Vontobel-CEO: «Mich ärgert, dass wir unsere Stärken kleinreden»

Wird KI den Kundenberater langfristig ersetzen?

Nein, das wird nicht der Fall sein. KI wird die Beratung deutlich verbessern, aber nicht ersetzen. Vermögende Kunden erwarten Vertrauen, Erfahrung und Urteilsvermögen. Diese Faktoren bleiben menschlich. Die Technologie unterstützt den Berater, ersetzt ihn aber nicht.

Wie verändert KI das Berufsbild des Kundenberaters?

Die Anforderungen steigen. Berater lernen, neue Technologien sinnvoll einzusetzen. Wer diese Werkzeuge beherrscht, kann produktiver arbeiten und Kunden besser betreuen. Deshalb investieren wir stark in Weiterbildung und die Einführung neuer Technologien.

«MiFID hat uns gezwungen, die Bedürfnisse des Kunden wirklich zu verstehen.»

Sehen Sie: Früher hat der Kundenberater am Morgen die Zeitung gelesen und später seine Erkenntnisse mit dem Kunden geteilt. Dann kam irgendwann der Computer und noch viel später MiFID. 

MiFID war ein Geschenk für unsere Branche. Die Regelung hat uns gezwungen, die Bedürfnisse des Kunden wirklich zu verstehen. 

Und jetzt stehen wir vor dem nächsten Schritt: KI erlaubt es uns, noch viel schneller die Kunden mit auf sie zugeschnittenen Lösungen zu bedienen. Ich sehe dies als grosse Chance – insbesondere für die Private-Banking-Kunden: Sie werden künftig einen Service wie die Institutionellen erhalten. 


Georg Schubiger ist überzeugt: Dank KI werden Private Banking-Kunden künftig einen Service wie die Institutionellen erhalten. (Bild: zVg)

Was passiert mit jenen Instituten, die diesen Wandel verschlafen?

Sie werden mittelfristig an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Kunden erwarten zunehmend digitale Unterstützung und effiziente Prozesse. Gleichzeitig möchten auch Mitarbeitende moderne Werkzeuge nutzen. Wer hier nicht investiert, riskiert, sowohl Kunden als auch Talente zu verlieren.

Viele Menschen sorgen sich, dass KI Arbeitsplätze vernichten könnte. Teilen Sie diese Befürchtung?

Technologische Umbrüche haben schon immer bestehende Tätigkeiten verändert. Gleichzeitig sind aber neue Berufe und neue Industrien entstanden. Ich erwarte auch diesmal keinen grundsätzlichen Verlust von Arbeit, sondern eine Verschiebung von Aufgaben und Kompetenzen.

Am meisten Respekt flösst mir ein, was auf unsere Kinder zukommt. Für die kommenden drei, fünf Jahre haben wir noch einigermassen Visibilität. Was danach kommt, ist völlig ungewiss. Viele Assistenz-Jobs, von denen unsere Generation noch profitiert hat – ich notabene auch, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Wir konnten über solche Assistenz-Jobs wertvolle erste Berufserfahrung sammeln.

«Am meisten Respekt flösst mir ein, was auf unsere Kinder zukommt.»

Mich beschäftigen in diesem Zusammenhang Fragen wie: Wie muss man die junge Generation passend ausbilden? Welche Instrumente benötigen Studenten von heute, um in der Welt von morgen erfolgreich sein zu können? 

Wir sind gefordert. Ich verstehe die Angst, die einige Leute vor der Zukunft haben. Aber es bringt nichts, KI zu verteufeln. Den Prozess können wir nicht stoppen. 

Sind Sie Optimist?

Ich bin zuversichtlich, ganz klar. Wir erleben derzeit eine technologische Transformation, die mit früheren industriellen Revolutionen vergleichbar ist. Das wird wie gesagt nicht immer einfach sein, aber ich sehe vor allem Chancen. 

Und nochmals: Entscheidend wird sein, die Menschen auf diesem Weg mitzunehmen und die richtigen Rahmenbedingungen für Bildung und Innovation zu schaffen. Darauf kommt es an.

Herr Schubiger, was wünschen Sie sich für den Finanzplatz Schweiz in den kommenden Jahren?

Mehr Selbstvertrauen. Die Schweiz verfügt über hervorragende Voraussetzungen und eine einzigartige Position im globalen Wealth Management. Diese Stärken sollten wir gemeinsam mit Politik und Branche noch aktiver kommunizieren und international vermarkten. Dann bin ich überzeugt, dass der Finanzplatz auch künftig zu den weltweit führenden Standorten gehören wird.