Sie haben Copilot bekommen. Und jetzt?

Von Andreas K. Janoschek *

Seit einiger Zeit beobachte ich bei manchen Grossunternehmen dasselbe Muster. Die IT-Abteilung stellt Werkzeuge bereit, vielleicht gab es eine Basisschulung, doch die Fachabteilung muss selbst herausfinden, wofür sie KI genau nutzt. Manche haben Microsoft Copilot mit Zugriff auf E-Mails und Dokumenten, aber nur mit der Intelligenz aus dem Microsoft-Universum. Andere haben Zugriff auf ChatGPT, Claude oder NotebookLM, oft aber isoliert, ohne Zusammenhang. Dazu kommen Agenten, und häufig ist nicht klar, ob es sich um echte KI-Agenten handelt oder lediglich um sogenannte deklarative Agenten. Letzteres ist im Kern nur ein System-Prompt mit Werkzeugzugriff.

Wie also setzt man als Führungs- oder Fachkraft in einer Versicherung, einer Bank oder einem grösseren Vermögensverwalter die von der IT vorgegebenen Werkzeuge sinnvoll ein?

Mein erster Rat: Organisieren Sie sich in Projekten. In Claude und ChatGPT heisst diese Funktion Projekt, in Microsoft Copilot Notebook. Gemeint ist dasselbe, ein Arbeitsbereich, der ihre Quellen, Chats und Ergebnisse an einem Ort bündelt. Viele machen den Fehler, Chats immer länger werden zu lassen, bis das Modell in den sogenannten Kontext-Überlauf gerät.

Lautet ihr Projekt etwa, eine umfassende Makroanalyse zum Quartalsende zu erstellen, dann ist das das Projekt. Sortieren Sie die einzelnen Themen nach Chats, Rohstoffpreise in den einen, Zinsen in den anderen. Haben Sie externes Research als Input, etwa von drei Banken, dann laden Sie es ins Projekt, sofern deren Nutzungsbedingungen die KI-Verarbeitung nicht ausschliessen. Im einzelnen Chat diskutieren Sie dann zum Beispiel die unterschiedlichen Zinsprognosen der drei Banken und ergänzen sie um Ihre eigene Einschätzung. Das Ergebnis laden Sie als Artefakt, also als eigenes Ergebnisdokument, zurück in das Projektwissen. So kommen Sie Schritt für Schritt ans Ziel.

Profi-Tipp: Haben Sie die einzelnen Artefakte zu ihren Themen erstellt, Zinsen, Währungen, Rohstoffe, Aktien, dann löschen Sie die drei Originalquellen der Banken wieder aus dem Projektwissen. Erstellen Sie nun einen neuen Chat mit einer Designvorlage und dem Prompt: «Erstelle mir den Entwurf für die Makroanalyse zum Quartalsende auf Basis der Designvorlage und der Artefakte zu den einzelnen Themen.» Dann werden nur noch ihre eigenen Artefakte verwendet, und Sie verhindern, dass das Modell Aspekte aus den drei Primärquellen der Banken ungefragt wieder hineinzieht. Sie entfernen die Primärquellen nur aus dem Arbeitsbereich. Im Enddokument führen Sie sie weiterhin als Quelle auf, so bleibt nachvollziehbar, worauf ihre Analyse beruht.

Organisieren Sie sich in Projekten. Lassen Sie Chats nicht zu lang werden. Und achten Sie darauf, welche Quellen wann und wo einfliessen. Sie werden sehen, es macht einen Unterschied.


* Andreas K. Janoschek ist Gründer von Gerevest.AI in Genf. Zuvor war er Portfoliomanager bei Allianz Global Investors und CIO eines Lebensversicherers. Er hilft Banken, Versicherern und Vermögensverwaltern, KI sicher und souverän einzusetzen. 

Dies ist die zweite Kolumne zum praktischen Einsatz von KI in der Finanzbranche. Feedback, Fragen oder Anregungen können Sie gerne an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. senden.