EZB bremst Revolut bei Produkte-Offensive aus

Nach Informationen aus dem Umfeld der europäischen Aufsichtsbehörde musste die Neobank im vergangenen Jahr ihre Prozesse zur Einführung neuer Produkte überarbeiten, nachdem Mängel bei Governance, Risiko- und Compliance-Strukturen festgestellt worden waren. Dies berichtet die «Financial Times».

Ausserdem wurde Revolut angewiesen, sicherzustellen, dass zukünftige Produkte von «Experten» genehmigt werden, die vom Unternehmen beschäftigt sind, und forderte den Vorstand der Bank auf, zu prüfen, wie sich neue Produkte auf das Kapital- und Liquiditätsniveau der Gruppe auswirken würden. 

Zusätzlich wurde eine externe Überprüfung der Risiko-, Compliance- und Rechtsfunktionen angeordnet. Für Aktivitäten ausserhalb Europas galten offenbar noch strengere Auflagen: Dort wurden Übernahmen sowie die Gewinnung neuer Kunden vorübergehend begrenzt.

Tempo gegen Kontrolle

Der Fall verdeutlicht den Balanceakt, vor dem schnell wachsende Fintechs stehen. Revolut-Gründer und CEO Nik Storonsky hat wiederholt betont, dass seine Mitarbeitenden möglichst eigenverantwortlich handeln und neue Produkte schnell entwickeln sollen. 

Gleichzeitig sorgt das hohe Innovationstempo regelmässig für Diskussionen mit Aufsichtsbehörden. Regulatoren verlangen insbesondere bei Banken robuste Kontrollsysteme, um Risiken für Kunden und das Finanzsystem frühzeitig zu erkennen.

Von 75 auf 115 Milliarden Dollar

Seit der Gründung im Jahr 2015 ist die Kundenzahl auf gut 75 Millionen gestiegen. Im vergangenen Jahr erhöhte Revolut den Vorsteuergewinn um 57 Prozent auf 1,7 Milliarden Pfund bei Erträgen von 4,5 Milliarden Pfund.

Revolut zählt mittlerweile zu den wertvollsten Fintech-Unternehmen Europas. Im Rahmen einer laufenden Aktienplatzierung wird das Unternehmen mit rund 115 Milliarden Dollar bewertet. Damit ist Revolut bereits jetzt mehr Wert, als etwa Grossbanken wie Barclays, BNP Paribas oder CaixaBank. Erst im vergangenen November lag die Bewertung noch bei 75 Milliarden Dollar, damals waren unter den Investoren beispielsweise Coatue, Greenoaks, Dragoneer und Fidelity. Teil der Transaktion war zudem auch eine Investition von NVentures, der Risikokapital-Sparte des Chipkonzerns  Nvidia.

Internationale Expansion läuft weiter

Trotz der regulatorischen Intervention setzt Revolut seinen Expansionskurs fort. In Europa wurden zuletzt unter anderem Hypotheken, Jugendkonten und weitere Bankdienstleistungen eingeführt. Zudem erhielt das Unternehmen eine Banklizenz in Mexiko und hat in den USA einen Antrag für eine eigene Bankzulassung eingereicht.

Das Institut betont, mit den Aufsichtsbehörden in einem kontinuierlichen und konstruktiven Dialog zu stehen. Die internen Kontroll- und Risikomanagementsysteme würden laufend weiterentwickelt und an die Erwartungen der Regulatoren angepasst.

Signal für Europas Fintech-Szene

Die britischen Regulierungsbehörden waren einst besorgt, ob das Unternehmen über die Risikofunktionen verfügte, um das rasante Wachstum aufrechtzuerhalten, erteilten Revolut jedoch im März nach Jahren der Blockade eine vollständige britische Banklizenz. Im April wurde Revolut in Italien mit einer Geldstrafe von 11,5 Millionen Euro belegt, weil es Kunden irreführende Informationen über Gebühren und Konditionen seiner Anlageprodukte gegeben hatte.

Laut «Financial Times» zeige all dies die grundsätzliche Herausforderung für Europas Finanzplatz: Einerseits sollen innovative Technologieunternehmen gefördert werden, andererseits verlangen Bankenaufsicht und Verbraucherschutz zunehmend strengere Kontrollen. Revolut gilt dabei als Paradebeispiel für den Konflikt zwischen schnellem Wachstum und regulatorischer Disziplin.

Sollte das Unternehmen eines Tages tatsächlich die angestrebte Bewertung von 200 Milliarden Dollar erreichen, würde Revolut in die Liga der weltweit wertvollsten Banken aufsteigen – und die Diskussion über die richtige Balance zwischen Innovation und Aufsicht weiter befeuern.