Vontobel-CEO: «Mich ärgert, dass wir unsere Stärken kleinreden»
Herr Schubiger, die geopolitischen Spannungen nehmen zu, die Weltwirtschaft wirkt fragiler denn je. Profitiert die Schweiz derzeit von dieser Unsicherheit?
Ja, das sehen wir durchaus. In Zeiten erhöhter Unsicherheit steigt bei Anlegerinnen und Anlegern das Bedürfnis nach Orientierung und Beratung. Die Schweiz verfügt über Eigenschaften, die international sehr geschätzt werden: politische Stabilität, Rechtsstaatlichkeit, eine starke Währung und eine verlässliche Wirtschaft. Das macht unseren Finanzplatz gerade in turbulenten Zeiten attraktiv.
Spüren Sie bereits konkrete Vermögenszuflüsse in die Schweiz?
Es gibt durchaus Anzeichen dafür, dass internationale Investoren ihre Vermögensallokationen überdenken. Gerade im Nahen Osten beobachten wir, dass gewisse Investoren ihre geografische Aufstellung neu beurteilen. Die Schweiz wird dabei häufig als langfristig stabiler Standort wahrgenommen.
Gleichzeitig steht der Schweizer Finanzplatz unter Druck. Hongkong hat die Schweiz zuletzt als führenden Offshore-Finanzplatz abgelöst. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Solche Rankings zeigen, dass wir unsere Stärken nicht als selbstverständlich betrachten dürfen. Man muss immer wieder dafür kämpfen. Andere Finanzplätze betreiben aktives und erfolgreiches Standortmarketing und fördern gezielt Investitionen.
«Wir sollten von anderen Ländern lernen, wie sie ihre Standortvorteile ins Schaufenster stellen.»
Die Schweiz verfügt über ausgezeichnete Voraussetzungen und hat beispielsweise den weltweit grössten Wealth Manager hervorgebracht.
Leider haben wird das Talent, uns stets schlechter zu machen, als wir sind.

Georg Schubiger: «Die Schweiz verfügt über hervorragende Voraussetzungen als Finanzplatz – wir sollten sie mit deutlich mehr Selbstbewusstsein vertreten.» (Bild: zVg)
Macht Sie dies wütend?
Wir leben in einer Welt, in welcher der Wettbewerb härter geworden ist – das gilt auch für die Konkurrenz zwischen den Finanzplätzen. Gerade deshalb sollten wir von anderen Ländern lernen, wie sie ihre Stärken selbstbewusst kommunizieren und ihre Standortvorteile ins Schaufenster stellen.
Wenn ich an internationalen Konferenzen teilnehme und Vertreter anderer Finanzplätze auf der Bühne erlebe, fällt mir immer wieder dasselbe auf: Während die anderen überzeugend die Vorzüge ihrer Standorte hervorheben, diskutieren wir Schweizer darüber, was wir noch besser machen könnten.
Wohlgemerkt: Selbstkritik ist wichtig, aber sie darf nicht dazu führen, dass wir unsere eigenen Stärken kleinreden.
Das ärgert mich. Die Schweiz verfügt über hervorragende Voraussetzungen als Finanzplatz – und wir sollten sie mit deutlich mehr Selbstbewusstsein vertreten.
Wo sehen Sie die grössten Wettbewerbsvorteile der Schweiz?
Unsere Kundenorientierung ist einzigartig. Wir verfügen über ein aussergewöhnlich hohes Finanzwissen, betreuen internationale Kunden in verschiedenen Sprachen – bei Vontobel ist sogar Beratung auf Finnisch möglich. Nicht zu vergessen unsere grosse Erfahrung im Umgang mit unterschiedlichen Währungen und Anlageklassen. Hinzu kommt ein hervorragender Talentpool. Diese Kombination findet man weltweit nur an wenigen Standorten.
Vontobel expandiert derzeit sowohl in Deutschland als auch in den USA. Weshalb gerade diese Märkte?
Beides sind strategisch wichtige Wachstumsmärkte für uns. Deutschland zählt zu den weltweit wichtigsten Märkten für Ultra High Net Worth Individuals. Rund 25'000 Personen verfügen dort über ein Vermögen von mehr als 30 Millionen Dollar.
Deutschland verfügt über einen starken Mittelstand und viele Unternehmerfamilien. Gerade diese Kunden schätzen unsere langfristige Denkweise als mehrheitlich familienkontrollierte Bank kombiniert mit der Transparenz und Governance eines börsenkotierten Unternehmens.
Deshalb eröffnen Sie eine Niederlassung in Düsseldorf?
Genau. Düsseldorf ist wirtschaftlich eine sehr attraktive Region. Mit dem neuen Standort stärken wir unsere Präsenz vor Ort und können unsere Kunden noch besser betreuen.
«Nach dem Ausbau unserer Standorte in New York und Miami eröffnen wir nun eine Niederlassung in Los Angeles. Die Westküste bietet enormes Potenzial.»
Düsseldorf wird nach München und Hamburg unsere dritte Niederlassung für die Betreuung vermögender Privatkunden in Deutschland sein; in Frankfurt betreuen unsere Leute ausschliesslich institutionelle Kunden.
Gleichzeitig bauen Sie Ihre Präsenz in den USA weiter aus.
Ja. Nach dem Ausbau unserer Standorte in New York und Miami eröffnen wir nun eine Niederlassung in Los Angeles. Die Westküste bietet enormes Potenzial, sowohl aufgrund der hohen Vermögensdichte als auch wegen der internationalen Kundschaft in dieser Region.
Für uns stand seit längerer Zeit fest, dass wir an beiden Küsten vertreten sein müssen.
Wie wichtig ist lokale Präsenz im Wealth Management heute noch?
Sehr wichtig. Gerade bei vermögenden Kunden spielt Vertrauen eine zentrale Rolle. Eine physische Präsenz vor Ort erhöht die Glaubwürdigkeit und verbessert die Kundennähe. Deshalb verfolgen wir einen schrittweisen und profitablen Ausbau unseres internationalen Netzwerks.
Welche Geschäftsbereiche sollen künftig das Wachstum von Vontobel antreiben?
Im institutionellen Geschäft sehen wir weiterhin grosses Potenzial bei Fixed-Income-Lösungen. Auch Multi-Asset-Mandate entwickeln sich sehr erfreulich. Daneben beobachten wir eine steigende Nachfrage nach individuellen Lösungen, die klassische Anlagen mit Hedging-Strategien oder strukturierten Produkten kombinieren.
Und im Privatkundengeschäft?
Dort bleibt die Vermögensverwaltung klar im Zentrum. Unser Anspruch ist es, höchste Servicequalität zu bieten. Kunden schätzen es, direkt mit erfahrenen Spezialisten zu sprechen und nicht in Callcenter-Strukturen zu landen.
Künstliche Intelligenz verändert derzeit die gesamte Finanzindustrie. Wie setzt Vontobel KI ein?
Vor allem als Unterstützung für unsere Berater. KI hilft dabei, Informationen schneller zu analysieren, Kundenportfolios effizienter auszuwerten und relevante Erkenntnisse gezielt bereitzustellen. Dadurch können Berater besser vorbereitet in Kundengespräche gehen.
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