ING Schweiz: «Banken müssen heute strategische Sparringspartner sein»

ING Schweiz feierte unlängst sein 30 jähriges Bestehen in der Schweiz. «Wir zählen nicht zu jenen Auslandbanken, die nur kommen, wenn es rund läuft. Wir sind für unsere Kunden auch in herausfordernden Zeiten da», hebt Gregory Lambillon, Country Manager der ING Wholesale Banking Schweiz, beim Treffen mit finews hervor. Werte, die laut Lambillon immer entscheidender werden. 

Drei Jahrzehnte nach dem Aufbau ihres Wholesale-Banking-Geschäfts in der Schweiz sieht er die Unternehmenswelt vor einem grundlegenden Wandel. Während früher alle fünf bis zehn Jahre ein einschneidendes Ereignis die Märkte erschütterte, reihten sich heute geopolitische und wirtschaftliche Krisen beinahe jährlich aneinander.

Bankgeschäft vor tiefgreifender Veränderung 

«Die Welt ist deutlich komplexer und fragmentierter geworden», sagt Lambillon. Handelskonflikte, regionale Kriege, politische Unsicherheit und technologische Umbrüche würden Unternehmen permanent unter Anpassungsdruck setzen.

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Im Juni konnte ING sein 30-Jahr-Jubiläum in der Schweiz feiern. (Bild: zVg)

Besonders die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz werde das Bankgeschäft ähnlich tiefgreifend verändern wie einst das Internet. «Innerhalb von fünf Jahren wird KI in praktisch jeden operativen und geschäftlichen Prozess integriert sein», erwartet er.

Vom Kreditgeber zum strategischen Berater

Mit dieser Entwicklung verändere sich auch die Rolle der Banken grundlegend. Reines Kreditgeschäft genüge heute nicht mehr.

Stattdessen gehe es darum, Unternehmen auf geopolitische Risiken vorzubereiten, Lieferketten robuster zu gestalten, Liquidität sicherzustellen und Produktionsstandorte international breiter aufzustellen. Themen wie Nearshoring, Währungsabsicherung oder alternative Finanzierungsstrukturen würden immer wichtiger.

«Unsere Aufgabe besteht darin, Kunden durch wirtschaftliche Zyklen zu begleiten und ihnen zu helfen, Veränderungen frühzeitig zu antizipieren», sagt Lambillon.

Dabei unterscheide sich ING bewusst von klassischen Strategieberatungen. Die Bank entwickle keine Unternehmensstrategien, begleite Kunden jedoch bei deren Umsetzung und stelle gleichzeitig Finanzierung, internationales Netzwerk und lokale Expertise zur Verfügung.

Schweiz bleibt strategischer Standort

Trotz der zunehmenden Unsicherheit beurteilt Lambillon die Position der Schweiz grundsätzlich positiv. Das Land profitiert weiterhin von erheblichen Wettbewerbsvorteilen, die vom Asset Management und der Rohstofffinanzierung bis hin zu seinem weltweit anerkannten Pharmasektor reichen.

Entscheidend sei jedoch, dass die Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibe.

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Gregory Lambillon von ING Schweiz. (Bild: zVg)

Nach dem Wegfall der Credit Suisse habe sich insbesondere bei Dienstleistungen für Banken und Vermögensverwalter zusätzlicher Bedarf ergeben. Viele Institute seien auf internationale Partner angewiesen – etwa für Korrespondenzbankgeschäfte, Clearing, Hedging oder den Zugang zu den globalen Kapitalmärkten.

Gerade das Geschäft mit Asset Managern, Versicherungen und Private-Markets-Investoren entwickle sich derzeit besonders dynamisch. Dieses Segment gehöre inzwischen zu den am schnellsten wachsenden Bereichen der ING Schweiz.

Warnung vor Überregulierung

Lambillon zeigt sich zunehmend besorgt über die wachsende regulatorische Belastung der globalen Bankenbranche.

Übermässige Regulierung sei kein rein schweizerisches Problem, schränke Banken jedoch weltweit in ihrer eigentlichen Funktion ein: Kapital effizient in die Realwirtschaft zu lenken.

Aus Sicht der Branche brauche die Schweiz deshalb weiterhin verlässliche und international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen.

Pharma bleibt eine Schlüsselbranche

Ein zentrales Wachstumsfeld von ING Schweiz bleibt die Pharma- und Gesundheitsindustrie. Für diesen Bereich unterhält die Bank ein eigenes Spezialistenteam, das Schweizer Unternehmen mit Experten aus dem globalen Netzwerk zusammenbringt.

Lambillon sieht die Branche trotz zunehmender Konkurrenz aus China und Indien weiterhin gut positioniert. Gerade Forschung und Entwicklung gehörten unverändert zu den grossen Stärken der Schweiz.

Gleichzeitig werde der internationale Wettbewerb härter. Während asiatische Unternehmen früher vor allem Generika produzierten, rückten sie dank KI und beschleunigten Entwicklungsprozessen zunehmend auch in den Markt innovativer Medikamente vor.

Die Antwort darauf könne nur lauten, die Innovationskraft weiter auszubauen und internationale Produktions- und Forschungsnetzwerke intelligent zu nutzen.

Datenzentren und Energiewende als Wachstumsmotoren

Weltweit investiert ING stark in Zukunftssektoren wie Datenzentren, Energieinfrastruktur und Energiewende. Gerade der Ausbau leistungsfähiger Rechenzentren gehöre inzwischen zu den wichtigsten globalen Investitionsfeldern.

Während viele Projekte zunächst in den USA entstanden seien, verlagere sich das Wachstum nach Asien, wo mehr verfügbare Flächen und attraktive Rahmenbedingungen vorhanden seien.

Für ING sind Datenzentren, erneuerbare Energien und Infrastruktur langfristige Wachstumsfelder, die unmittelbar mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz verbunden seien.

Ambitionierte Wachstumspläne

In der Schweiz will ING die Marktposition in den kommenden fünf Jahren deutlich ausbauen.

Besonders stark wachsen sollen das Geschäft mit Asset Managern, Private-Markets-Investoren und Family Offices sowie die Finanzierung von Infrastruktur-, Energie- und Gesundheitsprojekten. Zudem will die Bank ihre Präsenz bei mittelgrossen internationalen Unternehmen weiter verstärken.

Nach eigenen Angaben befinden sich derzeit mehr als ein Dutzend strategische Projekte in Umsetzung, die das Wachstum der Schweizer Organisation beschleunigen sollen.

Internationale Talente als Wettbewerbsvorteil

Parallel investiert ING gezielt in den Aufbau neuer Fachkräfte. Die Schweizer Organisation beschäftigt inzwischen Mitarbeitende aus 31 Nationen und arbeitet eng mit Universitäten in Genf, Zürich und Lausanne zusammen.

Besonders etabliert ist das Ausbildungsprogramm mit der Universität Genf, deren spezialisierter Masterstudiengang für Rohstoffhandel jährlich mehrere Absolventen in ein 18-monatiges Rotationsprogramm bei ING führt.

Für Lambillon wird neben fachlichem Know-how künftig vor allem Anpassungsfähigkeit entscheidend sein.

«Die Karriere der Zukunft besteht nicht mehr darin, zehn oder fünfzehn Jahre dieselbe Funktion auszuüben», sagt er. Gefragt seien Mitarbeitende, die Technologie, Datenkompetenz und Kundenverständnis miteinander verbinden und bereit seien, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.