«Aktives Management beginnt dort, wo der Konsens endet»

Frau Ducat, in einem Umfeld zunehmender Standardisierung und steigenden Kostendrucks: Wo sehen Sie heute den konkret Mehrwert eines aktiven Asset Managers?

Die Diskussion über aktives Asset Management wird häufig auf eine einzige Frage reduziert: Kann man nach Kosten einen Index übertreffen? 

Wir sind der Ansicht, dass diese Definition zu kurz greift. In einem zunehmend standardisierten und kostenbewussten Umfeld suchen langfristig orientierte Kunden nicht nur nach Rendite, sondern auch nach Orientierung in einer Welt, in der sich das wirtschaftliche Umfeld rasant verändern und Unsicherheit strukturell höher geworden ist.

Unsere Rolle geht deshalb weit über die reine Kapitalallokation hinaus. Wir unterstützen unsere Kunden dabei, Veränderungen zu interpretieren und fundierte Entscheidungen zu treffen. Letztlich werden in einer Welt, in der Produkte zunehmend standardisiert sind, Erkenntnisse, Urteilsvermögen und Partnerschaft zu den eigentlichen Differenzierungsfaktoren.

Welche Bereiche sind aus Ihrer Sicht besonders anfällig für «Commoditization» – und wo kann aktives Management noch nachhaltig Alpha generieren?

Commoditization ist eine natürliche Entwicklung, wenn Investoren Zugang zu Risiken suchen, die bereits gut verstanden und klar definiert sind. 

Geht es um eine breite Aktienmarkt-Exponierung, Sektorallokationen oder benchmarkorientierte Fixed-Income-Anlagen, sind kostengünstige passive Lösungen häufig sehr effizient und zweckmässig. In diesen Bereichen steht der Mehrwert des aktiven Managements verständlicherweise unter Druck. 

«Unser Ansatz besteht nicht darin, Skalierung abzulehnen, sondern ihre Grenzen zu erkennen.»

Die spannendsten Anlagefragen liegen heute jedoch genau dort, wo kein Konsens besteht und die künftige Wertschöpfung unsicher ist. Dies trifft zunehmend auf Bereiche zu, die von strukturellen Transformationen geprägt werden, etwa die Transition Economy, Veränderungen von Ressourcen-Systemen oder neue industrielle Modelle. Passives Investieren bildet die Wirtschaft so ab, wie sie heute besteht. Aktives Investieren versucht, die Wirtschaft von morgen zu identifizieren. Dies erfordert die Bereitschaft, bestehende Annahmen zu hinterfragen, eigene Überzeugungen zu entwickeln und mit erhöhter Unsicherheit umzugehen.

Lombard Odier Investment Managers setzt stark auf Spezialisierung. Wie kann sich dieses Modell langfristig behaupten, Stichwort Skalenvorteile grösserer Anbieter?

Skalierung war in den vergangenen Jahrzehnten eine der dominierenden Kräfte im Asset Management und hat hinsichtlich Effizienz und Kostenreduktion klare Vorteile gebracht. Allerdings basiert Grösse häufig auf Standardisierung. 

Während Standardisierung die Effizienz verbessert, kann sie die Anlageergebnisse beeinträchtigen, wenn die kostengünstige Umsetzung zum zentralen Kriterium für Allokationsentscheidungen wird. In komplexen und sich wandelnden Märkten kann eine aus Kostengründen getriebene zu starke Vereinfachung die Risiko-Rendite-Eigenschaften eines Portfolios einschränken.

Unser Ansatz besteht nicht darin, Skalierung abzulehnen, sondern ihre Grenzen zu erkennen. Wir sind überzeugt, dass Spezialisierung dann einen nachhaltigen Mehrwert schafft, wenn sie zu einem tieferen und präziseren Verständnis führt.Unser Ziel ist nicht, um der Differenzierung willen anders zu sein, sondern Anlagelösungen zu entwickeln, die den Wandel wirtschaftlicher Systeme genauer abbilden.

Welche Rolle spielen strukturelle Transformationen, beispielsweise im Zusammenhang mit der «Transition Economy», in Ihrer Anlagestrategie und in der Asset Allocation Ihrer Kunden?

Strukturelle Transformationen stehen im Zentrum der Frage, wie Wertschöpfung in der globalen Wirtschaft entsteht und neu verteilt wird. Sie beeinflussen Energiesysteme, industrielle Prozesse, die Lebensmittelproduktion, das Gesundheitswesen und die Finanzinfrastruktur. Gleichzeitig prägen sie Regulierung, Kapitalflüsse und Wettbewerbsdynamiken in nahezu allen Sektoren. 

Die meisten traditionellen Anlageansätze beginnen bei einzelnen Unternehmen und beurteilen deren Attraktivität anhand aktueller Fundamentaldaten und historischer Trends. 

Wir verfolgen einen anderen Ansatz. Wir analysieren zunächst die Entwicklung wirtschaftlicher Systeme und fragen uns, wohin sich Wertschöpfung in den kommenden zehn Jahren verlagern dürfte, welche Aktivitäten zunehmend unter Druck geraten und welche Lösungen als Antwort auf globale Herausforderungen entstehen. 

«Nachhaltigkeit wird häufig als Reporting-Rahmen oder als Satz von Restriktionen verstanden. Für uns ist Nachhaltigkeit etwas anderes.» 

Das Verständnis struktureller Transformationen bildet somit den Rahmen, innerhalb dessen wir die Zukunft interpretieren. Diese systemische Perspektive ermöglicht es uns, Chancen und Risiken zu identifizieren, die auf Unternehmensebene häufig noch nicht vollständig eingepreist sind. Das hilft uns letztlich dabei, den Fokus von der Analyse der Gegenwart auf die Antizipation künftiger Wertschöpfung zu verlagern.

Lombard Odier betont, dass nachhaltiges Investieren kein Label, sondern eine Research-Engine ist. Was bedeutet das konkret für den Investmentprozess, und wie unterscheidet sich dieser Ansatz von klassischen ESG-Ansätzen?

Nachhaltigkeit wird häufig als Reporting-Rahmen oder als Satz von Restriktionen verstanden, die einem ansonsten konventionellen Anlageprozess hinzugefügt werden. 

Für uns ist Nachhaltigkeit etwas anderes. Nachhaltiges Investieren ist ein Ansatz mit einem Forschungsrahmen, der tief in der Fundamentalanalyse und den wirtschaftlichen Realitäten verankert ist.

Wir beobachten, dass viele der heutigen wirtschaftlichen Systeme – Energie, Materialien, Ernährung, Gesundheit und Natur – zunehmend unter Druck stehen. Diese Herausforderungen führen nicht nur zu Problemen, sondern auch zu Innovationen und neuen Lösungen. Wenn grosse Herausforderungen bessere Lösungen hervorbringen, beginnen sich wirtschaftliche Systeme zu transformieren. Wertschöpfungsketten werden neu organisiert, neue Marktführer entstehen und bestehende Akteure geraten unter Druck.

Unser Research beginnt deshalb bei den Herausforderungen und den Lösungen. Dadurch können wir besser verstehen, wo künftig Wertschöpfung entstehen wird. Nachhaltigkeit ist in diesem Kontext keine Einschränkung des Anlageuniversums, sondern ein analytisches Instrument zur Identifikation künftiger Renditequellen über ein breites Spektrum von Branchen und Sektoren hinweg.

Wo sehen Sie derzeit die grössten Fehlbewertungen im Zusammenhang mit der Transition Economy und wie lassen sich diese systematisch identifizieren und nutzen?

Viele der grössten Fehlbewertungen in der Transition Economy entstehen daraus, dass Märkte dazu neigen, die Gegenwart fortzuschreiben, während Transformationsprozesse naturgemäss nicht linear verlaufen. 

Wir beobachten häufig zwei Arten von Ineffizienzen: Auf der einen Seite werden neue Lösungen, sei es in Energiesystemen, Materialien oder industriellen Prozessen, oft unterschätzt. Deren Adoptionsgeschwindigkeit, Skalierbarkeit oder wirtschaftliche Tragfähigkeit wird falsch eingeschätzt, was zu nicht ausreichend gewürdigtem Aufwärtspotenzial führt.

Auf der anderen Seite werden traditionelle Geschäftsmodelle teilweise zu hoch bewertet, obwohl sie erheblichen strukturellen Risiken ausgesetzt sind. Märkte gehen oftmals von graduellen Veränderungen aus, obwohl Disruptionen sich deutlich schneller beschleunigen können. Gleichzeitig ermöglicht uns unser Verständnis von Systemtransformationen, jene etablierten Unternehmen zu identifizieren, die sich erfolgreich neu ausrichten und transformieren können.

Die Nutzung solcher Fehlbewertungen setzt ein systematisches Verständnis voraus, wie sich Wertschöpfungsketten verändern. Durch die Analyse von Herausforderungen, Lösungen und der Entwicklung wirtschaftlicher Systeme können wir erkennen, wo Märkte noch auf veralteten Annahmen basieren. Diese Perspektive hilft uns dabei, Portfolios nicht nur für die aktuellen Rahmenbedingungen, sondern für die Wertschöpfung von morgen auszurichten.

Neben institutionellen Mandaten bauen Sie das Wholesale-Geschäft und alternative Anlagen aus. Wo sehen Sie die wichtigsten Wachstumstreiber der kommenden Jahre?

Wir beginnen nicht bei Anlageklassen oder Vertriebskanälen. Wir beginnen mit einer einzigen Frage: Wo kann differenziertes Denken einen Mehrwert für Kunden schaffen? Unsere Stärke resultiert aus der Anwendung eines konsistenten Research-Rahmens über verschiedene Anlageklassen hinweg. 

Im Bereich der alternativen Anlagen sehen wir Chancen dort, wo strukturelle Transformationen besonders sichtbar werden, beispielsweise bei Private-Equity-Secondaries, Asset-backed Lending, regenerativen Wertschöpfungsketten oder Übergangsmaterialien für die Transformation. 

Auch im Wholesale-Bereich vollzieht sich ein bedeutender Wandel. Kunden suchen nicht mehr lediglich Produkte, sondern Erkenntnisse, forschungsbasierte Erkenntnisse und echte Partnerschaft. Die Fähigkeiten, die wir in der Betreuung anspruchsvoller institutioneller und privater Kunden entwickelt haben, lassen sich daher auf eine breitere Kundenbasis übertragen.

Welche Rolle werden alternative Anlagen künftig in einem diversifizierten Portfolio spielen, insbesondere vor dem Hintergrund strukturell tieferer Renditeerwartungen?

Alternative Anlagen werden zunehmend zu einem wichtigen Bestandteil von Portfolios. Dies liegt nicht nur am Renditeumfeld, sondern auch daran, dass sie Zugang zu Bereichen der Wirtschaft ermöglichen, die an öffentlichen Märkten oft nicht vertreten sind.

Viele strukturelle Transformationen, insbesondere in Infrastruktur, neuen industriellen Lösungen oder sogenannten land-based value chains, finden ausserhalb der kotierten Märkte oder in früheren Entwicklungsphasen statt. 

«Wir müssen keine Skalierung um ihrer selbst willen verfolgen.»

Alternative Anlagen ermöglichen einen direkteren Zugang. Ihre Rolle beschränkt sich daher nicht nur auf Diversifikation oder die Illiquiditätsprämie. Vielmehr erweitern sie das Opportunity Set und erschliessen Quellen künftiger Wertschöpfung, die sonst schwer zugänglich wären.

Als Partnerschaft ohne kurzfristigen Aktionärsdruck können Sie anders agieren als börsenkotierte Anbieter. Wo wird dieser Vorteil im Investmentprozess und in der strategischen Ausrichtung konkret spürbar?

Unsere Partnerschaftsstruktur ermöglicht es uns, den Anlagehorizont stärker an jenen unserer Kunden anzupassen, ohne dem Druck kurzfristiger Aktionärserwartungen ausgesetzt zu sein. Konkret bedeutet dies, dass wir Positionen eingehen können, die Zeit benötigen, um ihr Potenzial zu entfalten, in Research-Kompetenzen investieren können, die nicht unmittelbar kommerzielle Ergebnisse liefern, und wenn nötig gegen den Konsens argumentieren können. 

Zudem können wir beim Wachstum unseres Geschäfts diszipliniert vorgehen. Wir müssen keine Skalierung um ihrer selbst willen verfolgen, wenn dies die Qualität oder Relevanz unseres Angebots beeinträchtigen würde. 

Diese Stabilität unterstützt eine konsistente Anlagephilosophie und eine klare strategische Ausrichtung. Der eigentliche Vorteil liegt jedoch nicht allein in der Struktur selbst, sondern in der Qualität der Entscheidungen, der Tiefe der Analyse und der Ausrichtung auf die langfristigen Ziele unserer Kunden.

Welche Bedeutung hat der Hauptsitz «1Roof» für die Zusammenarbeit zwischen Investment, Research und Distribution und, wie wirkt sich dies auf die Qualität der Anlageentscheidungen aus?

Der Hauptsitz «1Roof» ist der physische Ausdruck unserer Vorstellung davon, wie eine Investmentorganisation funktionieren sollte. Das Gebäude wurde rund um Transparenz, Energie, Offenheit und Ästhetik konzipiert und nicht entlang von Hierarchien, Abgrenzung und Distanz. 

Dies ist keine rein architektonische Entscheidung, sondern Ausdruck der Überzeugung; Asset Management ist im Kern ein Geschäft der Ideen. Die Qualität von Anlageentscheidungen hängt wesentlich von der Qualität der Interaktionen ab: davon, wie Menschen sich gegenseitig herausfordern, Perspektiven austauschen und bereichsübergreifend Überzeugungen entwickeln.

Indem Investment-, Research- und Distribution-Teams in engerem und fliessenderem Austausch zusammenarbeiten, fördert das Gebäude genau diese Dynamik. Es schafft eine Kultur, in der Ideen freier zirkulieren und Annahmen offener hinterfragt werden können. In diesem Sinne ist der Hauptsitz weit mehr als ein Arbeitsort. Er trägt aktiv dazu bei, wie wir denken und damit auch zur Qualität unserer Entscheidungen.


Bettina Ducat ist Co-Head von Lombard Odier Investment Managers (LOIM).