Boxenstopp Mond: Die nächste industrielle Revolution findet im All statt
Interessanterweise könnte ein Grossteil zukünftiger Mondsiedlungen unterirdisch entstehen, sagt Korp. Zwar wird derzeit an Oberflächenhabitaten gearbeitet, doch die starke Strahlung auf dem Mond macht langfristiges Leben an der Oberfläche problematisch. Deshalb tendieren Wissenschaftler zunehmend zu der Idee, Astronauten in unterirdischen Lavatunneln auf dem Mond leben zu lassen.
Die neue Wirtschaft im Orbit
Die Gründe für das neu entfachte Interesse am Weltraum sind vielfältig.
«Die nächste industrielle Revolution findet im All statt», erklärt Oliver Ullrich. Er ist Chairman des Center for Space and Aviation Switzerland and Liechtenstein (CSA) und leitet seit mehr als zwei Jahrzehnten Forschungsprojekte für ESA- und Nasa-Missionen.
«Die Menschheit erlebt derzeit einen Wandel im niedrigen Erdorbit, vergleichbar mit der Entwicklung der Luftfahrt vor hundert Jahren: Der Weltraum entwickelt sich von einem Ort der Exploration zu einer Infrastruktur. So wie die Luftfahrt im 20. Jahrhundert Transport, Handel, Tourismus, Logistik und globale Wertschöpfungsketten verändert hat, entsteht nun im niedrigen Erdorbit eine neue wirtschaftliche Ebene für das 21. Jahrhundert.»
«Heute kostet der Transport von Nutzlasten zur Internationalen Raumstation im niedrigen Erdorbit noch rund 2'000 bis 2'500 US-Dollar pro Kilogramm», sagt er. Künftig könnten die Kosten durch das SpaceX-Starship von Elon Musk jedoch auf unter 100 Dollar pro Kilogramm sinken.

SpaceX-Gründer Elon Musk. (Bild: Shutterstock)
«Innerhalb weniger Jahre könnten die Kosten für den Transport von Fracht in den niedrigen Erdorbit auf ein Niveau sinken, das mit dem Versand von Waren von Europa in die USA oder nach Australien vergleichbar ist», sagt Ullrich.
«Das würde eine der grössten Hürden beseitigen, die uns bislang daran gehindert hat, den niedrigen Erdorbit als echte Plattform für Forschung, Produktion und medizinische Innovation zu nutzen.» Die Produktion von Technologien und Medikamenten, die das Leben auf der Erde verbessern könnten, würde dadurch massiv erleichtert. Viele Pharmakonzerne bereiteten sich bereits auf diese neue industrielle Ära vor, sagt er.
Zu den Technologien und Branchen, die sich dadurch verändern könnten, zählen Halbleiter der nächsten Generation, bei denen Mikrogravitation das Kristallwachstum, Dünnschichtstrukturen und ultra-reine elektronische Materialien verbessert.
Ebenso werden Fortschritte bei Plattformen zur Erforschung des Immunsystems sowie beim Züchten von Organen unter Schwerelosigkeit erwartet.
Für Raumhabitate entwickelte geschlossene Lebenserhaltungssysteme – darunter Wasserrecycling, Luftreinigung, Abfallumwandlung und weitere Technologien der Kreislaufwirtschaft – könnten künftig breite Anwendung auf der Erde finden. Auch autonome Robotik und KI-gesteuerte Prozesse dürften sich stark weiterentwickeln und Labore, Fabriken, Logistiknetzwerke oder Notfallinfrastrukturen mit minimalem menschlichem Eingriff betreiben.
Forschung im All zu Landwirtschaft und Ernährungssystemen könnte zudem kontrollierte Indoor-Landwirtschaft, Pflanzenstress-Biologie und widerstandsfähige Nutzpflanzen für extreme Bedingungen auf der Erde vorantreiben.
Darüber hinaus könnte die Branche Fortschritte bei Erdbeobachtung und Klima-Intelligence beschleunigen – etwa bei der Überwachung von Landwirtschaft, Ozeanen, Wäldern, Naturkatastrophen, Infrastruktur und langfristigem Klimawandel.
Klimawandel: Eine Lösung aus dem All?
Tatsächlich war dies eine der spannendsten Erkenntnisse aus unseren Gesprächen: Die Antwort auf den Klimawandel könnte im Weltraum liegen. Weltraumgestützte Solarenergie über Satelliten im Orbit könnte einen enormen Einfluss auf das Klima auf der Erde haben.
«Man kann rund um die Uhr Energie von der Sonne sammeln und diese anschließend zur Erde übertragen. Das ist keine Science-Fiction, sondern Mikrowellentechnologie», erklärt Korp. «Das ist real und kann jetzt schon Wirklichkeit werden. Für jeden, der den Mut hat, in weltraumgestützte Solarenergie zu investieren», erklärt Korp.
Laut dem World Economic Forum hat Caltech bereits erfolgreich einen Prototyp getestet. China plant derweil ein kilometergroßes Solarfeld im Orbit bis 2028, während Japan seit Jahren zu den Vorreitern auf diesem Gebiet zählt.
Darüber hinaus könnten Emissionen und Schadstoffe künftig ebenfalls ins All ausgelagert werden.
«Es ist ziemlich schwer, Rechenzentren auf dem Mond zu hacken oder zu bombardieren.»
Experten des Future Investments Circle zufolge wollen Persönlichkeiten wie Jeff Bezos Schwerindustrie auf den Mond oder in den niedrigen Erdorbit verlagern, um die Umweltverschmutzung auf der Erde zu reduzieren.
Ähnliche Überlegungen gibt es für KI-Rechenzentren, die den CO₂-Ausstoss massiv erhöhen und durch ihre Wärmeentwicklung sogenannte Heat Islands erzeugen.
Das habe jedoch auch Sicherheits- und Verteidigungsaspekte, sagt Korp. Sie verweist auf mehrere Rechenzentren grosser US-Cloudanbieter, die im März während des Iran-Kriegs bombardiert worden seien. «Es ist ziemlich schwer, Rechenzentren auf dem Mond zu hacken oder zu bombardieren», sagt sie.
«Die Zeitverzögerung bei der Datenübertragung schafft einen Puffer, der Hackerangriffe erschwert.»















