Vermögensverwaltung im Umbruch: Welche Rolle die Banken spielen

Gemessen an den betreuten Vermögen spielen die gut 1'300 unabhängigen Vermögensverwalter (UVV) in der Schweiz in einer Liga, die selbst von Finanzplatz-Kennern oft unterschätzt wird. Hochrechnungen auf Basis der aktuellen Branchenstudie von Christoph Künzle legen nahe, dass die hiesigen UVV zusammengenommen 887 Milliarden Frankenan Kundengeldern verwalten.

Doch die Branche ist im Umbruch. Ungelöste Nachfolgefragen, steigende Fixkostenblöcke und Konsolidierungsdruck zwingen sie zu strategischen Weichenstellungen. Für Banken eröffnet das die Chance, UVV gezielt zu unterstützen und die Zusammenarbeit nachhaltig auszubauen.

Der Finance Circle am 8. Juni, eine Veranstaltung der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und des Zürcher Bankenverbandes (ZBV), widmet sich der Frage, welche Rolle Banken im Strukturwandel der unabhängigen Vermögensverwaltung einnehmen können. Alain Gallati, Market Head Pictet Asset Services Deutschschweiz, und Michel Yigit, Head External Asset Managers, LGT Bank Schweiz, geben vorab eine Einschätzung.

Mehrere Belastungsfaktoren wirken gleichzeitig

«Die grössten Herausforderungen liegen derzeit in der Ballung mehrerer Belastungsfaktoren», erklärt Yigit und nennt etwa strengere Regulierung, steigende Fixkosten, Fachkräftemangel, Nachfolgefragen und höhere Kundenerwartungen an Service und Digitalisierung als Stichworte.

Gallati hebt insbesondere die regulatorischen Veränderungen hervor: Die Einführung von Fidleg und Finig habe Eintrittshürden und laufenden Aufwand für UVV deutlich erhöht. Die Anforderungen an Governance, Risikomanagement, Compliance und Reporting stiegen stetig – und treffen vor allem kleinere Anbieter über die Fixkosten. Ein weiteres zentrales Thema sei die Digitalisierung.

Beide Bankenvertreter sehen darin einen Auftrag an die eigene Branche. «Die Rolle der Bank geht heute über die klassische Depotbankfunktion hinaus», erläutert Yigit. Gefragt seien Partner, die im Hintergrund entlasten, integrieren und Komplexität reduzieren – beim Risikomanagement, bei Prozessen, beim Reporting, bei Schnittstellen und in der täglichen Zusammenarbeit.

Skalierungsdruck trifft vor allem die Kleinen

Über die Hälfte der UVV in der Schweiz beschäftigt weniger als zehn Vollzeitstellen. Für diese Gruppe verschärft sich die Lage zusätzlich. «Kleinere Strukturen bedeuten weniger Skalierbarkeit», sagt Gallati. Das Outsourcing nicht-strategischer Aufgaben wie Compliance, IT oder Reporting werde zur Überlebensfrage.

Yigit beobachtet denselben Effekt: «Die regulatorischen Anforderungen steigen unabhängig von der Unternehmensgrösse, während die personellen und finanziellen Ressourcen naturgemäss begrenzt sind.» Hinzu komme oft eine hohe Abhängigkeit von Schlüsselpersonen sowie Nachfolgefragen.

Gallati sieht die Antwort im Boutique-Ansatz: Kleinere UVV müssen sich konsequent fokussieren – sei es auf bestimmte Zielländer, auf Asset Management als Schwerpunkt oder auf wenige, dafür eng integrierte Partnerbanken. Wer sein Geschäftsmodell entsprechend ausrichte, könne sich auch in einem anspruchsvolleren Umfeld behaupten. Yigit ergänzt: «Nicht jeder UVV kann in AI, Automatisierung oder Plattformintegration selbst in ausreichendem Umfang investieren.» Umso wichtiger seien Partner, die solche Fähigkeiten zugänglich machten – damit sich der UVV auf das konzentrieren könne, was ihn wirklich differenziere: Kundennähe, Beratung und unternehmerisches Vertrauen.

Banken als Wegbereiter im Strukturwandel

Bei über der Hälfte der Vermögensverwalter ist die Nachfolge ungeklärt. Aus Sicht von Yigit ist die daraus folgende Konsolidierung nicht primär ein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck eines reiferen Marktes: «Regulierung, Fixkosten, Talentfragen und Nachfolge führen dazu, dass sich Geschäftsmodelle klarer bewähren müssen.»

«Die besten Banken verstehen sich als Enabler, die unabhängige Vermögensverwalter mit massgeschneiderten Dienstleistungen, innovativen Technologien und regulatorischer Expertise unterstützen», sagt Gallati. Die Nachfolgefrage stelle sich dabei auf zwei Ebenen. Auf Kundenseite gehe es um den Generationenwechsel: Mit Blick auf Gen Z und Gen Alpha veränderten sich Bedürfnisse und Erwartungen an die Vermögensverwaltung deutlich. Banken hätten bereits Erfahrungen mit der nächsten Generation gesammelt und könnten UVV hier strategisch beraten. 

Auf Ebene der UVV selbst sieht Gallati Banken in einer aktiv vermittelnden Rolle. Spezialisierte UVV-Desks könnten zwischen Vermögensverwaltungen vermitteln, wenn sich Matches bei Persönlichkeit, Zielmärkten oder Investment-Philosophie abzeichneten. Und gegenüber ihren Partnern könnten Banken stärker einbringen, dass eine geregelte Nachfolge auch im Sinne der Endkunden sei.

Yigit teilt diese Perspektive: «Banken sollten in diesem Strukturwandel nicht als blosse Beobachter auftreten, sondern als verlässliche Wegbereiter und verlässliche Sparringspartner.» Gerade in Nachfolgesituationen sei Verlässlichkeit zentral, für den Unternehmer selbst, aber auch für dessen Endkunden.

Wachstum durch Partnerschaft

Beide Experten sind sich einige, dass die konkrete Wachstumschance nicht in der Standardisierung, sondern in der gemeinsamen Stärkung der UVV-Unabhängigkeit liegt. «Die grössten Wachstumschancen für UVV liegen in der Personalisierung ihrer Dienstleistungen», sagt Gallati. Kunden wünschen sich eine kontinuierliche Betreuung mit wenig Fluktuation. Die Nachfrage nach unabhängiger Beratung bleibe ungebrochen, der Boutique-Ansatz sei für viele zentral. Eine holistische Betreuung, etwa durch umfassende Finanzplanung für die Babyboomer-Generation, fördere die Kundenbindung. Und Kooperationen mit Banken, Custodians und Fintechs würden zunehmend zum Erfolgsfaktor werden.

Yigit beschreibt das gleiche Bild: «Die grössten Wachstumschancen liegen dort, wo Banken UVV als komplementäre Geschäftspartner verstehen und sie dabei unterstützen, unternehmerisch erfolgreich zu bleiben.» Das Potenzial sei besonders gross bei Partnerschaften, die über die reine Verwahrung hinausgingen: Durch modulare Produktepaletten, schnellere Prozesse, internationale Anschlussfähigkeit und spezialisierte Services.

Damit das funktioniert, müssen Banken laut Yigit vier Voraussetzungen erfüllen: eine klare strategische Verankerung des UVV-Geschäfts, Investitionen in Service und Digitalisierung, finanzielle Stärke für Technologie-Investitionen sowie kulturelle Passung. «In einem Markt, in dem Basisleistungen vergleichbar werden, entscheiden am Ende Vertrauen, Werte und echte Partnerschaft.»

Was die Branche künftig prägen wird

Für Yigit sind es fünf Themen, die die Branche in den kommenden Jahren beschäftigen werden: Professionalisierung und Konsolidierung, Nachfolge auf beiden Ebenen, Technologie und AI, zunehmende regulatorische Komplexität – und schliesslich Vertrauen als bleibender Differenzierungsfaktor.

Gallatis Fazit fällt zuversichtlich aus: «Die Vorteile der Unabhängigkeit, die persönliche Beratung und die Alignierung der Interessen bieten nach wie vor sehr gute Chancen, ergänzt durch einen hervorragenden Standort mit politischer Stabilität.» Yigit pflichtet bei: «Die Zukunft gehört jenen UVV und Banken, die unternehmerisches Denken, persönliche Nähe und professionelle Exzellenz glaubwürdig miteinander verbinden.»

Erfahren Sie mehr über die Zukunft der unabhängigen Vermögensverwaltung und die Frage, wie Banken und UVV den Strukturwandel gemeinsam als Wachstumschance nutzen können – im Austausch mit führenden Expertinnen und Experten.

Hier geht es direkt zur Anmeldung für den Finance Circle am 8. Juni.