Nicht Raketenschild, sondern Schatzgrube: Grönlands neue geopolitische Rolle


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Wenn US-Vertreter über eine Kontrolle Grönlands sprechen, begründen sie dies meist mit nationaler Sicherheit. US-Präsident Donald Trump und Mitglieder seiner Regierung betonen wiederholt, eine Übernahme Grönlands sei zentral für das Projekt «Golden Dome», ein globales Raketenabwehrsystem mit bodengestützten Abfangraketen als Ergänzung zu weltraumgestützten Systemen.

Die bisherigen politischen und finanziellen Initiativen deuten jedoch auf ein deutlich plausibleres Motiv hin: die Sicherung von Metallen und Mineralien zur Wahrung der strategischen Autonomie der USA und ihres künftigen Wirtschaftswachstums.

Bausteine der Zukunft von morgen

Grönland verfügt über bedeutende Vorkommen an Seltenen Erden, kritischen Mineralien und Spezialmetallen – darunter Elemente mit beinahe futuristischen Namen wie Dysprosium, Yttrium und Terbium sowie bekanntere Übergangsmetalle wie Graphit, Kupfer, Zink und Nickel.

«Als EU-Mitglied könnte Dänemark grönländische Ressourcen auch für die EU beanspruchen.»

Diese Rohstoffe sind zentrale Vorprodukte für Magnete, Laser, Sensoren und Halbleiter, die für eine Vielzahl zukunftsweisender Technologien benötigt werden: von KI-Rechenzentren, Elektrofahrzeugen und autonomem Fahren über Robotik, Drohnen und Fabrikautomation bis hin zu Windturbinen, Solarzellen und Batteriespeichern für intelligente, resiliente Energienetze.

Chinas lässt die Muskeln spielen

China hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten seine Dominanz bei kritischen Mineralien systematisch ausgebaut. Heute kontrolliert das Land 60 bis 90 Prozent der Förderung und über 90 Prozent der Raffinierungskapazitäten. Diese Marktmacht wurde wiederholt geopolitisch genutzt – zuletzt 2024 und 2025 –, als Exportbeschränkungen globale Preissprünge auslösten und die Verwundbarkeit hoch entwickelter Lieferketten offenlegten. Das hat in Washington den Fokus auf eine stärkere Rohstoffunabhängigkeit weiter geschärft.

Grönland als langfristiger strategischer Faktor

Grönland ist zwar innenpolitisch weitgehend autonom, bleibt jedoch ein Territorium Dänemarks, das die Aussen- und Verteidigungspolitik kontrolliert. Die wirtschaftlichen Verflechtungen sind eng. Als EU-Mitglied könnte Dänemark grönländische Ressourcen auch für die EU beanspruchen. Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigt, dass 25 der 34 von der EU als «kritische Rohstoffe» eingestuften Mineralien in Grönland vorkommen.

Mit dem EU-Gesetz zu kritischen Rohstoffen setzt die EU bis 2030 das Ziel, 10 Prozent ihres Bedarfs selbst abzubauen, 40 Prozent zu verarbeiten und 25 Prozent zu recyceln, während die Abhängigkeit von einzelnen Ländern auf 65 Prozent begrenzt werden soll. Das bringt die EU in direkte Konkurrenz zu den USA, die ebenfalls ihre Rohstoffversorgung sichern wollen. Auch Washington greift zunehmend zu legislativen Massnahmen.

«China dominiert die nachgelagerte Raffinierung vieler kritischer Materialien.»

Der Inflation Reduction Act (2022) enthält sogenannte FEOC-Regeln (Foreign Entities of Concern): Elektrofahrzeuge verlieren staatliche Steuervergünstigungen, wenn ihre Batterien FEOC-Komponenten (ab 2024) oder FEOC-bezogene kritische Mineralien (ab 2025) enthalten. Das Gesetz hat hat dazu beigetragen, den heimischen Bergbau und die Raffinierungskapazitäten anzukurbeln sowie verlässliche Lieferketten mit rohstoffreichen Partnerländern wie Australien – und möglicherweise künftig Grönland – gestärkt.

Auch China zeigt Interesse an Grönland, unter anderem im Rahmen der «Polaren Seidenstrasse», die den Zugang zu arktischen Seewegen und Ressourcen sichern soll. Chinesische Unternehmen versuchten bereits, sich an grönländischen Bergbauprojekten zu beteiligen, stiessen dabei jedoch auf Widerstand aus Dänemark, den USA und Grönland selbst.

Rohstoffe entscheiden über die Zukunft

Der Zugang zu Seltenen Erden, kritischen Metallen und Spezialmaterialien bestimmt massgeblich das Tempo von Elektrifizierung, intelligenten Stromnetzen, Fabrikautomation und KI-gestützten Technologien. Unabhängig vom weiteren geopolitischen Verlauf ist der globale Wettlauf um diese Rohstoffe eröffnet – und wird so schnell nicht enden.

Angebotsengpässe treiben Preise

Während die Nachfrage stark steigt, bleibt das künftige Angebot unsicher. Der Aufbau neuer Minen ist langwierig und komplex: In der Regel vergehen 15 bis 25 Jahre, bis neue Projekte die volle Produktionskapazität erreichen. Gleichzeitig dominiert China weiterhin die nachgelagerte Raffinierung vieler kritischer Materialien.

«Ohne Zugang zu strategischen Rohstoffen können Volkswirtschaften weder dekarbonisieren noch digitalisieren.»

Obwohl die USA und Europa Teile ihrer Industrie zurückholen, sind diese Prozesse teuer und langsam. Grönlands Bedeutung ist daher strategisch langfristig – keine kurzfristige Lösung. Die Folge ist ein strukturelles Ungleichgewicht zwischen steigender Nachfrage und begrenztem Angebot: wachsende Kupferdefizite, Lithiumpreise auf höherem Niveau, verbesserte Margen für Produzenten seltener Erden und anhaltende Preisaufschläge für heimische Anbieter. Knappheit wird damit selbst zu einem Investmentthema.

Implikationen für Investoren

Die Nachfrage nach Materialien beschleunigt sich – getrieben durch Elektrifizierung, KI-Expansion, rasche Fortschritte in der Robotik und zunehmende Automatisierung. Anhaltende Angebotsengpässe, verstärkt durch geopolitische Spannungen, stärken die Preissetzungsmacht im gesamten Sektor. Gleichzeitig bleiben die Bewertungen im Rohstoff- und Materialsegment attraktiv und bieten erhebliches, langfristiges Aufwärtspotenzial, da die Gewinne der Unternehmen weiter wachsen.

Der Handlungsbedarf ist offensichtlich. So wie Öl das vergangene Jahrhundert geprägt hat, werden Materialien das nächste bestimmen. Der geopolitische Fokus auf Grönland ist lediglich ein sichtbares Symptom einer grösseren Realität: Ohne verlässlichen Zugang zu strategischen Rohstoffen und den entsprechenden Verarbeitungstechnologien können Volkswirtschaften weder dekarbonisieren noch digitalisieren, automatisieren oder ihre Sicherheit gewährleisten.


Pieter Busscher ist Head of Thematic Investing Energy/Mobility/Materials bei Robeco.