«Wall Street hat endlich den perfekten Analysten gefunden»

Die regional tätigen Banken in der Schweiz beurteilen ihre aktuelle Lage wieder etwas positiver als noch vor einem Jahr. Gleichzeitig nehmen die langfristigen Sorgen auf neue Rekordwerte zu: Das gilt etwa für Cyber-Security und hohe IT-Kosten. Besonders verschlechtert hat sich das Vertrauen der Regionalbanken in die Finma. Das geht aus der jüngst von schweizeraktien.net veröffentlichten 13. Bankenanalyse hervor (finews berichtete).

Voll auf KI gesetzt

Am Dienstag versammelte sich das Who is Who der Bankenvertreter zum Branchentalk im Hotel Schweizerhof in Bern. Die Themen KI, Generation Z und Kundengewinnung 2030 standen dabei im Fokus. Interessant: In der Umfrage massen die CEOs der Frage nach einer Wettbewerbsintensivierung durch Nicht-Banken kaum noch eine Bedeutung zu.

Für Serge Nussbaumer ein Stich ins Herz: «Warten Sie nur…!», meinte er verschmitzt lachend. Der Head Public Solutions von Maverix Securities aus Zürich und sein CIO Maurizio Porfiri zeigten, wie sie als Effektenhändler und Nicht-Bank bereits heute voll auf KI setzen. Nussbaumer: «Wir haben auch unsere gesamte Präsentation für heute mit ChatGPT gemacht.» Sogar der Titel stamme aus der Maschine: «Wall Street hat endlich den perfekten Analysten gefunden!»

Die beiden legten dar, wie früher in mühseliger Arbeit zusammengetragene Analystenmeinungen, Rechercheergebnisse, Kennzahlen und Berichte nun von KI in Sekundenschnelle für den Kunden aufbereitet werden können.

«Braucht es dann den spezialisierten Berater überhaupt noch? Braucht es überhaupt noch einen Menschen?», fragt Björn Zern, Gründer von schweizeraktien.net und Moderator der Veranstaltung. «Und ob», erwidert Porfiri. Es brauche künftig umso mehr topp ausgebildete Cracks. Der Grund: Noch mache die KI Fehler. In Bagatellsachen sei sie unglaublich zuverlässig. «Fehler passieren in hochkomplexen Situationen. Da braucht es einen langjährigen Profi mit Gschpüri, der sofort merkt: Das kann nicht stimmen!»


Kosten sparen – aber sicher?  

Mancher Banker, der sich in der Umfrage über steigende Kosten als eine der Hauptherausforderungen beklagte, machte grosse Augen, als die beiden Maverix-Chefs verrieten, was in der immer teurer werdenden IT mit KI gespart werden kann. Nussbaumer rechnete vor: «Wir haben zehn Entwickler. Dank KI erreichen sie bei ihrer Arbeit einen Faktor sechs. Das heisst: Sie leisten so viel wie andernorts 60 Entwickler.»

Etwas kleiner sei der Einfluss von KI im Portfoliomanagement: «Da gehen wir von einem Faktor drei oder vier aus.» So liessen sich Kosten sparen. «Aber ist das auch sicher?», wollte ein Bankenvertreter wissen. Nussbaumer und Porfiri versicherten, dass sie mit einer Quelle zusammenarbeiteten, die nur verifizierte Finanzdaten verwende.


Outsourcing neu gedacht  

So weit wie Maverix Securities sind die Banken noch nicht. Christian Bieri, Mitglied der Geschäftsleitung der InCore Bank und bei der Transaktionsbank auch für den Bereich B2B verantwortlich, ist überzeugt, dass KI die Outsourcing-Strategie von Banken verändert. Ein Proof of Concept zeige, wie cloudgestützte, agentenbasierte KI die Banken dabei unterstützen kann, Kunden effizienter einzuschätzen und dabei die erforderliche strenge Aufsicht und Kontrolle zu wahren. Die Lösung reduziere den manuellen Aufwand und unterstütze eine transparente Entscheidungsfindung. 

App in der Pipeline  

Nils Reimelt, Leiter Digital Banking bei der St. Galler Kantonalbank, stellte eine mögliche Variante einer KI-basierten App für Kunden vor. «Es dauert aber noch zwei, drei Jahre, bis es soweit ist.» In den Kinderschuhen stecke KI noch bei der Berner Kantonalbank BEKB, verriet GL-Mitglied Markus Schwab. «Und wir stecken noch in den Socken», sagte Bankleiter Erich Pfister von der Spar- und Leihkasse Wynigen lachend.

Generation Z im Fokus  

Schwab zeigte sich überrascht darüber, dass bei der Umfrage die Generation Z und die Millennials bei nur gerade 20 Prozent der Befragten im Fokus stehen. Für ihn ein Fehler: «Zwar generieren diese Jugendlichen aktuell noch keine hohen Erträge. Aber viele werden gute Ausbildungen machen und entsprechend verdienen – und schon in ein paar Jahren zu wichtigen Kundinnen und Kunden.» 

Schwab wie Pfister sind sich einig darüber, dass wer schon in jungen Jahren gute Erfahrungen mit einer Bank gemacht habe, dieser langfristig treu bleibe. «Es gibt von der Geburt bis zum Tod immer wieder bedeutende Ereignisse, in denen die physische Beratung gefragt und sinnvoll ist – und dann gibt es viele Standardaufgaben, die eine KI schneller und günstiger erledigen kann», erläutert Schwab.

Das Banking bleibe eine Vertrauenssache. Die Kunst bestehe darin, auch weiterhin qualifiziertes Bankenpersonal auszubilden, das in der Lage sei, die KI zu begreifen und das den Sachverstand habe, um Fehler zu entdecken, ergänzte Pfister.

Das Small-Talk-Fazit: Die Maschinen werden schlauer – aber die Menschen bleiben entscheidend. Wer KI als Werkzeug begreift und nicht als Ersatz, wird auch 2030 noch Kunden haben, die ihm vertrauen.


Finews ist Medienpartner des Branchentalks Banken von schweizeraktien.net