Grosse Unsicherheit kurz vor dem Fed-Entscheid
Laut dem CME-FedWatch-Tool rechnen derzeit noch 63,5 Prozent der Marktteilnehmer damit, dass die Fed die Leitzinsen unverändert lässt. Eine Woche davor gingen fast 85 Prozent von einer «Zinspause» aus.
Auf der anderen Seite erwarten aktuell 36,5 Prozent eine Zinserhöhung um mindestens 25 Basispunkte. Vor einer Woche lag dieser Anteil noch bei 15,5 Prozent.
So kurz vor einer Fed-Sitzung (der Entscheid wird am Mittwochabend bekanntgegeben) ist eine derart gespaltene Erwartungshaltung ungewöhnlich. Entscheidend wird sein, wie der neue Fed-Chef Kevin Warsh die Inflationsentwicklung und den jüngsten Ölpreisanstieg einordnet.
Ein weiterer Grund zur Sorge ist, dass der Index der persönlichen Konsumausgaben (PCE) – das von der Fed bevorzugte Inflationsmass – weiterhin auf einem erhöhten Niveau verharrt. Der PCE «liegt weiterhin deutlich über dem 2 Prozent-Ziel der Fed», schreibt der Stratege Ed Yardeni von Yardeni Research.
Widersprüchliche Inflationssignale
Die US-Wirtschaft schuf im Juni lediglich 57’000 neue Arbeitsplätze, was deutlich unter den Konsensschätzungen lag. Die Verbraucherpreise stiegen im Juni gegenüber dem Vorjahr um 3,5 Prozent und damit weniger als erwartet; im Mai lag die Inflationsrate noch bei 4,2 Prozent. Auch der Kern-Verbraucherpreisindex, bei dem die schwankungsanfälligen Preise für Nahrungsmittel und Energie ausgeklammert werden, fiel niedriger aus als im Vormonat.
Chengjun Chris Wu, Senior Portfolio Manager bei Federated Hermes, bringt es auf den Punkt. «Angesichts widersprüchlicher Inflationssignale gestaltet sich der Entscheidungsprozess der US-Notenbank zunehmend komplex», sagt er. Sinke die Inflation weiter, könnte die Fed nach seiner Einschätzung später wieder über Zinssenkungen nachdenken. Bleibe der Preisdruck dagegen hoch, könnten auch höhere Zinsen wieder zum Thema werden.
Anhaltende Schwankungen bei den Ölpreisen könnten sich laut der Bank of America «dauerhaft in der Kerninflation festsetzen». Die übliche geldpolitische Reaktion, kurzfristige Rohstoffschocks zu ignorieren, stösst laut der BofA an ihre Grenzen, weil Preise bei Waren und Dienstleistungen kaum noch nach unten flexibel sind und sich Ölpreisschwankungen dadurch dauerhaft auswirken könnten.
Fed vor einer besonders knappen Entscheidung
Für die US-Notenbank rechnet die BofA im Basisszenario weiterhin mit einer unveränderten Federal Funds Rate von 3,50 bis 3,75 Prozent. Ein zuletzt rund 10-prozentiger Sprung beim WTI-Ölpreis mache die Entscheidung aber «extrem knapp», heisst es in einem Bericht.
Jenny Zeng, CIO Fixed Income bei Allianz Global Investors, schreibt: «Die Fed bleibt in Wartestellung und behält Inflationsrisiken fest im Blick.» Allianz geht davon aus, dass die Fed die Zinsen im Juli unverändert lassen wird, ergänzt aber auch. «Trotz einer gewissen Entspannung bei der Inflation sind die Entscheidungsträger weiterhin besorgt über anhaltenden Preisdruck und Aufwärtsrisiken. Wir rechnen weiterhin mit einer Straffung um 50 Basispunkte bis zum Jahresende.»
Blerina Uruci, US-Chefvolkswirtin bei T. Rowe Price, erwartet ebenfalls, dass die Fed ihre Zinsen vorerst unverändert lässt. «Die schwächere Inflation spricht für Stabilität, doch Energiepreise, KI und der Arbeitsmarkt bleiben Risiken», schreibt sie kurz vor dem Entscheid.
«In eine andere Richtung»
«Unsere Annahme zu Beginn des Juni war, dass der Inflationsanstieg nur vorübergehender Natur sein würde, und die Juni-Daten entsprachen dieser Einschätzung», sagt Don Rissmiller, Chefökonom bei Baird Strategas. Das Problem sei jedoch, dass die Rahmenbedingungen darauf hindeuteten, dass künftige Daten «in die andere Richtung gehen werden», erläutert Rissmiller. Dabei verweist er auf den Konflikt im Nahen Osten, neue Zölle und Probleme bei der Verfügbarkeit von Arbeitskräften.
«Auf der Pressekonferenz nach der letzten Zinssitzung deutete Fed-Chef Kevin Warsh an, dass er keine Forward Guidance mehr geben werde. Wie bereits erwähnt, ist das nicht ungewöhnlich», schrieb Michael Feroli von J.P. Morgan.
«Ungewöhnlicher war jedoch, dass er den Entscheidungsprozess des Ausschusses hinter dem an diesem Tag gefassten Beschluss nicht erläuterte und lediglich sagte: ‹Ich habe über die Erklärung selbst hinaus nichts hinzufügen.› Ausserdem wich er ausführlicheren Erörterungen der wirtschaftlichen Entwicklung aus.»
Harte Rhetorik oder Zinserhöhung?
Die deutlich höheren Erwartungen für eine Zinserhöhung am Mittwoch haben sich laut Kevin Thozet, Mitglied des Investment Committee von Carmignac, «teilweise parallel zu den Energiepreisen entwickelt». Doch die Gründe für eine restriktivere Haltung der Fed gingen über die Kraftstoffpreise hinaus. «Abschiebungen und eine alternde Bevölkerung führten dazu, dass die amerikanische Erwerbsbevölkerung schrumpft. Selbst wenn es im Iran erneut zu einem Waffenstillstand oder einem Memorandum of Understanding käme, könnte das Potenzial für eine Zinserhöhung bestehen bleiben.»
Die entscheidende Frage sei, ob Warsh lediglich versuche, die Erwartungen zu beeinflussen, oder ob er den Boden für einen echten geldpolitischen Kurswechsel bereite. «Vorerst könnte seine harte Rhetorik bereits einen Teil der Arbeit übernehmen, doch dieser Effekt wird nicht unbegrenzt anhalten: Die Märkte werden schliesslich einen tatsächlichen Zinsschritt als Beweis verlangen.»
Unterschiedliche Erwartungen für 2026
J.P. Morgan erwartet dagegen, dass die Fed in diesem Jahr mit Zinsschritten gänzlich pausiert und dann ab 2027 moderat lockern werde. Barclays geht noch weiter: Chefökonom Marc Giannoni rechnet in den USA mit unveränderten Leitzinsen bis Ende 2027.
Anders etwa die Sicht der Bank of America. Sie erwartet gleich drei Erhöhungen im laufenden Jahr, konkret jeweils 25 Basispunkte im September, Oktober und Dezember. Die Deutsche Bank erwartet zwei Erhöhungen bis Jahresende.
Die begrenzten Hinweise von Fed-Chef Warsh, die erneute Zuspitzung des Konflikts am Golf und steigende Ölpreise machen diesen Zinsentscheid zu einem ungewöhnlich spannenden Ereignis.















