Das Schweizer Vorsorgesystem bestraft moderne Lebensmodelle


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Die Schweizer Altersvorsorge gerät zunehmend unter Druck. Das bewährte Drei-Säulen-System stösst an Grenzen: Demografischer Wandel, veränderte Lebensmodelle und politische Trägheit legen strukturelle Schwächen offen. Die Folge ist eine wachsende Lücke zwischen Vorsorgeversprechen und finanzieller Realität. Reformen greifen zwar punktuell – an den Ursachen ändern sie jedoch wenig.

Neue Lebensmodelle, veraltete Logik

Das Problem beginnt bei einer Grundannahme, die nicht mehr zeitgemäss ist: Das Vorsorgesystem orientiert sich weiterhin an linearen Erwerbsbiografien. Die Realität sieht längst anders aus. Teilzeitarbeit und Erwerbsunterbrüche gehören heute zum Alltag – werden im System aber nach wie vor benachteiligt.

«Gerade bei Teilzeitpensen bleibt ein relevanter Teil des Einkommens unversichert.»

Davon betroffen sind vor allem Frauen. Sie übernehmen weiterhin einen grossen Teil unbezahlter Care-Arbeit und sollen gleichzeitig stärker und kontinuierlicher am Arbeitsmarkt teilnehmen. Dieser Spagat hat Konsequenzen: geringere Einkommen, tiefere Sparbeiträge und damit niedrigere Leistungen aus AHV und insbesondere beruflicher Vorsorge.

Besonders problematisch wirkt der Koordinationsabzug in der zweiten Säule. Gerade bei Teilzeitpensen bleibt ein relevanter Teil des Einkommens unversichert. Damit sinken nicht nur die eigenen Sparbeiträge, sondern auch jene des Arbeitgebers. Der Zinseszinseffekt, der über Jahrzehnte einen entscheidenden Beitrag zum Vermögensaufbau leisten könnte, wird so früh gebremst.

Benachteiligung unabhängig vom Einkommen

Auch Frauen in Kaderpositionen sind nicht automatisch bessergestellt. Höhere Einkommen schaffen zwar bessere Voraussetzungen für den Vermögensaufbau. Doch Erwerbsunterbrüche oder reduzierte Arbeitspensen wirken sich auch auf hohem Einkommensniveau überproportional aus. Viele Vorsorgemodelle und Karrierepfade sind weiterhin auf durchgängige Erwerbsbiografien ausgerichtet. Qualifikation und formale Gleichstellung reichen deshalb nicht aus, um strukturelle Nachteile auszugleichen.

Nötig sind Reformen des Systems – allen voran die Anpassung des Koordinationsabzugs an das Teilzeitpensum, tiefere Eintrittsschwellen in die Pensionskasse, flexibleres Rentenalter und mehr Wahlmöglichkeiten bei den Anlageentscheiden. Sie alle würden die Benachteiligung von Teilzeiterwerbenden verringern und höhere Vorsorgeguthaben ermöglichen.

Individuelle Strategien werden wichtiger

Solange solche Reformen ausbleiben, ist individuelle Vorsorge umso wichtiger. Frauen tun gut daran, die vorhandenen Instrumente konsequent zu nutzen: Dazu gehört insbesondere die Ausschöpfung der steuerbegünstigten Säule 3a sowie eine frühzeitige und systematische Planung der Altersvorsorge.

«Vorsorgefragen werden oft zu spät oder gar nicht diskutiert – insbesondere mit Blick auf mögliche Trennungen oder Scheidungen.»

Vorsorgeentscheide sind komplex. Kapital- oder Rentenbezug: Einkäufe in die Pensionskasse oder die Wahl der Anlagestrategie haben weitreichende Folgen. Sie sollten nie isoliert betrachtet werden, sondern immer im Kontext von Lebenssituation, Familienmodell, Lebenserwartung und persönlichen Zielen.

Ein häufig unterschätzter Punkt ist die Kommunikation innerhalb von Partnerschaften. Vorsorgefragen werden oft zu spät oder gar nicht diskutiert – insbesondere mit Blick auf mögliche Trennungen oder Scheidungen. Die finanziellen Folgen können erheblich sein.

Unternehmen als Teil der Lösung

Doch die Verantwortung liegt nicht allein beim Individuum. Auch Arbeitgeber können gezielt gegensteuern: mit flexibleren Vorsorgelösungen, angepasstem Koordinationsabzug, tieferen Eintrittsschwellen oder individuellen Wahlsparplänen. Das ist nicht nur sozialpolitisch sinnvoll, sondern für Unternehmen auch strategisch relevant. Attraktive Vorsorgemodelle werden zunehmend zum Faktor im Wettbewerb um Talente.

Die Benachteiligung von Frauen in der Altersvorsorge ist strukturell bedingt. Reformen wie die Anpassung des Koordinationsabzugs sind längst überfällig. Gleichzeitig braucht es ein Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und individueller Verantwortung.

Für Frauen bedeutet das heutige Vorsorgemodell vor allem eines: die eigene Vorsorge frühzeitig zur Priorität zu machen. Wer seine Handlungsspielräume kennt und nutzt, kann strukturelle Nachteile zumindest teilweise begrenzen.


Thomas Bamert, Head Wealth & Pension Planning bei Rothschild & Co Bank, Zürich