Zwei Frauen, 13 Expertinnen und eine Botschaft an die Finanzbranche

Wer an eine Buchvernissage zu Themen wie Wealth Management, ESG oder Asset Allocation denkt, erwartet vermutlich nüchterne Fachdebatten und analytische Diskussionen. In der gut gefüllten Hiltl-Akademie herrschte an diesem Abend jedoch eine andere Stimmung. Unter den Gästen befanden sich auffallend viele Frauen – wenig überraschend angesichts der 13 Expertinnen, die an den beiden Büchern mitgewirkt haben.

Ein Abend voller Herzblut

Besonders zu Herzen ging finews die Emotion und Leidenschaft, mit der Karen Wendt und Marta Ra, die beiden Herausgeberinnen, über ihr Projekt sprachen. Zeitweise entstand sogar der Eindruck, sie seien den Tränen nahe. Tränen, der Freude.

Ein ungewohnter Anblick in einer Branche, die sich sonst eher über Zahlen und Rationalität definiert. 

Die Leidenschaft, die Emotionen, sie kamen nicht von ungefähr. Die Bücher, die an diesem Abend präsentiert wurden, sind auch das Ergebnis von Erfahrungen, die Wendt und Ra über Jahre hinweg in der Finanzbranche gesammelt haben. Erfahrungen, die ihnen gezeigt haben, dass Frauen zwar längst mitentscheiden, ihre Expertise aber noch weniger sichtbar ist als die der männlichen Kollegen.

Marta Ra (links) und Karen Wendt. (Bild: Philipp Staudacher)

Vom «Meer voller Männer» zur eigenen Buchreihe

Für Karen Wendt, Präsidentin der Swiss Fintech Ladies und von Sustainable Finance in Cham, war eine Konferenz des Crypto Valley im Jahr 2019 ein Schlüsselmoment. «Als ich einen Blick ins Publikum warf, sah ich ein Meer voller Männer», erinnert sie sich. Während der Frauenanteil im klassischen Asset Management heute immerhin bei 20 bis 30 Prozent liege, habe er dort damals vielleicht gerade einmal drei Prozent betragen.

Diese Szene habe ihr eindrücklich vor Augen geführt, dass Frauen gerade in neuen, technologiegetriebenen Finanzbereichen noch immer untervertreten sind. Mit den Publikationen wolle sie deshalb nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Vorbilder sichtbar machen. «Viele Frauen schauen auf andere Frauen und denken: Wenn sie das kann, dann kann ich das auch», sagt Wendt.

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Karen Wendt, Präsidentin von Swiss Fintech Ladies und Sustainable-Finance in Cham. (Bild: Philipp Staudacher)

«Damals hat das kaum jemand hinterfragt»

Auch für Marta Ra hat das Thema einen persönlichen Ursprung. Während ihres Ökonomie-Studiums und ihrer Doktorarbeit in St.Gallen seien die meisten Lehrbücher von Männern verfasst worden. «Damals hat das kaum jemand hinterfragt», sagt sie rückblickend.

Mit der Gründung von Women in Sustainable Finance vor rund sieben Jahren begann sie jedoch, diese Strukturen nicht nur aktiv zu hinterfragen.  Sondern aktiv dazu beizutragen,  dass mehr Frauen in Positionen kommen, in denen über Kapitalströme und Investitionsentscheide entschieden wird. Die Buchreihe versteht Ra deshalb auch als Beitrag dazu, weibliche Stimmen in der Finanzwelt sichtbarer zu machen. Die Entschuldigung; Es gibt keine Fachpersonen in diesem Gebiet, soll damit nicht mehr gelten, so Ra weiter: Jetzt seien sie sichtbar.

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Marta Ra, Mitgründerin und Präsidentin von Women in Sustainable Finance. (Bild: Philipp Staudacher)

An 36'000 Universitäten vertreten

Aus diesen Erfahrungen entstand die Idee für eine Publikation, die weibliche Perspektiven im Wealth- und Asset-Management sichtbarer machen soll. Insgesamt 13 Frauen in Führungspositionen steuerten Beiträge zu Themen wie ESG, Impact Investing, künstlicher Intelligenz und der Zukunft nachhaltiger Kapitalanlagen bei. Das Vorwort stammt von Amandine Favier vom WWF Schweiz, die ihre Karriere als Traderin begonnen hatte und heute zu einer der Expertinnen gilt im Bereich nachhaltiges Anlegen in der Schweiz. Die beiden Bücher «Sustainable Wealth Management» und «Sustainable Asset Management» sind an rund 36'000 Universitäten weltweit verfügbar und damit weit über die Schweizer Finanzbranche hinaus präsent.

«ESG hat an Glaubwürdigkeit verloren»

Beim Thema ESG sehen die beiden Autorinnen Nachholbedarf. «ESG hat teilweise an Glaubwürdigkeit verloren, weil es oft als reines Marketinginstrument verwendet wurde», sagt Ra. Viele Portfolios hätten sich trotz ESG-Label kaum von herkömmlichen Anlagen unterschieden. Entscheidend sei deshalb nicht das Label selbst, sondern die Frage, ob ein ESG-Framework tatsächlich zu anderen Anlageentscheiden führe.  Doch hier habe ein Umdenken stattgefunden, sind sich beide einig: «Wenn sich das Portfolio am Ende nicht verändert, bleibt ESG eine reine Check-the-box-Übung», ergänzt Wendt.

Zudem werde ESG häufig mit nachhaltigem Investieren gleichgesetzt, obwohl es ursprünglich als Risikomanagement-Framework konzipiert worden sei. Wirkliche Wirkung, schreiben die Autorinnen in den Beiträgen, entstehe im Bereich Impact Investing oder durch sogenanntes Active Ownership. Hier sehen die Herausgeberinnen die Zukunft des nachhaltigen Investierens: «Gerade im Sekundärmarkt ist die aktive Ausübung von Stimmrechten oft das wirksamste Instrument, um Veränderungen anzustossen», sagt Wendt.

Die Zukunft ist datengetrieben – aber nicht wertfrei

Für die Zukunft wünschen sich die beiden Fachfrauen auch einen breiteren Blick auf Nachhaltigkeit. «Nachhaltigkeit wird künftig stärker über Resilienz und Transparenz definiert werden müssen», ist Ra überzeugt. Klassische Fokussierung auf ESG-Daten allein reichten in einer geopolitisch und wirtschaftlich zunehmend volatilen Welt nicht mehr aus.

Trotz der technologischen Fortschritte sehen die beiden Herausgeberinnen KI nicht als Ersatz für menschliche Entscheidungen. Das gilt auch im Bereich Nachhaltigkeit. «Eine KI kann analysieren, aber sie kann keine Werte definieren», sagt Wendt. Die Technologie könne Portfolios optimieren und komplexe Datenmengen auswerten. Die Frage, wofür Kapital letztlich eingesetzt werden solle, bleibe jedoch eine menschliche Entscheidung.

Die Generation Sinn

Diese Frage gewinnt ihrer Ansicht nach gerade bei jüngeren Generationen an Bedeutung. Viele junge Anlegerinnen und Anleger wollten heute nicht mehr nur Rendite erzielen, sondern mit ihrem Geld auch etwas bewirken.

«Sie wollen wissen, welchen Einfluss ihr Kapital tatsächlich hat», erläutert Ra. Besonders gefragt seien deshalb thematische Investments in Bereichen wie Energiewende, Gesundheit, Bildung oder Longevity. Gleichzeitig warnen die Autorinnen davor, alles auf ein einzelnes Trendthema zu setzen. Nachhaltiges Investieren bedeute nicht, auf Diversifikation zu verzichten, sondern finanzielle Ziele und persönliche Werte miteinander zu verbinden. Nachhaltigkeit und Rendite sollen sich nicht ausschliessen, sind beide Bankerinnen überzeugt.

Warum Frauen anders investieren

Dass Frauen dabei oft einen etwas anderen Blick auf Investments haben, halten die beiden nicht für ein Klischee. Laut verschiedenen Studien, unter anderem der UBS, interessieren sich Investorinnen stärker für den langfristigen Impact ihrer Anlagen und handeln häufig disziplinierter. Und das alleine sei schon ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.

«Viele Frauen denken nicht nur an die eigene Rendite, sondern auch an Familie, Kinder und gesellschaftliche Verantwortung», äussert Wendt. Interessanterweise scheine sich genau dieser langfristige Ansatz auszuzahlen. Studien würden zeigen, dass Frauen langfristig teilweise sogar höhere Renditen erzielen als Männer.

«Man sollte wie ein Family Office investieren», legt Wendt nahe. Gemeint sei damit ein Ansatz, der nicht nur den Vermögensinhaber selbst, sondern auch dessen Familie,  die Gesellschaft und die langfristige Auswirkungen mit berücksichtigt.

«Trau dich!»

Jungen Frauen in der Finanzbranche möchten die beiden Herausgeberinnen mit ihrem Wirken Mut machen. Sichtbarer werden, ihre  Netzwerke pflegen und die eigene Stimme erheben – darauf komme es an. Auch dazu sollen die beiden Bücher dienen. «Trau dich!», appelliert Wendt. «Es braucht Mut, sich in einer männlich geprägten Branche mit der eigenen Haltung zu zeigen.»