J.P.-Morgan-ETF-Chef: «Das Volumen aktiver ETFs wird sich vervierfachen»


Travis Spence, der ETF-Markt wächst seit Jahren mit hoher Dynamik. Ist das ein Trend ohne Ende?

Die Entwicklung bleibt bemerkenswert stark. Die Jahre 2023 und 2024 waren mit Wachstumsraten von rund 30 Prozent Rekordjahre für die Branche. Und 2026 liegen wir aktuell nochmals darüber – sowohl bei den Mittelzuflüssen als auch bei Neuemissionen und Handelsvolumen. 

Das zeigt, dass ETFs inzwischen fest in den Anlegerpräferenzen verankert sind. 

Gleichzeitig wächst die Produktpalette kontinuierlich. Besonders relevant ist dabei der aktive Bereich – er ist heute klar der Wachstumsmotor der ETF-Industrie.

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Warum gerade aktive ETFs?

Aktive ETFs wachsen seit fünf Jahren etwa doppelt so schnell wie der Gesamtmarkt. Zwar kam das Segment ursprünglich von einer kleinen Basis, doch es gewinnt laufend an Volumen, Zuflüssen und Marktanteilen. 

«In den USA gibt es inzwischen mehr aktive als passive ETFs.»

Entscheidend ist dabei: Anleger wollen Track Records und Skalierung sehen. Viele aktive ETFs wurden erst in den vergangenen Jahren lanciert und beginnen nun, eine relevante Grösse zu erreichen. 

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Besonders spannend ist die Entwicklung in den USA: Dort gibt es inzwischen mehr aktive als passive ETFs.

Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die ETF-Industrie über Jahrzehnte fast ausschliesslich von passiven Strategien geprägt war.

Ist Europa bei dieser Entwicklung nur Nachzügler?

Europa folgt zeitversetzt derselben Entwicklung. Der Markt ist hier bereits stark mit passiven ETFs aufgebaut worden. Nun sehen wir immer mehr Anbieter, die aktive ETFs lancieren – auch traditionelle passive Häuser steigen verstärkt in dieses Segment ein.

Wir erwarten in den kommenden fünf Jahren eine Verdoppelung des gesamten ETF-Marktes, während sich das Volumen aktiver ETFs vervierfachen dürfte. 

Europa befindet sich dabei noch in einer frühen Phase. Der eigentliche Wendepunkt, den wir in den USA gesehen haben, dürfte hier erst in einigen Jahren kommen.

Welche Segmente treiben dieses Wachstum?

Vor allem aktive Aktienstrategien gewinnen an Akzeptanz. Gleichzeitig entsteht ein immer breiteres Angebot bei Fixed-Income-ETFs. Viele Anleihenpositionen in Portfolios werden heute noch über traditionelle Vehikel gehalten. ETFs werden dort künftig eine deutlich grössere Rolle spielen – insbesondere aktive Fixed-Income-ETFs.

Hinzu kommen Derivative basierte Strategien, etwa Income- oder Hedged-Equity-ETFs, die in den USA bereits sehr erfolgreich sind und nun schrittweise nach Europa kommen. Das eröffnet Investoren neue Möglichkeiten bei der Portfolio-Konstruktion.

Der ETF-Markt wird von wenigen grossen Anbietern dominiert. Haben kleinere Häuser überhaupt noch Chancen?

Ja, aber sie müssen starke aktive Fähigkeiten mitbringen. 

Gerade in Europa ist der Markt sehr professionell organisiert. Institutionelle Anleger und grosse Due-Diligence-Teams wollen verstehen, wie eine Strategie funktioniert, wie das Portfolio gesteuert wird und wer dahintersteht.

Das bedeutet: Ein überzeugender Investmentprozess, Erfahrung und Zugang zu den Portfoliomanagern sind zentral. In den USA existieren mehr Vertriebskanäle, über die auch kleinere Anbieter schnell skalieren können. In Europa ist das deutlich anspruchsvoller.

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Travis Spence. (Bild: zVg)

Ist das auch eine regulatorische Frage?

Teilweise, aber nicht primär. Viel wichtiger sind die Anlegerstrukturen und Kaufgewohnheiten. Gleichzeitig gibt es regulatorische Entwicklungen, die ETFs zusätzlich Rückenwind geben.

In Grossbritannien etwa läuft eine starke Bewegung hin zu mehr privater Vorsorge und Eigenverantwortung beim Vermögensaufbau. In Deutschland wiederum fördern neue Vorsorgemodelle mit Gebührenobergrenzen ETF-basierte Lösungen.

Auch digitale Plattformen spielen eine grosse Rolle: Sie machen Investieren einfacher, zugänglicher und attraktiver – gerade für jüngere Anleger.

Werden ETFs langfristig klassische Anlagefonds verdrängen?

Wir sehen bereits heute eine stärkere Annäherung der beiden Welten. Viele Strategien lassen sich sowohl in einem traditionellen Fonds als auch in einem ETF umsetzen. Deshalb beobachten wir insbesondere bei aktiven Strategien eine schrittweise Verlagerung.

In Europa dürfte dieser Prozess allerdings langsamer verlaufen als in den USA, weil Regulierung, Vertrieb und bestehende Marktstrukturen anders funktionieren. Dennoch wird die Konvergenz zunehmen.

Wie wichtig ist der Schweizer Markt für J.P. Morgan Asset Management?

Die Schweiz ist zwar kein grosser Markt, aber ein äusserst anspruchsvoller und hoch entwickelter. Für uns gehört sie zu den wichtigsten Märkten Europas. Schweizer Investoren sind sehr sophisticated, insbesondere bei der Portfolio-Konstruktion.

«Aktive Portfolio-Allokation kombiniert mit aktiven Bausteinen schafft über den Zyklus einen klaren Mehrwert.»

Deshalb glauben wir, dass sich der Fokus zunehmend darauf verlagern wird, wie ETFs innerhalb von Gesamtportfolios eingesetzt werden – und nicht nur als Einzelinvestment.

Was bedeutet das konkret?

Viele Privatanleger investieren heute noch in einzelne globale Aktien-ETFs. Langfristig dürfte sich das stärker hin zu diversifizierten Multi-Asset-Lösungen entwickeln.

Unsere Überzeugung ist: Aktive Portfolio-Allokation kombiniert mit aktiven Bausteinen schafft über den Zyklus einen klaren Mehrwert. Deshalb haben wir Anfang Jahr eine neue Familie von Multi-Asset-ETFs lanciert – von defensiv bis aggressiv. Anleger erhalten damit ein vollständig konstruiertes Portfolio über einen einzigen ETF-Ticker.

Das verbindet Diversifikation, aktive Steuerung und einfache Zugänglichkeit.

Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz künftig spielen?

KI wird die Branche nicht ersetzen, aber stark weiterentwickeln. Derzeit liegt der Fokus darauf, Prozesse effizienter und präziser zu machen. Entscheidend ist dabei die Qualität der Daten. «Garbage in, garbage out» gilt bei KI mehr denn je.

Wir nutzen KI beispielsweise, um 40 Jahre Research- und Portfoliodaten auszuwerten und heutige Entscheidungen mit historischen Situationen zu vergleichen. Das kann Investmententscheidungen deutlich verbessern.

Wie verändert KI das Anlegererlebnis?

Das Potenzial liegt vor allem in der besseren Portfolio-Konstruktion und Personalisierung. KI kann künftig Portfolios analysieren, Schwachstellen erkennen und passende ETF-Bausteine identifizieren – über sämtliche Vermögenswerte hinweg.

Der Anleger sieht dadurch nicht mehr nur einzelne Investments, sondern sein gesamtes finanzielles Bild – inklusive Vorsorge, weiterer Anlagen und Risikoprofil.

Ich glaube, genau dort liegt die Zukunft: weg vom Einzelinvestment, hin zu personalisierten Gesamtlösungen.

Wird die Finanzindustrie dadurch individueller?

Absolut. Personalisierung wird ein zentraler Trend der kommenden Jahre sein. KI und digitale Tools werden helfen, Portfolios viel stärker auf individuelle Bedürfnisse und Ziele zuzuschneiden.

Das schafft am Ende bessere Investment-Erfahrungen und wahrscheinlich auch bessere Resultate für Anleger.


Das Gespräch wurde am Rande des Media Summit 2026 von J.P. Morgan AM in London geführt.