Notenbanken stehen vor schwierigen Entscheidungen
Die wieder deutlich gestiegenen Energiepreise durch den Krieg am Persischen Golf machen es den Volkswirten schwer, eine klare Einschätzung zur Inflationsentwicklung zu liefern. Die Frage bleibt, inwiefern sich die höheren Energiepreise auf den Konsum, die Inflation und die Konjunktur auswirken und vor allem, ob sie zu Zweitrundeneffekten bei den Löhnen und Dienstleistungen führen werden.
Für die Septembersitzung des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB), die diesmal als alljährlicher «Aussentermin» in Berlin und nicht in Frankfurt stattfinden wird, sind die Erwartungen klar. Alles andere als eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf dann 2,5 Prozent wäre eine Überraschung.
An der Juni-Sitzung, bei der ebenfalls ein Schritt um 25 Basispunkte beschlossen wurde, hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde (Bild unten) eine Liste von Kriterien genannt, die man bei der Zinsentscheidung berücksichtigen werde.

(Bild: EZB)
«Einige Ratsmitglieder haben sich gefragt, ob wir nicht eine Zinserhöhung in Betracht ziehen sollten», hatte Lagarde im Juni gesagt. «Wir waren angemessen positioniert, um abzuwarten und in den kommenden Wochen sehr aufmerksam die Entwicklung der Situation und die Daten zu verfolgen, die wir in den nächsten Wochen erhalten werden.» Das wurde von Beobachtern als Signal gewertet, dass man sich für eine Anhebung im September bereit macht.
Zinserhöhung eher Absicherung als Notwendigkeit
Rein auf Basis der jüngsten Konjunkturdaten ist die Zinsanhebung gemäss verschiedenen Ökonomen nicht zwingend. «Sowohl die Preisindizes der Einkaufsmanagerindizes (PMI) als auch das Wachstum der ausgehandelten Löhne und die umfragebasierten Inflationserwartungen deuten auf einen nachlassenden zugrunde liegenden Preisdruck hin», schreibt etwa Laura Cooper vom amerikanischen Vermögensverwalter Nuveen. Sie sieht den erwarteten Schritt daher eher als Absicherung, sollten sich doch Zweitrundeneffekte bemerkbar machen.
USA: Mehrheit rechnet nicht mit Zinsschritt vor den Midterms
Anders als in der Eurozone rechnet die Mehrheit der Experten in der kommenden Woche bei der Tagung des Offenmarktausschusses der Federal Reserve (FOMC) nicht mit einem Zinsschritt. Die Spanne läge damit weiterhin bei 3,50 bis 3,75 Prozent.
Auch in den USA drückt der hohe Ölpreis auf die Konjunktur und treibt die Inflation. Notenbankchef Kevin Warsh hatte zuletzt Sorge über die hartnäckige Inflation geäussert und nannte den Arbeitsmarkt zugleich «recht stabil». Die Gesamt- und die Kerninflation in den USA sind im Juli weiter zurückgegangen, auf 3,4 respektive 2,5 Prozent. Anfang der Woche hatten überraschend gute Zahlen vom Arbeitsmarkt ausserhalb der Landwirtschaft die Erwartungen für einen Zinsschritt steigen lassen.
Abweichend vom Konsens stehen bei den Experten der Bank of America die Zeichen klar auf weitere Zinsschritte der Fed. Bis Jahresende rechnen sie mit plus 75 Basispunkten. Das robuste Wirtschaftswachstum und die hartnäckige Inflation sprächen für eine Anhebung. «Das Wachstum ist solide, der Arbeitsmarkt befindet sich weitgehend im Gleichgewicht, die Inflation ist nach wie vor zu hoch, um Entwarnung zu geben, und die Geldpolitik ist zu locker geworden», heisst es in ihrer jüngsten Analyse.
Eine Zinsanhebung im Vorfeld der im November anstehenden Midterm-Wahlen würde zudem die Glaubwürdigkeit der Notenbank stützen und als ein Beleg für ihre Unabhängigkeit von der Politik gewertet.
Schweizerische Nationalbank in komfortabler Lage
Die jüngsten Konjunkturzahlen für die Schweiz mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 1,5 Prozent im zweiten Quartal hatten die Erwartungen der Volkswirte übertroffen. Laut den Experten von Swiss Life liegt das Wachstum über dem Potenzial.
«Würde sich das Wachstum der Binnennachfrage in diesem Tempo fortsetzen, wären Überhitzungserscheinungen die Folge», heisst es hierzu. Dann müssten Inflationsrisiken in Betracht gezogen werden. Diese seien jedoch weiterhin nicht zu erkennen.
Zweitrundeneffekte in Reaktion auf die höheren Energiepreise seien bisher sowohl auf Hersteller- als auch auf Konsumentenstufe ausgeblieben. Im August lag die Teuerung auf Jahressicht bei 0,8 Prozent.
Frankenabschwächung hilft den Exporteuren
Das bedeutet für die Nationalbank, dass die expansive Nullzinspolitik erst einmal weitergeführt werden kann. «Aktuell ist der Inflationsdruck noch zu tief, und auch der Franken ist zu stabil, als dass man etwas an der Zinsschraube ändern müsste», sagte jüngst Caroline Hilb von Raiffeisen in einem SRF-Interview.
Dass sich der Euro gegenüber dem Franken in den vergangenen Wochen spürbar erholt hat, ist für die Schweizer Exportwirtschaft eine kleine Erleichterung. Der Effekt der importierten Inflation ist dabei eher zu vernachlässigen.















