Stromnetze werden zum Milliarden-Investment

Die Energiewende hat eine neue Dimension erreicht. Was lange primär als Dekarbonisierungs-Projekt verstanden wurde, ist heute ebenso eine Frage der Energiesicherheit, der industriellen Wettbewerbsfähigkeit und der technologischen Souveränität Europas.

Diese Einschätzung prägte einen Roundtable von Allianz Global Investors zum Thema «Green Energy Transition», moderiert von Diane Mak, Head of Impact und Sustainability Private Markets. Ihre Gesprächspartner waren Christophe Hautin, Senior Portfolio Manager Equity, sowie Matthew Norman, Head of Infrastructure Debt im Rahmen des European Media Day in Frankfurt.

Die Diskussion machte deutlich: Nachhaltiges Investieren entwickelt sich vom klassischen ESG-Ansatz zu einem umfassenden wirtschaftlichen Transformationskonzept.

Diese Sicht teilt auch Michael Schütze, Country Head Schweiz von Allianz GI: «Nachhaltigkeit ist zu einem übergeordneten Konzept geworden – ein Rahmen für Resilienz und ein strategisches Paradigma, das Kapital in Richtung einer sichereren und nachhaltigeren Zukunft lenkt. Nachhaltiges Investieren geht über das Thema Klima hinaus und adressiert langfristige strukturelle Risiken für die Gesellschaft. Und ist an vielen Stellen inzwischen zum ökonomisch sinnvollen Business Case geworden. ESG is the new normal.»

Vor diesem Hintergrund lassen sich aus der Diskussion fünf zentrale Erkenntnisse ableiten.

1. Die Energiewende ist heute vor allem Geopolitik


Nach Einschätzung von Christophe Hautin hat sich das Narrativ in Europa grundlegend verändert. Während früher vor allem Klimaziele im Mittelpunkt standen, bestimmen heute geopolitische Risiken die Agenda.

Der Krieg in der Ukraine, Europas frühere Abhängigkeit von russischem Gas sowie die jüngsten Spannungen im Nahen Osten hätten gezeigt, wie verwundbar die Energieversorgung Europas ist.

Die Folge: Die Energiewende sei heute ebenso ein Instrument zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit wie zur Erhöhung der strategischen Unabhängigkeit Europas.

2. KI verändert den Energiemarkt dauerhaft


Neben der Geopolitik identifiziert Matthew Norman einen zweiten strukturellen Treiber: den explosionsartig steigenden Strombedarf durch künstliche Intelligenz.

Während Digitalisierung in den vergangenen Jahrzehnten vor allem Effizienzgewinne gebracht habe, führe die nächste Entwicklungsstufe zu einem deutlich höheren Energieverbrauch. Neben der Elektrifizierung von Verkehr, Industrie und Heizsystemen sorgen insbesondere KI-Anwendungen und Rechenzentren für eine neue Nachfragewelle.

Nach aktuellen Schätzungen könnte sich allein die Kapazität europäischer KI-Rechenzentren innerhalb der nächsten fünf Jahre von rund 20 auf 40 Gigawatt verdoppeln.

3. Speicherlösungen sind Lieblinge der Anleger


Während in den vergangenen Jahren vor allem Wind- und Solarparks im Fokus standen, rücken nun Stromnetze, Batteriespeicher und intelligente Infrastruktur in den Vordergrund von Anlegern.

Norman sprach von einem gewaltigen Investitionsbedarf in Europas Stromnetze bis 2040. Besonders attraktiv seien Batteriespeicher, hybride Anlagen aus Solar- oder Windparks mit Speicherlösungen sowie Investitionen in Netzstabilisierung.

Hautin sieht auch an den Aktienmärkten grosse Chancen entlang der gesamten Elektrifizierungs-Wertschöpfungskette – von Netzbetreibern über Kabel- und Schalttechnik bis hin zu Unternehmen für Automatisierung und Energieeffizienz.

«Ohne Netze gibt es weder Elektrifizierung noch erneuerbare Energien, Rechenzentren oder künstliche Intelligenz», brachte er die Situation auf den Punkt.

4. Europas Gewinner der Energiewende


Die Experten von Allianz GI sehen attraktive Investmentchancen sowohl an den öffentlichen als auch an den privaten Märkten.

Auf der Aktienseite gehören Unternehmen wie Schneider Electric, Air Liquide oder Iberdrola zu den Profiteuren. Sie profitieren vom Ausbau der Netzinfrastruktur, von Dekarbonisierungs-Lösungen für energieintensive Industrien sowie vom Ausbau erneuerbarer Energien.

Im Bereich Private Markets investiert Allianz GI unter anderem in grossflächige Batteriespeicher in Deutschland sowie in Amprion, einen der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber.

Gemeinsam verfolgen diese Projekte ein Ziel: Engpässe im Stromnetz reduzieren, die Versorgung stabilisieren und die Integration erneuerbarer Energien beschleunigen.

5. Energiewende: Schwierigste Phase beginnt erst


Nach Einschätzung der Experten sind die vergleichsweise einfachen Schritte der Dekarbonisierung bereits weit fortgeschritten.

Die eigentliche Herausforderung liege nun bei Industrien, die sich nicht einfach elektrifizieren lassen – etwa Stahl-, Zement- oder Chemieunternehmen.

Hier gewinnen Technologien wie grüner Wasserstoff, E-Fuels sowie Carbon Capture and Storage (CCS) zunehmend an Bedeutung. Technologisch seien viele Lösungen bereits vorhanden, nun gehe es darum, sie wirtschaftlich skalieren zu können.

Auch Kernenergie schliessen die Experten nicht grundsätzlich aus. Sie könne als CO₂-arme Grundlasttechnologie eine wichtige Ergänzung zu erneuerbaren Energien darstellen, werde jedoch jeweils individuell unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten beurteilt.

Innovation wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor

Dass Nachhaltigkeit zunehmend über klassische ESG-Kriterien hinausgeht, zeigte auch die Jahreskonferenz von Swiss Sustainable Finance (SSF), die kürzlich in Bern stattfand.

Unter dem Motto «Innovating for a Sustainable Future» diskutierten Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Finanzindustrie über die Rolle neuer Technologien für eine nachhaltige Transformation.

Im Mittelpunkt standen Anwendungen Künstlicher Intelligenz, nachhaltige Infrastruktur sowie Schweizer Cleantech-Unternehmen. Mehrere Referenten betonten, dass der Finanzplatz künftig weit mehr leisten müsse als Kapital bereitzustellen: Er müsse Innovationen aktiv begleiten und deren Skalierung ermöglichen.

SSF-Präsident Patrick Odier brachte dies zum Abschluss der Konferenz auf den Punkt. Entscheidend sei nicht nur die Förderung von Innovationen, sondern auch die Bereitstellung jener Finanzdienstleistungen, die es Unternehmen ermöglichen, ihre Lösungen weltweit auszurollen.