Weshalb Europas Banken bei Investoren plötzlich wieder so gefragt sind
Während sich Anleger seit Monaten mit geopolitischen Konflikten, Inflation und den Folgen des KI-Booms beschäftigen, richtet Allianz Global Investors den Blick auf einen Sektor, der lange als Sorgenkind galt: Europas Banken.
Sowohl die Aktien- als auch die Kreditspezialisten des Vermögensverwalters sehen die Branche weiterhin als eine der überzeugendsten Anlageideen in Europa.
Kreditexperten halten an Banken fest
Besonders deutlich äusserte sich Vincent Marioni, CIO Credit bei Allianz Global Investors.
«Banken zählen seit 2022 zu unseren Favoriten», sagte er am European Media Day in Frankfurt.
Stärker und disziplinierter
Aus Sicht des Kreditexperten sprechen mehrere Faktoren für den Sektor. Die Banken verfügten heute über starke Kapitalpolster, seien bei der Kreditvergabe deutlich disziplinierter als in früheren Zyklen und profitierten weiterhin vom veränderten Zinsumfeld.
Die Nettozinsmargen hätten sich seit dem Ende der Negativzinsphase deutlich verbessert. Mit der jüngsten Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank könnte sich dieser Trend sogar fortsetzen.
Für Anleiheinvestoren bleiben insbesondere nachrangige Bankanleihen interessant. Die Nachfrage nach Rendite sei weiterhin hoch, während die fundamentalen Risiken vieler Institute überschaubar blieben.
Ausfallraten bleiben niedrig
Generell zeigt sich Marioni von der Widerstandsfähigkeit des europäischen Kreditmarkts beeindruckt.
Trotz der jüngsten Spannungen im Nahen Osten und anhaltender geopolitischer Unsicherheiten seien die Risikoaufschläge auf Unternehmensanleihen nahe historischer Tiefstände geblieben.
Die Ausfallrate im europäischen Hochzinsmarkt liege derzeit bei rund 1,2 Prozent und damit deutlich unter früheren Krisenniveaus.
«Anleger brauchen Rendite», sagte Marioni.
Die Suche nach solchen sei seit Jahren der wichtigste Treiber der Nachfrage nach Unternehmensanleihen und dürfte den Markt auch künftig unterstützen.
Gewinne statt Bewertungsfantasie
Auch aus Sicht der Aktienstrategen spricht vieles für europäische Banken.
Christoph Berger, CIO Equity Europe bei Allianz Global Investors, verweist darauf, dass die starke Entwicklung der vergangenen Jahre vor allem auf steigende Gewinne zurückzuführen sei.
«Die starke Performance des Bankensektors wurde bisher vor allem durch die robuste Ertragsentwicklung gestützt», sagte er.
Trotzdem würden viele europäische Institute weiterhin zu Bewertungen gehandelt, die unter jenen vergleichbarer Institute in anderen entwickelten Märkten liegen.
Gleichzeitig hätten sich die Geschäftsmodelle stabilisiert. Die Erträge seien heute wesentlich weniger volatil als noch vor einigen Jahren, was den Instituten zusätzliche Glaubwürdigkeit am Kapitalmarkt verschaffe.
Nach Einschätzung Bergers besteht deshalb weiterhin Potenzial für eine moderate Neubewertung des Sektors.
Europas Wirtschaft hält sich besser als erwartet
Unterstützung erhalten die Banken durch ein wirtschaftliches Umfeld, das sich bislang erstaunlich widerstandsfähig zeigt.
Christian Schulz, Chief Economist bei Allianz Global Investors, verwies auf die robuste Entwicklung der Weltwirtschaft trotz geopolitischer Krisen, Handelskonflikten und Inflationssorgen.
Die jüngste Entspannung im Nahen Osten und die Wiederöffnung der für die internationale Schifffahrt wichtigen Strasse von Hormus dürften die Risiken für die globale Konjunktur zusätzlich reduzieren.
Gleichzeitig bleibt das Wachstum durch die enormen Investitionen in künstliche Intelligenz gestützt. Die grossen Technologiekonzerne investieren derzeit hunderte Milliarden Dollar in Rechenzentren, Energieversorgung und digitale Infrastruktur.
Diese Ausgaben wirken wie ein zusätzlicher Konjunkturimpuls für die Weltwirtschaft.
KI schafft auch europäische Gewinner
Von diesem Trend profitieren nach Ansicht von Berger nicht nur amerikanische Technologiekonzerne.
Europa verfüge über zahlreiche Unternehmen, die für den Aufbau der KI-Infrastruktur unverzichtbar seien. Dazu zählen Hersteller von Stromversorgungssystemen, Energieinfrastruktur und Leistungselektronik.
Unternehmen wie Schneider Electric, Siemens Energy oder Infineon Technologies hätten sich bereits als wichtige Zulieferer für den weltweiten Ausbau von Rechenzentren etabliert.
Zudem seien europäische Aktienmärkte weniger stark von jenen Branchen abhängig, die durch künstliche Intelligenz unter Druck geraten könnten. Software- und Medienunternehmen spielen in Europa eine deutlich geringere Rolle als in den USA.
Neobanken bleiben unter Beobachtung
Als langfristige Herausforderung bezeichnete Marioni die zunehmende Bedeutung digitaler Banken.
Anbieter wie Revolut oder N26 würden zwar Marktanteile und Kundengelder gewinnen. Der entscheidende Wettbewerbsvorteil der traditionellen Institute liege jedoch weiterhin im Kreditgeschäft, meinte er.
Der Aufbau der dafür notwendigen Risiko-, Compliance- und Regulierungsstrukturen sei aufwendig und kapitalintensiv.
Kurzfristig sieht Allianz Global Investors deshalb keine ernsthafte Bedrohung für die etablierten europäischen Banken.

















