Jahren spürbaren Wachstums ist die aktuelle Ruhe selbst eine Aussage», sagt Studienleiterin Cornelia Ammon. Entscheidend seien inzwischen weniger die Hierarchiestufe als vielmehr die jeweiligen Fähigkeiten und Kompetenzen.
KI und Cybersecurity treiben Nachfrage
Besonders gefragt sind Spezialisten in Bereichen, die auch für die Transformation der Finanzbranche eine zentrale Rolle spielen.
«Wer heute Fachleute für KI, Cloud, Cybersecurity oder Daten sucht, konkurriert in einem Markt, in welchem die Nachfrage das Angebot übersteigt», sagt Urs Gurtner-Oesch, Leiter der Arbeitsgruppe ICT-Saläre von swissICT.
Die klassische Regel, wonach mehr Erfahrung und eine höhere Hierarchiestufe automatisch zu einem höheren Lohn führen, gelte deshalb nicht mehr generell. Entscheidend sei zunehmend, auf welchen Fähigkeiten die Erfahrung beruhe.
Für Finanzinstitute ist das ein relevanter Befund. Banken und Versicherer investieren derzeit stark in KI, Dateninfrastruktur, Cloud-Lösungen und Cybersecurity und konkurrieren bei der Rekrutierung entsprechender Spezialisten nicht nur untereinander, sondern auch mit Technologieunternehmen und anderen Branchen.
Die Studie selbst untersucht allerdings den gesamten Schweizer ICT-Arbeitsmarkt und weist die Lohnentwicklung der Finanzbranche nicht separat aus.
Gefahr, die falschen Leute zu verlieren
Der nahezu stagnierende Gesamtmarkt könnte Unternehmen zudem zu falschen Schlüssen verleiten.
«Ein stabiler Gesamtmarkt verleitet leicht zur Annahme, es brauche keine Lohnanpassungen», sagt Kurt Lanz, Geschäftsführer von swissICT. Bei den gefragtesten Spezialisten sei jedoch das Gegenteil der Fall.
Unternehmen, die nicht ausreichend zwischen verschiedenen Kompetenzprofilen differenzierten, riskierten gerade jene Mitarbeitenden zu verlieren, die sich besonders schwer ersetzen lassen.
Bewegung gibt es gleichzeitig am unteren Ende der Karriereleiter. Neu eingestellte Junior-Fachkräfte erhalten 2026 im Mittel 80’000 Franken. Das entspricht einem Plus von 2,6 Prozent. Der Wettbewerb um junge Talente bleibe damit intensiv, obwohl der Berufseinstieg durch den zunehmenden Einsatz von KI-Werkzeugen anspruchsvoller werde.
Homeoffice ist zum Standard geworden
Neben den Salären hat swissICT auch die Arbeitsbedingungen untersucht. Dabei zeigt sich, wie stark sich hybrides Arbeiten in der Branche etabliert hat.
94 Prozent der teilnehmenden Unternehmen ermöglichen ihren Mitarbeitenden Homeoffice. Lediglich 6 Prozent verlangen vollständige Präsenz im Büro. Am häufigsten schreiben die Arbeitgeber drei Bürotage vor.
Die zusätzliche Flexibilität lassen sich die Unternehmen allerdings wenig kosten. 83 Prozent bezahlen keine finanzielle Entschädigung für das Arbeiten zu Hause, und 92 Prozent stellen keine materielle Ausstattung dafür zur Verfügung.
«Homeoffice ist in der ICT-Branche längst kein Verhandlungspunkt mehr, sondern Grundausstattung», sagt Ammon. Die Flexibilität sei angekommen, «die Kostenfrage bleibt bei den Mitarbeitenden».














