«Wir stehen auf der richtigen Seite der Konsolidierung»
Von Jérôme Sicard
Herr Lepezel, Sie sind 2010 zu Gonet gestossen. Wenn Sie die vergangenen 15 Jahre betrachten: Welche Veränderungen waren aus ihrer Sicht die prägendsten im Schweizer Private-Banking-Sektor?
In den vergangenen 15 Jahren hat sich das Schweizer Private Banking tiefgreifend verändert. Mit dem Wegfall des Bankkundengeheimnisses als Wettbewerbsvorteil mussten die Institute ihre Kernkompetenzen neu definieren – insbesondere in der Vermögensverwaltung, der Nachfolge- und Finanzplanung sowie in der Qualität ihrer Dienstleistungen.
Gleichzeitig hat eine starke Konsolidierungswelle eingesetzt. Dieser Trend, der sich im Zuge der Digitalisierung weiter verstärkt, hat schwächere Akteure vom Markt gedrängt und jene gestärkt, die über ein klares Leistungsversprechen verfügen.
Zusammengefasst hat sich das Private Banking in der Schweiz von einem rentenbasierten Modell hin zu einem System entwickelt, das auf Performance, Expertise und Effizienz beruht.
Wie hat sich die Kundschaft von Gonet in dieser Zeit verändert – sowohl in ihren Erwartungen als auch in ihrer Struktur?
Die Entwicklung der Kundschaft im Schweizer Private Banking verläuft parallel zur Transformation der Banken selbst. Früher bestand sie vor allem aus Erben, wohlhabenden Familien und Kapitalinhabern, die Diskretion und Stabilität suchten. Heute setzt sie sich zunehmend aus Unternehmern, Startup-Gründern, privaten Investoren und Führungskräften zusammen. Diese neuen Vermögen sind meist jünger, internationaler und mobiler, was die Erwartungen an eine Bank wie die unsere grundlegend verändert.
«Innerhalb der Gruppe ist Gonet als Entwicklungsplattform für das Wealth Management in der Schweiz vorgesehen.»
Inwiefern hat die Integration in die Arab Bank Switzerland Group die Entwicklung von Gonet am stärksten beeinflusst?
Diese Transaktion hat Gonet eine neue Stabilität gegeben, die Positionierung geschärft und das Bild einer Private Bank mit klarer Zukunftsperspektive gestärkt. Innerhalb der Gruppe ist Gonet heute als Entwicklungsplattform für das Wealth Management in der Schweiz vorgesehen. Vor fünf Jahren waren die Grundlagen bereits solide. Was sich seit dem Zusammenschluss mit Arab Bank Switzerland verändert hat, sind eindeutig Skalierung und Tempo. Das zeigt sich etwa in der Akquisition von ONE Swiss Bank, dem neuen Ausbau von Dynagest sowie dem Immobilienprojekt an der Corraterie. Kurz gesagt: Die Integration in die Arab Bank Switzerland Group hat nicht verändert, wer wir sind, sondern was wir erreichen können.
Was waren die wichtigsten Vorteile dieser Integration?
Es ist ein grosser Vorteil, Teil einer Gruppe zu sein, die ihre Ambitionen auch tatsächlich umsetzen kann. Das steht für Stabilität – eine der zentralen Eigenschaften, die Kunden im Private Banking suchen. Gleichzeitig schafft es Nachhaltigkeit und Vertrauen gegenüber allen Anspruchsgruppen.
Zudem eröffnet uns die Zugehörigkeit zur Arab Bank Switzerland den Zugang zu Anlagelösungen, die wir alleine nicht hätten entwickeln können. Gleichzeitig ermöglicht sie einen konstruktiven internen Austausch und eine kontinuierliche Weiterentwicklung innerhalb der Branche.
Welche Ziele waren mit der Akquisition von ONE Swiss Bank verbunden?
Unter anderem ging es darum, eine neue Grössenordnung bei den verwalteten Vermögen zu erreichen. Wir haben die Marke von 10 Milliarden überschritten und bewegen uns gruppenweit auf 20 Milliarden zu. In einem Umfeld steigender Kosten und sinkender Margen wird die Frage der kritischen Grösse immer relevanter. Das exakte Niveau lässt sich diskutieren, aber es wird für sehr kleine Banken zunehmend schwierig, langfristig zu bestehen. Die Konsolidierung ist real und wird sich weiter beschleunigen. Gonet steht heute klar auf der richtigen Seite dieser Entwicklung.
Abgesehen davon bringt uns die Akquisition von ONE Swiss Bank strategisch gleich doppelt weiter. Mit der Präsenz in Lugano zusätzlich zu Genf, Lausanne und Zürich positionieren wir uns als echte Schweizer Bank mit nationaler Ausstrahlung. Und die quantitative Vermögensverwaltungskompetenz von Dynagest eröffnet uns den Zugang zu einem wachstumsstarken Segment – sowohl im institutionellen Bereich, insbesondere bei Pensionskassen, als auch im Private Banking.
«Gerade im Bereich Digital Assets sehen wir einen wichtigen Türöffner.»
Wo stehen Sie heute in der Integration?
Die Übernahme wurde im November 2024 angekündigt und im Juni 2025 von den Aufsichtsbehörden genehmigt. Das ist nun genau ein Jahr her. Im Wesentlichen ist die Integration abgeschlossen: Die Teams wurden bereits im vergangenen Herbst zusammengeführt, die IT-Migration erfolgte im ersten Quartal dieses Jahres, und das gesamte Produkt- und Dienstleistungsangebot wird derzeit schrittweise bei den Kunden ausgerollt. Unsere bisherigen Integrationserfahrungen – insbesondere mit Mourgue d’Algue & Cie (2018) und Banque Degroof Petercam (Schweiz) (2022) – haben diesen Prozess zusätzlich erleichtert.
Wie planen Sie die weitere Entwicklung von Gonet im Schweizer Markt?
Wir verfügen heute über ein sehr breites Spektrum an Anlagelösungen – von klassischer Vermögensverwaltung und Advisory über Private Equity und Immobilien bis hin zu Digital Assets. Gerade im Bereich Digital Assets sehen wir einen wichtigen Türöffner: Nur wenige Institute unserer Grösse bieten in der Schweiz eine vergleichbare Lösung. Diese müssen wir nun konsequent in eine ganzheitliche Vermögensstrategie integrieren. Unabhängig davon bleiben wir offen für weiteres externes Wachstum oder zusätzliche Standorte, sofern sie strategisch Sinn ergeben.
Ist externes Wachstum angesichts der sinkenden Zahl von Banken weiterhin ein realistischer Ansatz?
Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Privatbanken in der Schweiz weiter sinken wird. Mehrere Faktoren treiben diese Konsolidierung: steigende Regulierungskosten, Investitionen in KI, Digitalisierung und Cybersicherheit sowie anhaltender Margendruck. Entscheidend ist nicht, ob es Übernahmeziele gibt, sondern welche Akquisitionen tatsächlich Wert schaffen. Qualität wird dabei wichtiger als Volumen.
Was unterscheidet Gonet grundlegend von seinen Wettbewerbern?
Meiner Ansicht nach ist es die Kombination zweier Eigenschaften, die jede für sich einzigartig ist und in dieser Form ihresgleichen sucht. Erstens die Zugehörigkeit zu einer Bankengruppe mit klarer strategischer Positionierung – «eine Gruppe, zwei Banken». Dieses Modell gibt der Marke Gonet eine besondere Rolle. In vielen Konsolidierungsprozessen der letzten Jahre verschwinden Marken nach einer Übernahme oder werden vollständig integriert – bei uns ist das bewusst anders.
Zweitens unsere Fähigkeit, ein starkes Kundenerlebnis zu bieten, das tief in unserer DNA als familien- und unternehmerisch geprägte Bank verankert ist. Bei uns stehen Beziehung und Service klar vor dem Produkt.
Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken: Wie sieht die Private Bank von morgen aus?
Die Entwicklung wird eher evolutionär als disruptiv verlaufen, da der regulatorische Rahmen heute weitgehend stabil ist. Die zentralen Dimensionen sind bereits klar: kontrolliertes Risikomanagement, optimaler Einsatz von künstlicher Intelligenz sowie ein Angebot, das präzise auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten ist. Konstant bleiben wird vor allem eines: die persönliche Beziehung und das Vertrauen zwischen Bank und Kunde.
Jean-René Lepezel trat 2010 als Senior Client Manager und Mitglied der Geschäftsleitung in die Bank Gonet ein. Im Januar 2023 wurde er CEO der Bank. Zuvor hatte er verschiedene Positionen im Börsen- und Marktgeschäft bei Crédit Lyonnais (Schweiz) sowie bei UBS Warburg inne. Im Jahr 2000 wechselte er in die Vermögensverwaltung der UBS, bevor er 2003 als Senior Manager und Mitglied der Geschäftsleitung zu Crédit Lyonnais / Indosuez Wealth Management zurückkehrte. Lepezel ist Ingenieur der École Centrale-Supélec Paris und besitzt einen DESS in Finanzwissenschaften der Universität Paris-Dauphine.
Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit SPHERE.













