Weshalb immer mehr Firmen die Börse meiden
Möglichst schnell an die Börse? Das war einmal. Unternehmen bleiben heute deutlich länger privat als noch vor zwanzig oder dreissig Jahren.
Für Alan Coffey, Direktor beim schottischen Investor Baillie Gifford, ist diese Entwicklung kein kurzfristiger Trend, sondern das Resultat tiefgreifender struktureller Veränderungen seit der globalen Finanzkrise. «Verschärfte Regulierung und zunehmender administrativer Aufwand haben das Leben als börsenkotiertes Unternehmen für viele Gründer und CEOs weniger attraktiv gemacht», sagt er. Gleichzeitig sei die Kapitalverfügbarkeit in den privaten Märkten enorm gewachsen.
Diese beiden Faktoren – höhere «Kosten» des Börsengangs und reichlich privates Kapital – hätten dazu geführt, dass der klassische Weg vom Startup über den IPO nicht mehr zwingend sei. Für viele Unternehmen sei der Gang an die Börse heute eher Option als Notwendigkeit. «Die Kopfschmerzen, die ein börsennotiertes Unternehmen haben kann, lassen sich vermeiden, indem es länger privat bleibt, was durch die Tiefe des auf privaten Märkten verfügbaren Kapitals unterstützt wird», so Coffey.
Das Dilemma der öffentlichen Investoren
Für traditionelle Aktieninvestoren stellt diese Entwicklung jedoch ein Problem dar: Ein immer grösserer Teil der Wertschöpfung findet ausserhalb der Börse statt.
Genau vor dieser Herausforderung stand Baillie Gifford bereits vor rund 15 Jahren. Als reiner Public-Markets-Investor mit einer über hundertjährigen Geschichte drohte man, den Zugang zu einigen der spannendsten Wachstumsunternehmen zu verlieren.
Die Antwort darauf war bewusst evolutionär und nicht revolutionär. In enger Abstimmung mit langjährigen Kunden entwickelte Baillie Gifford Strukturen, die es erlauben, innerhalb bestehender Mandate auch private Unternehmen zu halten: sei es über segregierte Mandate oder über Investment Trusts, die öffentliche und private Beteiligungen kombinieren. Das bekannteste Beispiel ist der Scottish Mortgage Investment Trust, der gezielt beide Welten verbindet.
Gründer wählen Baillie Gifford – aus diesem Grund
Dass Baillie Gifford früh bei Unternehmen wie Tesla, SpaceX oder Amazon investiert war, ist kein Zufall. Coffey verweist auf drei zentrale Gründe, weshalb Gründer und Managementteams gezielt die Zusammenarbeit mit einem europäischen Langfristinvestor suchen.
Erstens verfüge Baillie Gifford über eine ausgeprägte Wachstums-DNA und eine globale Reputation als geduldiger Kapitalgeber. Zweitens bringe der Asset Manager durch seine starke Public-Markets-Kompetenz Erfahrung für Unternehmen mit, die langfristig einen Börsengang anstreben. Drittens spiele der extrem lange Anlagehorizont eine entscheidende Rolle: «Wir halten Beteiligungen teilweise über 20 Jahre. Das ist äusserst attraktiv», sagt er.
Diese Langfristigkeit macht Baillie Gifford für Unternehmen attraktiv, die ihre Investorenbasis bewusst von kurzfristig orientierten Kapitalgebern zu strategischen Eigentümern entwickeln wollen. Hinzu kommt ein aktiver, aber nicht aktivistischer Dialog – etwa bei Fragen zur Governance, zur Zusammensetzung des Verwaltungsrats oder zur Wahl des Börsenplatzes.
Wann verkauft ein Langfristinvestor?
Trotz des langfristigen Ansatzes stösst auch Baillie Gifford Beteiligungen regelmässig ab. Entscheidend ist dabei die Frage nach dem künftigen Wachstumspotenzial. «Wenn sich abzeichnet, dass ein Unternehmen seinen strukturellen Wachstumspfad ausgeschöpft hat oder attraktivere Opportunitäten entstehen, schichten wir Kapital um», sagt er.
Dabei unterscheidet Coffey zwischen offenen, «evergreen» Strukturen und geschlossenen Fonds mit definierten Laufzeiten. Während Public-Markets-Strategien durchaus über Jahrzehnte investiert bleiben können, sind Private-Market-Fonds stärker an Mandate und Zeitfenster gebunden – etwa mit Exits nach einem IPO oder nach Ablauf einer Lock-up-Periode.
Öffentliche und private Märkte als integriertes System
Ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil von Baillie Gifford liegt laut Coffey in der engen Verzahnung von Public- und Private-Markets-Teams. Die Investoren sitzen nicht in Silos, sondern tauschen sich kontinuierlich aus. Coffey: «Früher reichte der Blick auf börsenkotierte Unternehmen. Heute nicht mehr – Innovation findet zunehmend im privaten Bereich statt.» Diese «Pattern Recognition» helfe, neue Trends frühzeitig einzuordnen.
KI, Raumfahrt und der Mut zur Zurückhaltung
Auf die Frage nach den grossen Investmentthemen der kommenden Jahre zeigt sich Coffey bewusst zurückhaltend. Prognosen seien oft mehr Wunschdenken als Analyse. «Wir sind demütig genug zu sagen: Wir wissen nicht, was in fünf, zehn oder zwanzig Jahren passiert. Aber wir versuchen, transformative Trends früh zu erkennen», betont er.
2018 habe kaum jemand die Raumfahrt als Investmentthema gesehen, heute ist es hochaktuell. Deshalb gebe man bei Baillie Gifford den Teams Freiraum für Forschung. «KI ist derzeit das dominierende Thema, aber wir sind vorsichtig. Wir haben nur selektiv investiert, etwa in Anthropic, weil wir dort klare Differenzierung und langfristiges Potenzial sehen.»
Verteidigungstechnologie: vom Tabu zum Thema
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel im Bereich Defence Technology. Der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 wirkte als Katalysator, doch die technologische Transformation der Verteidigung habe bereits zuvor begonnen. Software, Sensorik, autonome Systeme und Drohnen verändern die Logik moderner Kriegsführung grundlegend.
Auch hier folgt Baillie Gifford keinem thematischen «All-in»-Ansatz. Investiert wird ausschliesslich in Unternehmen mit nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen. Ein Beispiel ist Tekever aus Portugal, ein Anbieter autonomer Überwachungsdrohnen, der sowohl staatliche als auch zivile Kunden bedient und bereits signifikante Umsätze erzielt.
Coffey: «Bemerkenswert ist auch der Wandel im ESG-Narrativ: Was früher ausgeschlossen war, wird heute zunehmend als notwendig betrachtet.» Auch institutionelle Investoren – inklusive Pensionskassen – hätten ihre Haltung komplett geändert: «Verteidigung ist heute ein akzeptiertes, ja diskutiertes Thema.»












