Pimco warnt vor neuer Bewährungsprobe für Europa

Die Iran-Krise verschärft den Zielkonflikt für Europas Wirtschaftspolitik. Höhere Energiepreise dürften die Inflation antreiben und gleichzeitig das Wachstum bremsen. Nach Einschätzung von Peder Beck-Friis, Senior Vice President und Ökonom in der Londoner Niederlassung von Pimco mit Schwerpunkt Europa, ist der Effekt klar: «Wachstum niedriger, Inflation höher.»

Als grobe Grössenordnung nennt Beck-Friis einen Inflationsimpuls von rund einem Prozentpunkt und eine Belastung des Wachstums von etwa einem halben Prozentpunkt – sowohl für die Eurozone als auch für Grossbritannien. Damit bleibe das Wachstum zwar positiv, liege aber unter dem Trend.

Anders als 2022

Entscheidend ist für Pimco jedoch, dass die Lage nicht mit dem Inflationsschock nach Russlands Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 gleichgesetzt werden sollte.

Damals sei die Inflation bereits vor Kriegsausbruch über dem Zielwert gelegen. Zudem hätten umfangreiche fiskalische Hilfsprogramme und hohe Ersparnisse der Haushalte die Nachfrage gestützt und die Arbeitsmärkte stark angespannt.

Heute sei das Umfeld fragiler. Die Arbeitsmärkte seien weniger robust, insbesondere in Grossbritannien. Deshalb sei das Risiko von Zweitrundeneffekten bei Löhnen und Preisen geringer als vor vier Jahren.

Weniger Spielraum für Fiskalpolitik

Auch die Fiskalpolitik dürfte diesmal zurückhaltender reagieren. Beck-Friis verwies darauf, dass der fiskalische Spielraum in vielen Ländern begrenzt sei. Deshalb sei eher mit gezielten Entlastungen als mit breit angelegten Hilfsprogrammen zu rechnen.

Das verringere zwar die Gefahr zusätzlicher Inflationsimpulse, lasse Haushalte und Unternehmen aber stärker mit den Folgen höherer Energiepreise allein.

Europa ist widerstandsfähiger geworden

Trotz der neuen Belastungen sieht Pimco die Eurozone heute institutionell deutlich besser aufgestellt als während der Staatsschuldenkrise.

Energie

Die Entladung eines LPG-Tankschiff im Hafen. Die Enegieimporte bleiben eine grosse Herausforderung für Europa.  (Bild: Shutterstock)

Konstantin Veit, Executive Vice President, Portfoliomanager und Leiter der European Rates- und Short-Term Desks, verwies auf eine Reihe von Stresstests der vergangenen Jahre – von der Pandemie über den Inflationsschock bis hin zur Energiekrise. Die Währungsunion habe darauf zwar meist reaktiv, aber insgesamt überzeugend reagiert.

«Die Eurozone ist heute widerstandsfähiger als vor zehn Jahren», sagte Veit sinngemäss.

Eine vollständige Fiskal- und politische Union erwartet Pimco zwar nicht. Fortschritte seien aber in Bereichen wie Bankenunion, Kapitalmarktunion, Regulierung, Energiemärkte und Verteidigung möglich.

Europa muss sich neu erfinden

Langfristig sieht Pimco Europas grösste Herausforderung in seinem bisherigen Geschäftsmodell. Europa sei zu stark abhängig gewesen von externer Sicherheit, Energieimporten, Exportmärkten und globaler Nachfrage.

Diese Abhängigkeiten müssten schrittweise reduziert werden. Daraus entstehe aber auch eine Chance.

Europa könne durch mehr Integration, stärkere Kapitalmärkte und geringere strategische Abhängigkeiten an Attraktivität gewinnen. Wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde formuliert habe, werde der Euro seine grössere internationale Rolle nicht automatisch erhalten, sondern müsse sie sich verdienen.

Für Anleger bleibt Europa damit ein Markt zwischen struktureller Verwundbarkeit und institutioneller Resilienz. Die Iran-Krise ist der nächste Test.